Interview mit Tania Bruguera

»Kunst muss mutig und kompromisslos sein.«

Nächstes Jahr will Tania Bruguera für die kubanische Präsidentschaft kandidieren. Vorher gibt es aber noch eine Deutschlandpremiere. Die Performancekünstlerin und Aktivistin inszeniert Samuel Becketts "Endspiel" als Aufruf zur politischen Resistenz. Ein Interview.
»Kunst muss mutig und kompromisslos sein.«

Die kubanische Performance-Künstlerin und Aktivistin Tania Bruguera in Havanna

Tania Bruguera ist für politisch-kritische Installationen und subversive Auftritte im öffentlichen Raum international bekannt. Zu ihren Aktionen gehören die Gründung einer Partei für Migranten, die Gründung eines Instituts für "Artivism" in Havanna und eine Petition an den Papst, Geflüchteten aus aller Welt die Staatsbürgerschaft des Vatikans zu verleihen. Seit Jahren agitiert die kubanische Künstlerin mit ästhetischen Mitteln gegen das Ein-Parteien-Regierungssystem ihres Heimatlands. Von staatlichen Repressionen hat sie sich nie bremsen lassen. Im kommenden Jahr will sie als Nachfolgerin von Kubas Präsident Raúl Castro antreten. Jetzt hat die Performancekünstlerin und Aktivistin ihr erstes Bühnenstück in Szene gesetzt: Eine Adaption von Samuel Becketts düster-absurdem "Endspiel" aus dem Jahr 1956. Bruguera, die 1968 in Havanna geboren wurde, katapultiert Becketts Parabel über gegenseitige Abhängigkeit im Doppelbind von Macht und Ohnmacht, verkörpert durch das fatal miteinander verkettete Herr- und Diener-Duo Hamm und Clov, in unsere aktuelle Zeit. In ihrer Fassung des beklemmenden Klassikers sind die Zuschauer buchstäblich ins Setting eines 8,5 Meter hohen textilen Zylinders eingebunden und werden so zu Mitwirkenden. Im Interview mit Belinda Grace Gardner spricht Tania Bruguera über ihre erste Theaterarbeit, Repressionen und über Kunst als Mittel politischer Veränderung.

art: Sie haben sich als Aktivistin, Performance- und Installationskünstlerin einen Namen gemacht.  Wie kamen Sie darauf, Becketts "Endspiel", also ein Theaterstück, zu inszenieren?

Tania Bruguera: 1998, als ich mich intensiv mit Machtkonzepten und der Performativität des Alltagslebens beschäftigte, gab mir ein Freund Becketts "Endspiel". Das Stück war die Antwort auf das, was ich suchte. Dessen Hauptfiguren, Hamm und Clov, sind als Protagonisten einer grundsätzlichen Machtdynamik austauschbar. In den fast zwanzig Jahren, in denen ich das Stück immer wieder gelesen habe, habe ich verstehen gelernt, wie Macht in unserem Alltag ausgeübt wird und sich dann im größeren Rahmen der politischen Arena manifestieren kann. Mir ist klargeworden, dass eine Staatsperson, die über Macht verfügt, diese nur solange innehat, wie ihr die Bevölkerung diese erteilt.

»Kunst muss mutig und kompromisslos sein.«

Herr und Diener: Hamm und Clov in Tania Brugueras Beckett-Inszenierung "Endspiel", die bis zum 13. August 2017 in Hamburg läuft

Wie bezieht sich aus Ihrer Sicht Becketts existenzialistisch-absurder Klassiker auf unsere aktuelle Krisenzeit?

Wir befinden uns in einer beängstigend absurden und gefährlichen politischen Situation, mit Donald Trump im Weißen Haus, Brexit, Flüchtlingskrise, Krieg gegen den Terrorismus, Dronen, Fake News, der Missachtung der Regierung Venezuelas gegenüber der eigenen Bevölkerung, dem Missbrauch von Demokratie zur Etablierung eines weichen Totalitarismus. Das alles sieht nach einer sehr schlechten Low-Budget-Farce aus. Umso mehr brauchen wir Kunst und Kultur – zusammen mit Bildung und Regierungstransparenz – als Gegenmittel. Becketts Stück gibt den Menschen die Möglichkeit zurück, die Dynamik der Macht zu verändern. "Endspiel" ist vielleicht kein direkter Aufruf zum Kampf, aber eine sehr gute Erinnerung daran, dass die Macht in unseren eigenen Händen liegt.

Sie beziehen das Publikum oft in ihre Arbeiten mit ein, so auch in Rahmen Ihrer Beckett-Inszenierung. Was sehen Sie als Hauptantrieb Ihrer Arbeit?
 
Vor allem anderen bin ich eine Performance-Künstlerin und eine politische Künstlerin, und in Performances ebenso wie in der Politik ist das Publikum beziehungsweise die Bevölkerung ein integraler Bestandteil jeglicher Entscheidungsprozesse. Meine Arbeiten sind Kollaborationen mit dem Publikum. Sie sind eine Einladung an die Zuschauer, die Macht selbst in die Hand zu nehmen, um den Lauf der Dinge zu ändern.

»Kunst muss mutig und kompromisslos sein.«

Tania Brugueras Fassung des beklemmenden Beckett-Klassikers "Endspiel"  wird in einem 8,5 Meter hohen Textilzylinder aufgeführt

Sie haben ein Institut gegründet, das dem künstlerischen Ansatz des Artivism gewidmet ist. Was verstehen Sie darunter?

Artivism ist die Ansage, dass Kunst auch ein Werkzeug für gesellschaftliche Veränderung ist und der Anspruch, dass zivilgesellschaftliches Engagement Kunst sein kann. In unserer Zeit, in der Bilder und Handlungen als zentrale Mittel eingesetzt werden, um die Massen über Publicuty, Reality-TV, YouTube-Kanäle und so weiter zu kontrollieren, schließen sich Künstler und Aktivisten zusammen, um diese vermarkteten Fake-Paradigmen zu hinterfragen und das Augenmerk wieder auf unsere politische Wirklichkeit zu lenken. Es geht darum, aktuelle Strategien des Dissens und des Protests zu entwickeln und Menschen ohne Macht Gehör zu verschaffen. Artivism ist eine Methode, eine öffentliche Sprache des Dissenses für unsere Zeit zu schaffen.

Was kann Kunst in dieser Hinsicht leisten, was andere Disziplinen nicht zu leisten vermögen?

Die Kunst hat ihre Grenzen, aber auch große Potenziale, die meistens ignoriert, unterdrückt oder abgetan werden. Eine der größten Fähigkeiten der Kunst ist es, Dinge zu visualisieren, die noch nicht da sind. Das ist der erste Schritt, um Veränderung herbeizuführen. In einer Ära von Fast-Food-Denken eröffnet die Kunst, und das scheint mir heute besonders relevant zu sein, zudem komplexe Verständnisprozesse und einen multiperspektivischen Blick auf die Wirklichkeit. Dies steht einer reduktionistischen Weltsicht entgegen und ist ein Weg, um die verhängnisvolle vereinheitlichende Interpretation der Wirklichkeit zu stoppen.

Sie haben angekündigt, nächstes Jahr nach Rücktritt von Raúl Castro als Präsidentschaftskandidatin für Kuba anzutreten. Auf welche Weise könnten Sie mit diesem symbolischen Akt Erfolg haben? Und müssen Sie seitens des politischen Establishments deswegen Repressionen befürchten?

Wie jeder weiß, sind kubanische Wahlen eine Inszenierung, bei der das Resultat bereits feststeht, bevor die Wahlzettel überhaupt gedruckt sind. Ein offizieller Künstler der kubanischen Regierung hat einmal als Diskreditierung meiner Arbeit geschrieben, dass diese keinen Wert habe, weil ich nur das sagen würde, was ohnehin schon alle wüssten. Was er versäumt hat zu erwähnen ist, dass keiner sich traut dies zu sagen. Das ist der Wert von Kunst in repressiven Umständen: die Mittäterschaft zu durchbrechen. Ich habe eine Linie überschritten, die die Regierung nicht toleriert – in erster Linie, weil sie nicht will, dass andere auf ähnliche Ideen kommen. Was sie noch wütender macht, ist die Tatsache, dass ich immer wieder zurückkehre, sie sehen Beharrlichkeit als ihr Terrain. Die Repressionen gegen mich haben nicht aufgehört. Doch wenn man einmal weiß, wie sich Freiheit anfühlt, gibt es kein Zurück mehr, keine Inhaftierung, keine Repression kann das ändern. Im Gegenteil, jedes Mal, wenn man den Mächtigen ohne Furcht begegnet, werden diese schwächer, egal, was sie einem antun.

Was machen wir hier eigentlich?
Der Kunstwelt fehlt es an Radikalität, sie ist inzestuös und selbstbezogen. Kritikerlegende Jerry Saltz wünscht sich einen Neustart. Aber ist die Szene in der Lage ist, sich selbst aufzurütteln?

Muss Kunst radikal sein, um unserer heutigen von ökonomischer Machtgier und Korruption definierten Welt etwas entgegenzusetzen?

Unbedingt, mehr denn je! Sie muss mutig und kompromisslos sein. Kunststudierende sollten sich von den Regeln der Anpassung freimachen und wieder lernen, was ihre Arbeiten auf brutale Weise ehrlich macht.

"Endspiel"

Deutschlandpremiere: Do, 10. August bis So, 13. August, jeweils 18 und 21 Uhr, Internationales Sommerfestival, Hamburger Kulturzentrum Kampnagel