Starter: Hannah Perry

Das Leben ist eine Baustelle

Die Britin Hannah Perry dreht knallharte Videos, in denen sie sich mit dem Selbstdarstellungszwang in sozialen Medien auseinandersetzt, der in ihrer Generation äußerst weit verbreitet ist. Ausgangspunkt der aktuellsten großen Arbeit war ein einschneidendes biographisches Ereignis.
Das Leben ist eine Baustelle

Perry zeigt die Videoarbeit gern in einer Schlafzimmer-Situation. Hannah Perry: "Goodbye, Old Skin", 2016, Installationsansicht bei CFA, Berlin

Vor etwa einem Jahr überschlugen sich die Ereignisse im Leben der 32-jährigen britischen Künstlerin Hannah Perry: Kurz nachdem sie die Heirat ihrer zukünftigen Schwiegermutter gefeiert hatte, scheiterte ihre eigene Beziehung. Dann nahm sich ihr bester Freund das Leben, der an einer bipolaren Störung gelitten hatte.

Trotz der Trauer und Verzweiflung brach sie auf nach Los Angeles, wo sie gemeinsam mit ihrem Exfreund einen Film über einen Roadtrip von der US-amerikanischen Westküste zur Ostküste hatte drehen wollen. Unterwegs hätte eigentlich ihre eigene Hochzeit stattfinden sollen. Ohne groß zu überlegen, nahm sie ihr Smartphone und hielt einfach drauf auf alles, was sie nun alleine – quasi im Ausnahmezustand – erlebte.

Es ist nicht verwunderlich, dass der so entstandene Film "Goodbye, old skin" kein strukturiert erzähltes Roadmovie geworden ist. Vielmehr illustriert die Videocollage mit krassen schnellen Bildern Perrys damalige stürmische Lebenssituation, in der es weder Halt noch Ziel zu geben schien. Den privaten und intimen Charakter der Arbeit unterstreicht Perry dadurch, dass sie "Goodbye, old skin" über einem zerwühlten Doppelbett ablaufen lässt – so wird aus dem Video eine raumgreifende, berührende Installation.

Gut und günstig
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Hannah Perry scheut sich nicht davor, in ihren Videoarbeiten die Welt so rau zu zeigen, wie sie mitunter ist: Ein Auto wird mit dem Golfschläger malträtiert, aufgedrehte Mädchen rauchen Wasserpfeife, gemeinsam cruist man zum Hip-Hop-Soundtrack durch ein dunkel schillerndes Los Angeles. Dazwischen schneidet Perry Momentaufnahmen, die durch ihre Intimität irritieren. Oft sind die Szenen mit kaputten technoiden Rhythmen und verstörenden Textfragmenten unterlegt, die von introspektiven Reflexionen bis zur Rezitation von Hassmails reichen. Versehen mit giftigen Titeln wie "Husband Roulette", "Skinning your girlfriend’s cat" oder "The morning sun & paranoia" lassen keinen Zweifel daran, dass es Perry um die Befindlichkeit ihrer zur permanenten Selbstdarstellung in den sozialen Medien verpflichteten Generation geht und um all das, was in zwischenmenschlichen Beziehungen schiefgehen kann. Dass die Künstlerin ihre Arbeiten mit Vorliebe auf zwischen Gerüststangen hängende planenartige Untergründe projiziert, passt gut: Schließlich ist ihr eigenes Leben auch eine Baustelle.

Hannah Perry

Geboren: Chester, England, 1984.

Wohnort: Zwischen London und Los Angeles.

Ausbildung: Goldsmiths, University of London und Royal  Academy of Arts, London.

Galerie: Seventeen Gallery, London/New York.

Initialzündung: Chats und Video.

Höhepunkt: Meine Show bei CFA, Berlin, und die Ausstellung bei Arsenal, Montreal.

Tiefpunkt: Ich glaube, mein erster Verriss.

Heldin: Erykah Badu.

Credo: Was für ein Leben ist es, wenn alles glatt läuft?!

Ein Rat, der ihnen geholfen hätte: Alle sind etwas verrückt, also sei nicht  zu hart zu dir, wenn es sich zeigt. Warum Künstlerin? Es ist das Einzige, was mich erfüllt, es ist Therapie.

Starter
Die Serie »Starter« präsentiert die besten Nachwuchskünstler im Kurzporträt