Ausstellungen zum Lutherjahr

Martin Luther Superstar

Kunst in Gefängniszellen, Jesus-Castings und drängelnde Gläubige: Drei Großausstellungen in Berlin, Magdeburg und Wittenberg erforschen zum 500. Jahrestag des Lutherschen Thesenanschlags die Auswirkungen der Reformation auf unsere heutige Zeit.
Martin Luther Superstar

Nathan Coley: "Heaven is a place where nothing ever happens", 2008, Klosterhof Magdeburg

Da stehen wir nun und können nicht anders. So wahr uns Luther helfe. Wir reihen uns ein in die Pilgerscharen, die anlässlich des 500. Jahrestags des Lutherschen Thesenanschlags unterwegs sind. Drei Städte, drei anspruchsvolle Ausstellungen liegen vor uns. Ordnungsgemäß beginnen wir in der Schlosskirche zu Wittenberg, wo ein Nachguss von Ernst Barlachs schwebendem Engel bis Ende August Station macht.

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Das Gedränge aus Gläubigen und Touristen erschwert die Einkehr allerdings, worauf wir unsere Schritte in das nahe Alte Gefängnis lenken. Zu Ehren des Reformators wurde das schon lange verwaiste Zuchthaus mit Gegenwartskunst belebt. Auf vier Stockwerken reihen sich nicht nur Zelle an Zelle, sondern auch Arbeiten von meist namhaften Künstlern aneinander, mühsam zusammengehalten durch den Titel "Luther und die Avantgarde". Zweifellos führte der einstige Glaubenskampf den religiösen, sozialen und medialen Fortschritt im Gepäck. Weshalb aber nun eine stilisierte Lärmschutzwand von Andreas Slominski oder ein monumentaler Boxhandschuh von Erwin Wurm avantgardistische Speerspitzen sein sollen, bleibt schleierhaft.

Christliche Symbolik in Gefängniszellen

Manche der etwa 70 temporären Knastgäste heben auf das an diesem Ort naheliegende Thema der Freiheitsberaubung ab, wie Ai Weiwei mit der Negativform eines in Beton eingeschlossenen Menschen oder Paloma Varga Weisz mit einer fremdgesteuerten Holzmarionette auf dem Zellenboden. Andere widmen sich der christlichen Ikonografie im Allgemeinen, wie Christian Jankowski mit seinem immer wieder amüsanten Videocasting eines Jesus-Darstellers von 2011 oder Jürgen Klauke mit dem bitterbösen Klerusklamauk Grüße vom Vatikan (1976). Spaß muss sein, und alles passt zu allem: Bildersturm, Buchdruck, Kapitalismuskritik, Islam, Whistleblowing, Krieg, Flüchtlingskrise und Frauenfrage werden hinter den Gittern verhandelt, bis es einem schwindelt. Schade nur, dass berührende Beiträge von Günther Uecker, Korpys/Löffler, Antje Majewski oder Assaf Gruber in dieser Melange aus Didaktik, Zellenkolorit und Beliebigkeit einfach untergehen.

Lukas Cranach d Ä. - Luther
Mit gleich drei großen Ausstellungen stellt Thüringen in diesem Jahr das Schaffen der Künstlerfamilie Cranach in den Mittelpunkt. Eine Schau in Gotha zeigt Cranach als Sprachrohr des Protestantismus, der unser Bild von Luther bis heute prägt

In der Hoffnung auf mehr Präzision geht es weiter nach Magdeburg, einem weiteren Brennpunkt der Reformation. Paradoxerweise wird dem Kirchenerneuerer dort in einer Architektur des alten Glaubens gehuldigt: im Kunstmuseum Kloster unser Lieben Frauen. Zudem handelt es sich bei "Seht, da ist der Mensch" um den zweiten Teil eines ökumenischen Ausstellungsprojekts, das zum Leipziger Katholikentag 2016 begann. Schon darum ist auch hier keine wirkliche Engführung im Sinne des Reformationsjubiläums zu erwarten.

Was ist das christliche Menschenbild?

Trotzdem überzeugt die Idee, das Menschenbild unserer gründlich säkularisierten Gegenwart in diesem noch immer spirituellen Klima aufzuführen. Denn habe nicht der Blick auf das Individuum selbst – entweder per se sündig oder mit direktem Draht zu Gott – das Christentum viel mehr geprägt, als das in anderen Religionen der Fall ist?, fragt Kuratorin und Museumsdirektorin Annegret Laabs. Auftragswerke kamen für sie dabei nicht infrage: "Unser Thema interessiert doch keinen zeitgenössischen Künstler wirklich."

Viel lieber versammelte Laabs eindringliche Arbeiten aus den vergangenen 20 Jahren. Douglas Gordons raumgreifende Liste unserer Ängste aus dem Jahr 1997 gehört dazu und Nathan Coleys existenzielle Leuchtschrift Heaven Is A Place Where Nothing Ever Happens (2008) im Klosterhof. Der menschlichen Sehnsucht nach Halt, Sinn und Trost in einer unsicheren Welt spürte auch der US-Fotograf Lucas Foglia nach, als er religiöse und esoterische Aussteigerkommunen mit der Kamera besuchte. Die wenigsten Werke beschäftigen sich direkt mit dem Glauben, sind aber stark ­genug, um biblische Imperative wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit aufzurufen. Das gelingt etwa mit Francis Alÿs’ stiller Diaschau Sleepers III, die schlafende Obdachlose und Straßenhunde in Mexiko-Stadt porträtiert. Man mag viele der Werke bereits aus anderen Zusammenhängen kennen, Gillian Wearings tragikomische In­szenierung Drunk (1999) etwa oder Roman Opałkas Langzeitbeobachtung des eigenen Verlöschens. In Magdeburg fügen sie sich zusammen wie überkonfessionelle Gebetsperlen und halten das bisweilen aktionistisch wirkende Luther-Spektakel im Lande auf Abstand.

Der Leistungsdruck des Jubeljahres

So leidet die Berliner Ausstellung "Der Luthereffekt" sichtlich unter dem Leistungsdruck des Jubeljahrs. Sie will der hauptstädtische Paukenschlag zum Thema sein und gleichzeitig keine Klischees bedienen. Veranstaltet vom Deutschen Histo­rischen Museum im Martin-Gropius-Bau, handelt es sich um eine kultur­geschichtliche Veranstaltung. Im Zen­trum steht die These vom weltweiten Siegeszug des neuen Glaubens. Europäische Reformationsgeschichte wird nur knapp im Innenhof verhandelt, bevor Lichtbuchstaben in vier Abteilungen weisen: Schweden, USA, Tansania und Korea. Allerlei Artefakte, Bücher, Bildtapeten, Hör- und Sehstationen begleiten den staunenden ­Reformationstouristen auf vier Kontinente. Die dunklen Kehrseiten von Missionierung und Kolonialisierung kommen zwar zur Sprache, trotzdem überwiegt eine Art feierliche Bejahung des "Luthereffekts".

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Das mag daher rühren, dass auch die heutige Glaubenspraxis vorgestellt wird, mit südkoreanischen Massenpredigten und afrikanischen Erweckungsbewegungen. Kunstwerke, meist Gemälde, illustrieren diese Weltreise nur wie im Bilderbuch. Die Urheber dieser Exponate werden selten namentlich genannt, es sei denn in dem Begleitheft. Das schließt Entdeckungen natürlich nicht aus, so etwa die Tuschezeichnungen des Koreaners Kim Ki-chang zum Leben Jesu Christi (1952) in asiatischer Stilistik. Wunderbar auch die naive Bildsprache, mit der um 1668 das Leben der christianisierten Sámi in Lappland dargestellt wird – als Koexistenz von Kirchgang und alten Kulthandlungen. Trotzdem ist klar: Der "Luther­effekt" soll und will keine Kunstausstellung sein; die spröde Schau durchweht der alte Reformergeist, der endlich das Wort über das Abbild erhob. Für alle anderen ästhetischen Bedürfnisse ist in Wittenberg und Magdeburg gesorgt.

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