Matisse im Atelier

Karriere eines Kakaokännchens

»Das Objekt ist ein Schauspieler« meinte Henri Matisse – und so benutzte der französische Maler in seinen Gemälden immer wieder die gleichen Dinge. Eine Ausstellung zeigt nun die Protagonisten der Stillleben Matisses – und gibt so Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers.
Karriere eines Kakaokännchens

Henri Matisse: "Still Life with Seashell on Black Marble", 1940, Öl auf Leinwand, 54 x 81 cm

"Mein ganzes Leben lang habe ich vor denselben Objekten gearbeitet", erklärte Henri Matisse 1951. "Das Objekt ist ein Schauspieler. Ein guter Schauspieler kann in zehn verschiedenen Stücken eine Rolle spielen; ein Objekt kann in zehn verschiedenen Bildern eine Rolle spielen."

In der Tat dienten unterschiedlichste Gegenstände, die der französische Künstler (1869 bis 1954) in seinem Atelier versammelte, ihm stets als Anregungen und tauchen immer wieder in seinen Arbeiten auf, manchmal über Jahrzehnte hinweg. Davon erzählt die Ausstellung "Matisse in the Studio" in Londons Royal Academy.

Karriere eines Kakaokännchens

Kännchen, Frankreich, frühes 19. Jahrhundert, Silber, Holzgriff, 14 x 10,9 x 10,9 cm

Da gibt es zum Beispiel ein metallenes Kännchen, das der Künstler einst als Hochzeitsgeschenk erhielt. In seinem Stillleben mit Kakaokännchen (1900/02) steht es im Mittelpunkt auf einem Beistelltisch, in Blumenstrauß in einem Kakaokännchen (1902) dient es als Vase, in Interieur mit lesendem jungen Mädchen (1905/06) taucht es hinter einer Obstschale auf und in Stillleben mit Muschel auf schwarzem Marmor (1940) leuchtet es rot am Bildrand. Matisse hat zeit seines Lebens Kunsthandwerk und Kunst gesammelt, bevorzugt aus fremden Ländern: angefangen von afrikanischen Plastiken und Masken über islamische Textilien bis zu chinesischer Kalligrafie, daneben aber auch Alltagsgegenstände wie Gläser und Porzellane. Keine wertvollen Stücke, doch sie beeinflussten seine Kunst und gingen in seine Bilder ein. Auf einem Foto von 1946 sind einige dieser Dinge sorgsam auf einem Tisch arrangiert, und auf der Rückseite der Aufnahme steht: "Objekte, die mir fast mein ganzes Leben lang von Nutzen waren."

Mein liebster Feind
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Masken, Vasen und Silberkännchen

Die Londoner Schau, die etwa 35 dieser Objekte sowie 65 Gemälde, Skulpturen, Arbeiten auf Papier und Scherenschnitte präsentiert, gliedert sich in fünf thematische Abteilungen: "Das Objekt als Schauspieler" zeigt, wie der Künstler immer wieder zu denselben Dingen zurückkehrte – dem Silberkännchen, einer Glasvase aus Andalusien, einem Zinnkrug. "Der Akt" stellt die afrikanischen Plastiken seiner Sammlung seinen Figurenbildern gegenüber. "Das Gesicht" zeigt, wie Matisse sich bei der stark vereinfachten Darstellung des menschlichen Antlitzes an afrikanischen Masken orientierte. Das "Atelier als Theater" konzentriert sich auf die Interieurs der zwanziger Jahre mit ihren vielen Versatzstücken aus der islamischen Welt. Und im letzten Kapitel der Schau geht es schließlich um die berühmten späten Scherenschnitte, für die die chinesischen Kalligrafien und afrikanischen Textilien, die der Maler besaß, eine wichtige Rolle spielten.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog zum Preis von 28 Pfund.

Matisse auf einer Fotografie von Carl van Vechten
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