Leben und Werk von Tizian

Das Leben leuchten lassen

Niemand konnte Heilige und Helden so strahlend lebendig zeigen wie er. Tizian erschloss der Malerei neue Welten von Farbe und Licht, seine Bilder sind Rauschmittel für das Auge.
Das Leben leuchten lassen

Tizian: "Mariä Himmelfahrt", 1516–1518

Die Himmelfahrt führt geradewegs in den Farbenrausch. In flammend rotem Kleid und wehendem blauem Mantel wird Maria von Engelsscharen empor gehoben. Rot tragen auch zwei der Apostel, die erregt am leeren Grab gestikulieren, und die gelbe Lichtvision der himmlischen Sphäre überstrahlt sogar Gottvater. Der erwartet die Jungfrau mit offenen Armen - "l'Assunta", "die Aufgenommene", wird das Hochaltarbild der venezianischen Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari genannt.

Als das fast sieben Meter hohe Gemälde am 19. Mai 1518 enthüllt wurde, staunten die Venezianer. Sie waren bis dahin andächtige, entrückte Gruppen von Heiligen gewohnt, wie sie der zwei Jahre zuvor gestorbene Giovanni Bellini (um 1431 bis 1516) gemalt hatte. Dessen Schüler Tiziano Vecellio, genannt Tizian, bewies nun ein ganz anderes Temperament und setzte sich triumphal gegen den gotischen Riesenraum der Franziskanerkirche durch. Schon vom Hauptportal aus, über fast 100 Meter hinweg, ist die "Assunta" zu sehen, die glühende Malerei kann es selbst mit dem Sonnenuntergang aufnehmen, der durch die Fenster leuchtet.

Ein angesehener Maler war Tizian bereits vor diesem Auftrag, danach hatte er noch fast sechs Jahrzehnte voller Erfolge vor sich - eine der längsten und glanzvollsten Künstlerkarrieren aller Zeiten. Schon 1513 hatte Papst Leo X. ihn nach Rom eingeladen. Doch Tizian wollte seinen Marktwert lieber nutzen, um beim Rat von Venedig einen lukrativen Vertrag als Staatsmaler herauszuschlagen: Er bevorzugte zeitlebens Aufträge, die er an seinem Wohnort erledigen konnte.

Meister von Licht und Kolorit

Solche Sesshaftigkeit stand internationalem Ruhm nicht im Weg. Im Laufe der Jahre wurde die Malerwerkstatt immer mehr zum florierenden Versandhandel, der Fürsten, Geistliche und reiche Bürger in halb Europa belieferte. Tizian ließ sich seine Arbeit gut bezahlen. Ab 1531 konnte er sich einen Palazzo mit prächtigem Garten und Lagunenblick leisten.

Vor allem als Meister von Licht und Kolorit bleibt Tizian unerreicht. Zwar können auch Bilder von Vorgängern und Zeitgenossen, etwa von Raffael (1483 bis 1520), wie Juwelen funkeln. Doch bei Raffael und anderen Malern Mittelitaliens wird die Farbe durch präzise entworfene Umrisse gebändigt. Tizians Menschen, Dinge, Landschaften dagegen scheinen durch die Farbe selbst und deren Schattierungen erst ihre Form zu gewinnen. Röntgenaufnahmen bestätigen diesen Eindruck: Meist hat Tizian den Bildaufbau direkt auf der Leinwand entworfen und Einzelheiten erst im Laufe der Arbeit entwickelt.

Eine solche sinnlich-modellierende Malweise hatte vor allem Giorgione (um 1477 bis 1510) in Venedig eingeführt. Der Neuerer war in seinen letzten Lebensjahren so eng mit Tizian verbunden, dass bis heute etliche Gemälde mal dem einen, mal dem anderen der Künstler zugeschrieben werden. Auch deren Verhältnis zueinander ist ungeklärt. Hat Tizian nach den Studien bei Bellini seine Lehrzeit in Giorgiones Werkstatt abgerundet, oder waren die beiden Geschäftspartner, die sich bei Großaufträgen die Arbeit teilten? Es steht nicht einmal fest, wer von ihnen der Ältere war: Tizian dürfte kurz vor 1490, vielleicht aber auch schon 1482, 1477 oder 1473 geboren sein, als Spross einer Juristenfamilie im Bergstädtchen Pieve di Cadore rund 100 Kilometer nördlich von Venedig. Offenbar wussten schon die Zeitgenossen nur, dass der Meister sehr alt war, als er 1576 starb.

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Im Jahr 1516 konnte der Künstler Alfonso d'Este, den Herzog von Ferrara, als ersten fürstlichen Großkunden gewinnen. Für ihn vollendete Tizian unter anderem eine Serie bacchantischer Szenen nach antiken Texten, die Giovanni Bellini und der Hofmaler Dosso Dossi begonnen hatten. Tizians Arbeit kam so gut an, dass er zum Schluss noch den Hintergrund von Bellinis "Göttermahl" mit einer Felslandschaft übermalen musste - neben den neuen Tafeln sah der ursprüngliche lichte Hain gar zu altmodisch aus. Keine 100 Jahre später wurde der berühmte Wandschmuck an verschiedene Orte verstreut.

Alfonso scheint ein säumiger Zahler gewesen zu sein. Immer wieder musste Tizian seine Honorare anmahnen. Aber wertvoller als Geld waren ohnehin die Beziehungen des Herzogs: Der empfahl den Künstler seinem Neffen Federigo Gonzaga, dem Markgrafen von Mantua. Dieser wiederum nannte Tizian bald seinen "teuren Freund" und machte ihn nicht nur mit weiteren italienischen Herrschern bekannt, sondern auch mit Kaiser Karl V. Dass Tizian so rasant aufstieg, wurde nicht von allen begrüßt. Als Anhänger der toskanisch-römischen Schule bewunderte der Florentiner Maler und Schriftsteller Giorgio Vasari (1511 bis 1574) die Arbeiten des Kollegen zwar als besonders lebensnah. Aber gerade darum erschienen sie ihm minderwertig neben Werken, die sich anhand antiker Ideale über die Wirklichkeit erhoben. Sein Urteil sah Vasari durch eine unumstrittene Autorität bestätigt: seinen toskanischen Landsmann Michelangelo (1475 bis 1564). Der habe nach einem Besuch in Tizians Atelier beklagt, "dass man in Venedig nicht von Anfang an gut zeichnen lerne".

Beide, Tizian und Michelangelo, standen 1545 im Dienst Papst Pauls III. Von ihm hatte sich der Venezianer endlich nach Rom locken lassen, aus handfesten Motiven: Um seinem Sorgenkind, dem leichtsinnigen älteren Sohn Pomponio, eine einträgliche geistliche Pfründe zu sichern, hätte der Maler notfalls die gesamte päpstliche Familie porträtiert - "bis hin zu den Katzen", wie Pauls venezianischer Botschafter befriedigt gemeldet hatte.

Als Tizian nach einem guten halben Jahr wieder abreiste und damit das Gipfeltreffen der Renaissance-Künstler beendete, konnte Michelangelo aufatmen. Zweifellos hatte er das Bild der Danae in der Werkstatt des Rivalen als Herausforderung begriffen: Die Zeus-Geliebte räkelt sich da in einer Pose, die Michelangelo selbst mehrfach für Aktfiguren benutzt hatte - doch aus seinen maskulinen Muskel-Frauen wird bei Tizian ein Idealbild blühender Weiblichkeit.

Mit geschönten Porträts zum Liebling des Kaisers

Der gefühlvolle venezianische Stil hatte gegenüber der intellektuellen Zeichen-Kunst klare Vorzüge: Hautnah brachte Tizian die schönsten Damen aus Antike und Gegenwart in die Schlafzimmer seiner Gönner; seine dramatischen Altartafeln jagten den Gläubigen Schauer über den Rücken, statt sie in Ehrfurcht erstarren zu lassen. Nicht zuletzt wirkt ein von weichem Licht geformtes Bildnis allemal vorteilhafter als eines mit harten Konturen.

Schmeicheln, ohne zu lügen - diese hohe Kunst der Porträtmalerei beherrschte Tizian wie kein Zweiter. Eleganter, jünger, würdiger als im wirklichen Leben ließ er die Modelle aussehen, und doch galten seine Gemälde als wahre Wunder an Ähnlichkeit. Röntgenbilder zeigen, wie Tizian dies vollbracht hat. Mit gnadenlosem Scharfblick und kräftig-spontanen Strichen malte er seine Auftraggeber zunächst nach dem Leben; erst in weiteren Farbschichten milderte er Hakennasen und Krähenfüße allmählich ab. Selbst die vorstehende Kinnlade Karls V., ein hässliches Familienmerkmal der Habsburger, fiel dann kaum mehr ins Auge. Karl war begeistert: Er machte Tizian 1533 zum Pfalzgrafen und Ritter vom Goldenen Sporn.

Dabei hatte sich der Kaiser bei der ersten Begegnung im Spätherbst 1529 noch wenig für Tizians Kunst interessiert und ihm, wohl eher symbolisch als knauserig, nur einen Dukaten geschenkt. Erst drei Jahre später entstand ein erstes (heute verlorenes) Bildnis. In den folgenden anderthalb Jahrzehnten sahen sich Kaiser und Künstler nur selten, auch wenn Tizian dem Herrscher immer wieder Gemälde schickte. 1548 aber rief Karl neben Fürsten und Diplomaten auch seinen malenden Pfalzgrafen zum Reichstag nach Augsburg. Noch einmal wollte er dort versuchen, die Spaltung Europas zwischen Katholiken und Protestanten zu überwinden.

Das politische Projekt scheiterte, aber der Kaiser scheint in Tizian einen persönlichen Vertrauten gefunden zu haben. Dass er ihm den zu Boden gefallenen Pinsel aufgehoben haben soll ist zwar sicher eine Legende - bei allem Respekt vor der Kunst seines Lieblingsmalers wäre ihm ein solcher Verstoß gegen die Hofetikette wohl kaum unterlaufen. Dennoch waren sich die beiden Männer so nahe, dass Beobachter verwundert den Kopf schüttelten.

Als Bildchronist des Reichstags porträtierte Tizian, von mehreren Gehilfen unterstützt, die Anwesenden gleich dutzendweise. Diese Gemälde-Produktion vollständig aufzulisten, lehnte Vasari als "Zeitverschwendung" ab: Tizian habe ohnehin fast alle Fürsten und vornehmen Damen Europas abgebildet. Der Höhepunkt war ohne Zweifel das Bildnis Karls V. zu Pferd bei der Schlacht von Mühlberg, seinem großen Sieg über die Protestanten: Dieses Urbild aller späteren Reiterporträts gehört wie die "Assunta" zu den ungezählten Gemälden, mit denen Tizian Maßstäbe für die folgenden Jahrhunderte gesetzt hat. Offenbar war es die letzte Arbeit vor seiner Rückreise, denn als ein Windstoß das zum Trocknen an die Sonne gestellte Riesenbild umwarf, hatte der Meister sein Malgerät schon nach Venedig geschickt. Für ihn reparierte sein Augsburger Kollege Christoph Amberger einen Riss "hinden am Gaul" so einfühlsam, dass der Schaden kaum mehr zu ahnen ist.

Konkurrenz aus der Heimat

Während sein internationaler Ruhm auf den Höhepunkt stieg, bekam Tizian in der Heimat zum ersten Mal seit Jahrzehnten ernsthafte Konkurrenz: Eine neue Generation von Malern wie Andrea Schiavone (um 1510 bis 1563) und vor allem Jacopo Tintoretto (1519 bis 1594) suchte den Altmeister durch verblüffende Perspektiven zu übertrumpfen und begeisterte die Venezianer mit virtuosem Strich. Auch Tizian ließ nun immer öfter Pinselzüge sichtbar stehen, etwa in einem Gruppenbildnis der Patrizierfamilie Vendramin. Das galt den Kunsthistorikern wegen der lockeren Malweise lange als Spätwerk, das deutlich nach der Jahrhundertmitte entstanden sein musste. Doch dann stiegen Forscher ins Archiv - und waren verblüfft: Die Kinder, die Tizian hier gemalt hat, wären um 1560 längst erwachsen; das Bild muss aus der Mitte der vierziger Jahre stammen. Offenbar hatten die Vendramin Malerei nach der neuesten Mode bestellt, während konservativere Kunden wie Papst und Kaiser noch glatte Oberflächen verlangten.

Böser Klatsch war damals über den alten Maler im Umlauf. Er lasse seine Schüler für sich malen, hieß es, und füge bloß zum Schluss ein paar Striche hinzu, um die Bilder als seine eigenen verkaufen zu können. Tatsächlich war die Nachfrage nach Tizians Werken so groß, dass der geschäftstüchtige Meister sie durch Massenproduktion befriedigte. Für Philipp II. von Spanien, den Sohn Kaiser Karls, malte er weiterhin eigenhändig. Diese Werke aber ließ er von seinen Gehilfen, zu denen auch der jüngere Sohn Orazio zählte, immer wieder kopieren und an weniger hochgestellte Kunden verkaufen - Motive wie die "Danae" scheinen wahre Bestseller gewesen zu sein.

In diesen späten Jahren soll der Maler Palma Giovane (1544 bis 1628) den berühmten Kollegen bei der Arbeit beobachtet haben. Nach Palmas Bericht entwarf  Tizian seine Kompositionen mit wenigen Strichen und drehte die Bilder dann erst einmal zur Wand. Oft schaute er sie erst Monate später wieder an - dann aber so kritisch, "als wären sie seine Todfeinde". Er verbesserte, was er an Fehlern fand, und stellte die Werke wieder auf unbestimmte Zeit weg. Erst nach vielen weiteren Stadien tupfte und wischte er, nach Palma "mehr mit den Fingern als mit dem Pinsel", die letzten Farbnuancen auf.

Diese Überlieferung wird von mikroskopischen Untersuchungen bestätigt: Manchmal hat sich zwischen den Arbeitsgängen so viel Schmutz auf den halbfertigen Werken angesammelt, dass er noch heute zwischen den Farbschichten zu finden ist. Das weckt bei manchen Forschern einen Verdacht, der so schwer zu bestätigen wie abzuweisen ist: Sind die expressiv-geisterhaften Malereien, die traditionell als letzte, alle Konventionen verachtende Altersvisionen des Meisters gelten, in Wahrheit schlicht nicht fertig geworden? Vollendet oder nicht - die malerische Energie dieser Bilder und ihre Ausdruckskraft bleiben davon unberührt.

Zumindest an der berühmten "Pieta", der Beweinung Christi in der venezianischen Accademia-Galerie, hätte Tizianwohl wirklich noch weitermalen wollen. Nach seinem Tod kaufte Palma Giovane das monumentale Werk, ergänzte einige Partien und änderte die Haltung eines fackeltragenden Engels. Dass Tizian die Pieta eigentlich über seinem Grab in der Frarikirche aufstellen lassen wollte, ist glaubhaft bezeugt - vor allem durch das Bild selbst. Denn es beeindruckt nicht allein durch die Gefühlskraft der Heiligenfiguren und des knienden Büßers, der wohl ein Selbstporträt ist.

Es zeigt auch ein letztes Mal, wie genial Tizian ein Werk auf seinen Standort abstimmen konnte. An der Grabstätte im rechten Seitenschiff, wo heute ein pompöses Tizian-Denkmal aus dem 19. Jahrhundert steht, müsste die alles bestimmende Bilddiagonale einen schräg von rechts herantretenden Betrachter geradezu in das Gemälde hineinsaugen. Der Arm der Magdalena aber und die Blicke der beiden Statuen würden über die Weite des Raumes hinweg auf den Hochaltar deuten. Dort gab es für Tizian gleich zwei Gründe, auf ein Leben nach dem Tode zu hoffen: Eine Christus-Statuette verhieß ihm die Auferstehung beim Jüngsten Gericht - und die Strahlkraft der Assunta Unsterblichkeit als Künstler.

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