Pierre et Gilles

C/O Berlin



WENN MÄNNER AUS LIEBE WEINEN

Pierre et Gilles träumen immer noch von schmachtenden Heiligen und sexy Matrosen. In Berlin zeigt das französische Künstlerpaar jetzt mit neuen Bildern, wie dicht Kitsch und Underground, Pop Art und Pathos beieinander liegen
// HEINZ PETER SCHWERFEL

"Ach, l'amour": In George Cukors unvergesslichem Hollywoodklassiker "Die Frauen" ist es das schwache Geschlecht, das den Liebesseufzer stöhnt und sich in einem Schönheitssalon in Sehnsucht nach Adam verzehrt. Über ein halbes Jahrhundert später hat sich das Blatt gewendet: Plötzlich sind es die Männer, die nach Liebe schmachten. Das obskure Objekt des Verlangens allerdings ist identisch geblieben: der Adam, Inbegriff paradiesischer Schönheit – zumindest vor Eva.

Nirgendwo ist Adam schöner als auf den bemalten Fotografien von Pierre et Gilles. Mal als gemarterter Heiliger, mal im Matrosenleibchen, oft mit zerbeultem Gesicht, doch immer braun gebrannt und muskulös. Adam ist eine Mischung aus unschuldigem Straßenjungen und verderbtem Idol, ein weinender Torero oder erotischer Paradiesvogel, kurz: ein Mann zum Verlieben. So zumindest träumen ihn Pierre et Gilles, ein Paar im Leben wie in der Kunst. Pierre, der Fotograf, ist im Department Vendée im Westen Frankreichs geboren, Gilles stammt aus Le Havre und ist Maler. Sie trafen sich 1976 in Paris, starteten eine künstlerische Zweisamkeit ein paar Jahre nach Gilbert & George in London, aber lange vor Eva & Adele in Berlin. Seither geht es den beiden vor allem um ein Thema: die Liebe in all ihren Formen. Da ist die körperliche, die platonische und die verbotene Liebe, die Liebe zu Gott, zum Himmel, zum Meer. Die väterliche, die mitfühlende, die begehrende Liebe. Vor allem aber die unerfüllte.

Süßliche Kunst für den Zeitgeist?

Als romantisch hätte man früher solch künstlerisches Bekenntnis zu unilateraler Sehnsucht gelobt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kritisierte man es als sentimentalen Kitsch. Darf man einfach beiseite lassen, dass Liebe ewig währt, während die Kunst meist nur zeitgenössisch ist und ein Verfallsdatum hat? Die Bilder des französischen Künstlerduos sind überwiegend ironielos und humorfrei, das erleichterte lange Zeit den Vorwurf, süßliche Kunst für den Zeitgeist zu produzieren. Dagegen haben sich Pierre et Gilles wehren müssen, seit sie 1981 ihr zukunftsweisendes Schlüsselwerk „Adam et Eve" vorlegten.

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