Skulptur Projekte 2017

Der Coup von Münster

Im Windschatten von Documenta und Venedig-Biennale haben die Macher der Skulptur Projekte eine fantastische Ausstellung auf die Beine gestellt, mit der sie beinahe spielerisch den Skulptur-Begriff in neue Dimensionen führen.
Der Coup von Münster

Pierre Huyghe verwandelt die kurz vor dem Abriss stehende Eissporthalle in eine neue begehbare Sphäre. Die Installation ist für die Besucher frei begehbar und erfahrbar: "After A Life Ahead", 2017

"Warst du schon in Athen?", "Sehen wir uns in Venedig?", "Wann bist du in Kassel?" Das waren die wichtigen Fragen der Kunstcrowd in diesem Frühjahr. Und Münster?! Münster war das fünfte Rad am Wagen, es gab so viel Cooleres zu tun: Adam Szymczyk dechiffrieren, einen Blick auf Anne Imhof und Eliza Douglas erhaschen, Athen voll mitnehmen, sich durch die Kassler Nordstadt schlagen. Münster hatte das Image einer provinziell angehauchten Pflichtveranstaltung, bei der nicht viel Neues zu erwarten ist. Und dann das! Als die Kunstkarawane gestresst und desillusioniert aus Kassel anreiste, erlebte sie die Überraschung des Jahres: Ein gut vorbereitetes, gekonnt in Szene gesetztes Festival voller punktgenauer, aktueller, relevanter Positionen. 

Auch bei der fünften Ausgabe der Skulptur Projekte geht es, wie alle zehn Jahre seit 1977, um Skulptur und Raum. Vor 40 Jahren war – salopp gesagt – eine Skulptur noch etwas, das aus dem Atelier direkt auf einen Sockel gesetzt wurde, obwohl auch damals schon Joseph Beuys mit "Unschlitt", einem Fettabguss eines Treppenhohlraums, die Begriffsgrenzen strapazierte. Die Genese detailliert nachzuvollziehen führt zu weit, wichtig sind aber die Aspekte "Körper", "Präsenz", "Raum", die in Münster neu verhandelt werden.

Was ist überhaupt eine Skulptur?

Kasper König, künstlerischer Leiter seit 1977, und die Kuratorinnen Britta Peters und Marianne Wagner loten das Genre aus, indem sie Künstler eingeladen haben, die mit ihren Werken bewusst die Grenzen neu ziehen. Ayse Erkmens Unterwassersteg "On Water" ist so ein Hybrid: Unter Wasser befindet sich die eigentliche Readymade-Hardware, schwere Überseecontainer, auf denen in Form eines Metallgitters der Steg angebracht ist. Wer vor dem Werk steht, sieht die Konstruktion nicht, er sieht nur die Menschen, die auf dem Wasser zu laufen scheinen. Die Besucher sind Teil der Arbeit, ohne ihr Darüberlaufen wäre sie unsichtbar, sie performen unbewusst den entscheidenden Part und werden Teil der Skulptur. Xavier Le Roy, der eigentlich Tänzer und Choreograf ist, transzendiert die Skulptur in eine neue Sphäre, indem er den Besucher zum Ort des Werks macht. Le Roy versuchte, für das Prinzip des Denkmals – also rund um die Uhr im öffentlichen Raum für alle zugänglich zu sein – eine Übersetzung in sein Medium zu finden. Mit seiner Partnerin Scarlet Yu erarbeitet er mit Besuchern Mini-Solo-Performances, die die Betreffenden dann beliebigen Passanten in Eigeninitiative vorführen.

Damit emanzipiert Le Roy die Skulptur von Urheber und einem bestimmten Raum, denn die Workshop-Teilnehmer nehmen die ihnen innewohnende Skulptur für immer mit in ihr Leben. Die Theatergruppe Gintersdorfer/Klaßen entmystifiziert im Pumpenhaus das fertige Werk in Form einer einstudierten Performance, indem sie öffentlich proben und improvisieren und diesen vagen, unfer­tigen Zustand zum eigentlichen Werk erklären. Besucher werden dabei ungefragt integriert, Reaktionen ins laufende Programm aufgenommen. Auch bei Michael Smith kommt den Betrachtern eine entscheidende Rolle zu, denn ohne sie, die sich in Smiths Tätowierstube freiwillig ein Tattoo stechen lassen, gäbe es die Arbeit nicht. Gründungsvater Kasper König ist mit mutigem Beispiel vorangeschritten und hat sich bereits stechen lassen. 

Kunst ohne theoretische Bugwelle

Wer die Skulptur-Projekte besucht, erlebt, dass eine Skulptur heute selten noch ein einzelnes Objekt ist, obwohl auch diese Position vertreten ist, wie zum Beispiel in Form der Wasserwaage "A Work in situ" am LWL-Museum von John Knight. Vielmehr geht es um die Aspekte des Körpers: den menschlichen Körper, aber auch den architektonischen Körper, mit dem etwa Gregor Schneider sich auseinandersetzt, indem er einen neuen Baukörper in den Museumskörper integriert. Dabei thematisiert er den Raum an sich, den privaten und den öffentlichen – das andere Thema, das in Münster neu verhandelt wird. Auch von Aram Bartholl, der den diffusen digitalen Raum habbar macht, indem er an einem Lagerfeuer mittels einer von ihm entwickelten Vorrichtung Handys auflädt oder LED-Licht in einer Unterführung von Teelichtflämmchen speisen lässt. 

Das Beste aber ist, dass all diese Aspekte sich in Münster wie von selbst durch die künstlerischen Positionen ergeben. Sie türmen sich nicht in einer theoretischen Bugwelle vor dem Betrachter auf, sondern sie erschließen sich schon im flüchtigen Nachdenken über das Gesehene – wenn man sich denn darauf einlassen möchte. Wenn nicht, kann man auch einfach so durch Pierre Huyghes Eissporthallen-Canyon wandern und nach den anwesenden Tieren suchen, oder sich die Hosenbeine hochkrempeln und im Sonnenuntergang über Ayse Erkmens Unterwassersteg flanieren – der Gedanke, dass man gerade Teil einer sehr besonderen Ausstellung ist, wird den meisten so oder so kommen. 

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