Giacometti-Film im Kino

Modellsitzen für Fortgeschrittene

Der US-amerikanische Schriftsteller James Lord ließ sich in Paris mehrfach von Alberto Giacometti porträtieren. 1965 schrieb er ein Buch über diese nervenaufreibende Erfahrung. Jetzt liefert Schauspieler und Regisseur Stanley Tucci mit »Final Portrait« eine Verfilmung nach, die den Schaffensprozess en detail seziert – und sogar mit Dialogkomik zu unterhalten weiß
Modellsitzen für Fortgeschrittene

Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) in seinem Atelier

Er werde nicht länger als einen Nachmittag brauchen, schließlich habe er die Gesichtszüge eines Verbrechers, das lässt sich schnell in ein Paar schnelle Farbstriche einfangen. James Lord fühlt sich von dem zweifelhaften Kompliment geschmeichelt, ein Angebot wie dieses lehnt man schließlich nicht ab. Wer weiß, wie lang der in die Jahre gekommene Star Alberto Giacometti, den er durch die Vermittlung von Picasso kennengelernt hatte, noch lebt? Obwohl seine Rückreise in die USA kurz bevorsteht, lässt sich Lord auf die Sitzung spontan ein. Eine folgenreiche Entscheidung, denn aus einem Tag werden achtzehn und die von Zweifeln, Unlust und Wutausbrüchen begleitete Prozedur hat das Zeug dazu, den Porträtierten in eine waschechte Krise zu treiben.

Geoffrey Rush ist als Giacometti nicht nur dank der meisterlichen Maske eine Augenweide. Wie er durch das mit langgezogenen Strichmänner-Skulpturen zugestellte Hinterhofatelier als ungewaschene Ruine schlurft, die Zigarette im Mundwinkel, das Rotweinglas griffbereit, den Blick gelangweilt auf sein nervöses Gegenüber gerichtet, jederzeit bereit eine noch taktlosere Beleidigung rauszulassen, eine Erleichterung von kurzer Dauer, denn die leere Leinwand wartet und der kreative Impuls zeigt sich erhaben über jede Publikumsbeschimpfung. Die inneren Kämpfe haben sich in sein faltiges Leidensgesicht tief eingegraben, die Sitzungen geraten zum Boxkampf, den das noch jugendlich unberührte Objekt seiner Bemühungen nur überstehen kann, wenn es nicht jeden Schlag auf sich sitzen lässt.

Wenn Modellsitzen zum Nervenduell wird

Nicht nur der längst Millionen verdienende berühmte Bildhauer verwirft unzählige Bildversionen und liefert damit einen dankbaren Anlass für die Kamera, jeden der vermeintlich missglückten Pinsel- und Bleistiftstriche entlang von ins Abstrakte drängenden Körperkonturen einzufangen. Auch Lord macht eine Verwandlung durch vom höflich adretten New Yorker zum Hobby-Psychologen, der den neurotischen Schweizer allmählich durchschaut und ihn zu manipulieren weiß. Mag dieser aus Versagensangst noch so sehr seine Konkurrenten beschimpfen, die leidensfähige Ehefrau betrügen, die Kunstszene und die Spießermoral hassen, eine Schwäche gerät bei ihm regelrecht zur Stärke: er bleibt dran, auf jeden abgebrochenen Versuch folgt der nächste.

So wie Lord seine Faszination für die verschwenderische Arbeitsweise nicht verbergen kann, so amüsiert folgt man den Provokationen, mit denen Giacometti sein Umfeld aus der Reserve zu locken versucht, um zum Kern einer Persönlichkeit vorzustoßen. Nur vor seinem Bruder und seiner letzten Geliebten, der Prostituierten Caroline, macht er Halt. Was daran liegen könnte, dass sie sich von seiner Kunst unbeeindruckt zeigen. Sie sind die treuen Komplizen eines Bürgerschrecks, der kein Ende zu finden weiß, ob in Skulptur, Zeichnung oder Malerei, denn immer schiebt sich eine Unvollkommenheit vor das beinahe perfekte Endergebnis. 

Für Lord haben sich die Strapazen gelohnt. Er hat die mal philosophischen, mal unverblümt austeilenden Gespräche über Bäume, den Tod und die Irrwege des Kubismus genossen. Dass ihm Giacometti das Ergebnis seiner grenzenlosen Posiergeduld schenkte, gab wohl nicht zuletzt den Anstoß dazu, sich über die persönliche Begegnung hinaus mit dem Gesamtwerk zu beschäftigen. 1986 veröffentliche Lord eine Biographie des Künstlers. Vor zwei Jahren wechselte sein Porträt für 20 Millionen Dollar den Besitzer.

Als Momentaufnahme eines genialen Exzentrikers funktioniert Tucchis fünfte Regiearbeit trotz fehlender dramaturgischer Zuspitzungen erstaunlich gut. Man verweilt eine Weile in der schäbigen Rue Hippolyte-Maindron und verlässt sie mit dem Gefühl, Giacometti tatsächlich bei der Arbeit über die Schulter geschaut zu haben. Ein Mehrwert, den ähnlich konzipierte Bio-Pics nur selten zu bieten haben.

»Final Portrait« läuft ab dem 3. August 2017 in den Kinos.

Giacometti Skulpturen im Louisiana Museum
Seine dünn-gelängten, ausgemergelten Figuren aus Bronze ließen Alberto Giacometti (1901-1966) zu einem der bedeutendsten Plastiker des 20. Jahrhunderts werden. Grundfragen der menschlichen Existenz vereinen sich im unverwechselbaren Werk des Schweizer Bildhauers mit den Ideen des Surrealismus.