Künstlerrivalen von Bacon bis Picasso

Mein liebster Feind

Wenn der Malerkollege zugleich der ärgste Rivale ist: Sebastian Smee erzählt von vier Malerfreundschaften, die geprägt waren von Wettbewerb und Hahnenkämpfen. Wie gingen Matisse und Picasso, Freud und Bacon oder Manet und Degas mit diesen Spannungen um?
Mein liebster Feind

Links: Henri Matisse, 1933 auf einem Porträt von Carl Van Vechten. Rechts: Freund und Kontrahent Pablo Picasso, der wohl berühmteste Künstler des 21. Jahrhunderts.

Die Moderne ist voll von ihnen, Künstlern auf der Suche nach der eigenen Stimme, nach Einzigartigkeit und einer Sonderstellung, die sie über alle ruhmreichen Vorgänger triumphieren ließe. Erlangen konnten sie dieses Ziel in der Einsamkeit des Ateliers. Oder sie gingen den Weg der Konfrontation, indem sie sich mit anderen gemessen haben. Sebastian Smee hat sich für sein kompetitives Panorama Fälle ausgesucht, die nach dem Prinzip des Kontrasts funktionieren. War der eine Künstler gesellig, glänzte der andere durch unbeholfenes Einzelgängertum. Zeigte der eine erstaunlichen Mut, geltende Normen auf den Kopf zu stellen, klammerte sich der andere gehemmt an das akademische Sicherheitsnetz. Erst die Begegnung mit einem abweichenden Ansatz schärfte bei beiden das Bewusstsein für das eigene Defizit und räumte den Weg frei, über sich selbst hinauszuwachsen. Eine Win-Win-Situation also? Das Duell der kreativen Köpfe ging nicht für jeden Beteiligten gewinnbringend aus. Im Gegenteil. Nicht wenige bezahlten ihren Doppel-Höhenflug mit einem Absturz und nahmen auch schon mal für ihre Unterlegenheit eine späte Rache.

Francis Bacon versus Lucian Freud

Wie etwa Francis Bacon und Lucian Freud, die sich im Alter nur noch verbittert aus dem Weg gingen und trotzdem die Bilder des jeweils anderen hüteten wie einen Schatz. Der junge Freud besuchte den älteren Bacon seit 1945 beinahe täglich in dessen Atelier. Sie stellten in den gleichen Galerien aus, liebten das Glücksspiel und teilten die Vorliebe für ein amoralisches, exzessives Privatleben. Freud prügelte sich häufig in den Pubs, während Bacon mit seinem launischen Charme fremde Menschen um sich scharrte, was ihn nicht daran hinderte, unvermittelt Geringschätzung zu äußern. Ihre Bildsprache konnte nicht antithetischer sein. Bacon schätzte die Diskontinuität von Film und Fotografie und interessierte sich für existenzialistische Themen wie Tod, Verlust, die Katastrophen der jüngeren Geschichte und die menschliche Neigung zur Destruktion. Freud begnügte sich mit beinahe naiven Porträts von Menschen, Tieren und Gemüse, deren Flächen er mit der Farbe brav ausfüllte.

Der freundliche Herr Bacon
In der Regel ließ er niemanden in sein Atelier, er galt stets als mürrisch und verschlossen. Hans Platschek hatte Glück und erlebte 1984 einen nahbaren Francis Bacon – ein Porträt eines außergewöhnlichen Künstlers

"Ich begriff auf Anhieb“, gab er später zu Protokoll, "dass seine Arbeiten unmittelbar seinem Lebensgefühl entsprangen. Meine hingegen schienen sehr bemüht. Das lag daran, dass es mich ungeheuer viel Mühe kostete, überhaupt etwas zu tun... Francis hingegen hatte eine Idee, setzte sie um, zerstörte das Ergebnis und versuchte es sofort erneut. Seine Einstellung war, was ich an ihm bewunderte. Die Erbarmungslosigkeit, mit der er seine eigene Arbeit behandelte." Bacon profitierte im Gegenzug von Freuds Zeichenkunst und seiner intelligenten Art über Kunst zu sprechen. Er bedankte sich, indem er dem notorisch klammen Freund regelmäßig mit Geldspritzen aushalf. Sie porträtierten sich gegenseitig und flirteten miteinander. Für Bacon war es das erste Porträt überhaupt, auch wenn er als Vorlage lieber ein Foto von Franz Kafka nahm, als sich allzu lange mit Freuds Physiognomie aufzuhalten. Es folgten noch viele andere und Bacon staunte stets über Freuds Willen, sich dem Angriff seines Pinsels nicht zu unterwerfen. Er selbst litt erheblich unter dem Modellsitzen. Freud brauchte Monate. Immerhin landete das fertige Porträt von 1952 gleich in der Sammlung der Tate Gallery. Bacons extreme Liebesbeziehungen stellten irgendwann das Verhältnis zu Freud auf die Probe. Dennoch flossen die Erfahrungen von Maßlosigkeit und Rücksichtslosigkeit in dessen eigene zunehmend grausame Kunst ein, wenn er Menschen als unvollkommene, vom Leben gezeichnete Fleischberge mit öliger Haut festhielt. Anfang der 1970er Jahre brachen die beiden wichtigsten britischen Nachkriegsmaler endgültig miteinander. "Als meine Bilder erfolgreich wurden, wurde Francis bitter und gehässig. In Wahrheit störte ihn, dass meine Bilder nun ziemlich hohe Preise erzielten", resümierte Freud später mit Genugtuung.

Mein liebster Feind

Der Legende nach zerschnitt Manet selbst sein von Degas gemaltes Porträt. Edgar Degas: "Monsieur und Madame Èdouard Manet", um 1868-69

Edgar Degas versus Edouard Manet

Ohne den Kontakt zu Edouard Manet hätte auch Edgar Degas nie das Leben auf der Straße gemalt. Sie lernten sich 1861 im Louvre vor einem Bild von Velazquez kennen. Manet kommentierte die Kopierversuche des Jüngeren kritisch. Seitdem waren sie unzertrennlich, obwohl sich in ihren Auffassungen von Kunst nur wenige Schnittmengen fanden. Manet setzte auf Spontaneität. Degas zog die Disziplin seines Vorbilds Ingres vor. Manet hatte auch schon führende Kunstkritiker auf seiner Seite. Théophile Gautier ging der Hype um seine Person bereits zu weit: "Manet hat eine einigermaßen fanatische Anhängerschaft. Um ihn kreisen bereits einige Satelliten, die in ihrer Umlaufbahn um diesen neuen Stern gefangen sind". Zu den letzteren wollte der reiche Bürgersohn Degas definitiv nicht gehören. Beeinflussen ließ er sich trotzdem.

Mein liebster Feind

Erst Manet brachte Degas zu seinen Sujets: Edgar Degas: "Die Absinthtrinker", 1876, im Stile Manets

Seine Historienmalerei und das akademische Schwelgen in Allegorien waren fortan Tabu. Er folgte dem Skandal-Dandy Manet in den Pariser Trubel des Zweiten Kaiserreichs, entwickelte eine Faszination für das Urbane, frequentierte Theater und Cafés und wählte ihre Besucher zu seinem Sujet. Während Manet den äußeren Schein, das sich Verkleiden und Maskieren feierte, suchte Degas nach dem fragilen Innenleben von Großstädtern, nach ihrer Entwurzelung und Instabilität. Er traf damit offenbar einen Nerv der Zeit. Im Ausland als "Kopf der Impressionisten" wahrgenommen, stieg er in den 1880er Jahren zum Star auf, während Manet von der Kritik und Publikum zunehmend verspottet wurde. Ein harter Schlag für jemanden, der auf die öffentliche Anerkennung angewiesen war: "Sie, Degas, sind darüber erhaben", meinte er später, "aber ich für meinen Teil bin enttäuscht, wenn ich in den Omnibus einsteige und niemand zu mir sagt: Monsieur Manet, wie geht es Ihnen, wohin fahren Sie? Denn wenn ich nicht angesprochen werde, weiß ich, dass ich nicht berühmt bin.“ Den Erfolg des Freundes schaffte er aus der Welt, indem er dessen Bilder aus der eigenen Privatsammlung verbannte. Degas war da gelassener. In seinem Nachlass fanden sich Cézannes und Gauguins, aber auch acht Gemälde, vierzehn Zeichnungen und mehr als sechzig Drucke von Manet.

Jackson Pollock versus Willem de Kooning

Erstaunlich nachtragend zeigte sich auch Willem de Kooning, der nicht mal ein Jahr nach Jackson Pollocks Unfalltod mit dessen Geliebten Ruth Kligman eine Affäre begann. Die zwei Heroen des Abstrakten Expressionismus teilten in verrauchten Bars die Flasche miteinander, manch eine Schlägerei und eine von Armut geprägte Kindheit. Ihre Talente hingegen ließen sich nicht auf einen Punkt bringen. Der holländische Immigrant de Kooning war ein begnadeter Zeichner, lehnte innerlich aber seine klassische Ausbildung ab. Er empfand sie als Hindernis, um eine originelle, freie Handschrift auszubilden. Pollocks handwerkliches Können war mäßig. Dafür galt er als authentischer Underdog aus dem Mittleren Westen, der seinen Gefühlen freien Lauf ließ. Als Pollocks Stern zu steigen begann, machte der Erfolg des Jüngeren de Kooning seine Defizite schmerzhaft bewusst.

"Ich war eifersüchtig auf ihn, auf sein Talent“, sagte er später. Und bewunderte doch auch sein Streben nach Befreiung von den Fesseln der Konvention und der Zustimmung der Anderen. „Pollock war der Anführer. Er war der malende Cowboy, der Erste, der Anerkennung fand“, urteilte de Kooning. Dass die Supersammlerin Peggy Guggenheim dem "Anführer“ einen Vertrag anbot, verstärkte noch den Neid der Kollegen. Was sie nicht wissen konnten war, dass Pollock weiterhin kaum ein Bild verkaufen konnte und sich zudem vorwerfen lassen musste, sich an das System verkauft zu haben. Nicht von de Kooning. Er fing an, den Freund zu imitieren, indem er die Farbe auf die Leinwand tropfen ließ und sie abrupt drehte. Damit waren seine Experimente lange noch nicht zu Ende. Er hielt seine Malerei in produktiver Spannung zum traditionellen Verständnis und gewann immer mehr Anhänger. Während Pollock in seinem neuen Landhaus in East Hampton seinen Stil perfektionierte, zog de Kooning in seine Nähe, so als könnte er sich hier etwas von dem Findungsreichtum des Rebellen abschöpfen. Und tatsächlich, sein Ruhm wuchs, während es für Pollock allmählich wieder bergab ging.

Sein Alkoholismus gewann die Oberhand und damit auch seine Schrankenlosigkeit. Bisherige Bewunderer wendeten sich von dem ausfallenden Prahler ab. Selbst vor dem ihm wohlgesinnten de Kooning mache der notorische Trinker keinen Halt und provozierte ihn scheinbar grundlos. Dass auch noch die angesagten Kunstkritiker Harold Rosenberg und Clement Greenberg einen Konflikt zwischen ihnen schüren wollten und die Ehefrauen Elaine de Kooning und Lee Krasner Öl ins Feuer warfen, störte ihr ohnehin streitbares Verhältnis erheblich. Pollocks Kreativität ließ nach, die ganze Welt schien sich gegen ihn verschworen zu haben. Nach dessen gewaltsamen Tod stieg de Kooning zur ersehnten Nr.1 auf und sehnte sich doch nach Pollocks Unverschämtheiten zurück. Er mutierte zum trinkenden Psycho-Wrack, das bereits Anfang der 1960er von der nachfolgenden Generation der Rauschenbergs, Warhols und Johns verdrängt wurde.

Pablo Picasso versus Henri Matisse

Für Frauen blieben in diesen männerdominierten Zeiten wie schon hundert Jahre zuvor bekanntlich nur undankbare Rollen übrig, zumal wenn sie in einer Beziehung mit einem Berufsgenossen lebten. Rivalität konnte da erst gar nicht aufkommen, denn dass sich Malerinnen wie Berthe Morisot oder Lee Krasner damit zu begnügen hatten, ihren eigenen Ehrgeiz zurückzunehmen, darüber musste gar nicht erst diskutiert werden. Sie blieben bereitwillig im Hintergrund als das ewige Modell, mitfühlende Vertraute, die für ihr männliches Gegenüber kämpfende Netzwerkerin. Es sei denn, die Gunst ihrer Geburt ermöglichte ihnen die Freiheit eines Daseins als einflussreiche Sammlerin vom Schlage einer Sarah Stein, Gertrude Stein oder Peggy Guggenheim. Sie genossen ihre Macht und ermöglichten überhaupt erst manch einen kometenhaften Aufstieg.                Die Geschwister Gertrude und Leo Stein etwa, die vor dem Ersten Weltkrieg in Paris nach vielversprechenden Talenten fahndeten, brachten Picasso und Matisse zusammen. Zwölf Jahre Altersunterschied trennte die beiden späteren Titanen. Der ältere Matisse, der 1905 mit seiner Ausstellung im Salon d’Automne für Furore sorgte, machte den ersten Schritt und besuchte auf Anraten der Steins den Jüngeren in dessen Atelier am Montmartre. Er war neugierig und froh darüber, seine eigenen von Schlaflosigkeit und Panikattacken begleiteten Selbstzweifel für einen kurzen Moment hinter sich lassen zu können. Und er suchte einen Gefolgsmann. Vergeblich. Denn die Konfrontation mit dem Begründer des Fauvismus ließ dem Spanier fortan keine Ruhe.

Mein liebster Feind

"Kunst und Rivalität" ist im Insel Verlag erschienen.

Mochten sie noch so viel Zeit im gegenseitigen Respekt miteinander verbringen, Picasso machte das Tempo von Matisse zu schaffen. Eine Neuerung jagte die nächste, der Franzose strotzte vor Kreativität und übte gewaltigen Druck aus. Neue Sammler wie der Russe Sergei Schtschukin suchten seine Nähe. Was konnte Picasso tun, um aus diesem lähmenden Schatten auszutreten? Er suchte den Skandal mit einem Porträt von Prostituierten, die in einem Bordell ihre Körper ostentativ zur Schau stellen. Neun Monate lang arbeitete er sich an den "Demoiselles d’Avignon“ ab. Umso größer muss seine Wut gewesen sein, als Matisse aus einem Urlaub in Südfrankreich seinen nächsten Schocker mitbrachte. "Nu bleu: souvenir de Biskra“ zeigte eine liegende Nackte mit muskulösen Kurven, die eher Furcht als Begehren auslösten. Ein deformierter Körper, der so wirkte, als hätte der Maler mitten im Entstehungsprozess die Lust an seiner Profession verloren. Die Kritiker attestierten Matisse mehrheitlich eine geistige Krankheit. Grund genug für die Steins, das Bild sogleich in ihre Sammlung aufzunehmen. Ähnlich wie die afrikanischen Figuren, die Matisse zu seinen brandneuen Inspirationsquellen erkor. Diesen Einfluss wusste Picasso nun für sich zu nutzen, ohne sich als Anhänger des Rivalen outen zu müssen. Er studierte die Maskensammlung in dem ethnographischen Museum des Trocadéro und ließ seine Eindrücke in die „Demoiselles“ entlang von zersplitterten und dissonanten Formen einfließen, so lange, bis die revolutionäre Grenzüberschreitung nicht zu übersehen war.

27 Quadratmeter Schmerz
Vor genau 80 Jahren stand Pablo Picasso ratlos vor der größten Aufgabe seines Lebens. Dann schuf er mit »Guernica« das bekannteste Antikriegsbild der Geschichte – alles über sein Jahrhundertwerk

Ein sofortiger Erfolg war das mehr als gewagte Bild mitnichten. Schtschukin konstatierte enttäuscht: "Was für ein Verlust für die französische Malerei.“ Viele Förderer und Kunsthändler wendeten sich ab. Für Matisse kein Grund zur Panik. Er animierte seinen Freund in der Krise dazu, Bilder zu tauschen, reiten zu gehen und gemeinsam zu erleben, wie sich die Fronten mit dem Auftauchen des Kubismus allmählich zugunsten von Picasso verschoben. Selbst Gertrude Stein wechselte jetzt in das Lager der "Picassisten“ und wollte keine "Matissistin“ mehr sein. Die so Auseinanderdividierten wollten partout ihre Beziehung nicht in eine Feindschaft kulminieren lassen, die sich so viele in ihrem Umfeld gewünscht haben. "Ich habe mich niemals dagegen gewehrt, von anderen beeinflusst zu werden“, beschrieb Matisse in einem Interview mit dem Picasso-Freund Apollinaire die Lage."Das wäre mir feige und unaufrichtig mir selbst gegenüber erschienen. Ich glaube, dass sich die Persönlichkeit des Künstlers in den Kämpfen entwickelt und festigt, die er mit anderen Persönlichkeiten ausfechten muss. Endet der Kampf mit der Selbstaufgabe der Persönlichkeit, so bedeutet das, dass ihr dieses Schicksal bestimmt war.“ Zumindest dieses Gefecht ging mit einem souveränen "Unentschieden" aus.

Themenseite Moderne
Alle Artikel zu Malerei, Skulptur und Fotografie aus der Epoche der Klassischen Moderne, aktuelle Ausstellungsberichte und Porträts der wichtigsten Künstler

Kunst und Rivalität

Sebastian Smee: "Kunst und Rivalität. Vier außergewöhnliche Freundschaften. Matisse und Picasso - Manet und Degas - Pollock und de Kooning - Freud und Bacon". Hardcover, 398 Seiten, erschienen beim Insel Verlag, Berlin, Preis: 26,00 Euro