Popmusik und Videokunst in Herford

Kunst aus der Karaokebox

Musik spielt für Kunstmuseen eine zunehmend wichtige Rolle. Warum und wie bildende Künstler heute mit Klang und Sound experimentieren zeigt eine Ausstellung in Herford.
Kunst aus der Karaokebox

Jeremy Deller and Cecilia Bengolea: "Bom Bom’s Dream", 2016,Videostill, HD Video, Dauer: 12:30 Minuten

David Bowie hat das Potenzial gleich erkannt. Für den schillernden Star war das Musikvideo schon in den späten siebziger Jahren die "logische Erfüllung in der Verbindung von Kunst und Technologie". Madonna ist damit überhaupt groß geworden, und seit den Achtzigern geht im Pop-Business sowieso nichts mehr ohne Clips – mächtig angeheizt durch den Musiksender MTV. Björk, Lady Gaga und Beyoncé haben das Genre auf artifizielle Spitzen getrieben, und die Filme von Spike Jonze, Chris Cunningham oder Michel Gondry gehören längst ins Museum.

Warum also die Perspektive nicht einfach umdrehen? Unter dem Titel "Mix it" wird am Marta Herford das Verhältnis bildender Künstler – von Anri Sala bis Jeremy Deller – zur Musik beleuchtet. Dabei geht es, bei aller Verschiedenheit der Arbeiten, doch immer darum, dass der Klang eine entscheidende Erweiterung der künstlerischen Praxis bildet. Sei es, um mit einem populären, sinnlichen Medium zu experimentieren, sei es, um gesellschaftliche oder politische Stimmungen adäquat zu spiegeln.

Wolfgang Tillmans ist mit seiner Band "Fragile" im Einsatz

Das kann dann eine gemeinsame Arbeit sein wie bei Mohamed Bourouissa und dem Rapper Booba, die die Trennung von Hoch- und Subkultur ins Visier nehmen. Zum eigenen Sound wird Boobas Porträt auf französische Euromünzen geprägt, was bekanntlich denen ganz oben im Staat vorbehalten ist. Das Video-Musik-Spiel kann sich aber auch an einem einzigen Song festmachen wie bei Doug Aitken, für den zig Variationen des Dreißiger-Jahre-Schlagers "I Only Have Eyes For You" zur Grundlage einer bildgewaltigen Erzählung werden.

Fatima Al Qadiri aus Kuwait braucht dagegen keine fremde Unterstützung, sie ist Musikerin und Künstlerin und verdeutlicht ihre Beschäftigung mit der Warenwelt oder den Religionen durch Videos in der Ästhetik von Computerspielen und Cyber-Beats. Auch Wolfgang Tillmans, der einst für einen Song der Pet Shop Boys Mäuse in einem Londoner U-Bahn-Schacht gefilmt hat, ist neuerdings wieder mit seiner Band "Fragile" im Einsatz. Aus dem Material für neue Clips entstand gleich noch ein visuelles Album, das allein durch Protagonisten wie das Transgender-Model Hari Nef oder die androgyne Queer-Ikone Karis Wilde zum Statement wird.

Musik spielt für Kunstmuseen eine zunehmend wichtige Rolle. Und wenn Christian Jankowski im Marta Herford mit seiner Karaokebox auftaucht, dürfen sich mutige Besucher sogar die Seele aus dem Leib performen.

Mix it – Popmusik und Videokunst
Künstler werden zu Musikern und DJs: komponieren, geben Soundtracks in Auftrag oder remixen. Zu sehen ist die Bedeutung von Musik und Sound in der zeitgenössischen Videokunst
Marta Herford ,  Herford