Ausstellung auf Möhnesee

Gegen den Wind

Trocken kommen Sie nicht durch diese Ausstellung! Zu den Kunstwerken von »Odyssee« müssen Sie schwimmen oder tauchen. Warum sich das lohnt weiß art-Autor Raimar Stange.
Gegen den Wind

Gartenzaun im Möhnesee von Daniel Knorr: "Liquid Territory", 2017

Was passiert, wenn die Kunst ihren festen Boden unter den Füssen verliert? Der Kunstverein Arnsberg antwortet auf diese Frage gerade mit der Ausstellung "Odyssee". Die Ausstellung findet nämlich am, vor allem aber im und unter dem Wasser des Möhnesees statt, dem größten See in Nordrhein-Westfalen. Gleich 25 namhafte, aber auch unbekanntere Künstler haben Kunstwerke konzipiert, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit Wasser, seiner Nutzung, aber auch mit dem Ökosystem des 1912 geschaffenen Stausees beschäftigen. Gemeinsam ist diesen Arbeiten, dass sie auf dem ersten Blick fast schon simpel erscheinen, sich bei genauerem Hinsehen beziehungsweise Hinschwimmen aber durchaus als komplex und mehrdeutig offenbaren.

Da ist zum Beispiel Daniel Knorrs intelligente Installation "Liquid Territory", ein Gartenzaun der paradoxerweise mitten im Möhnesee ein etwa 50 qm großes Territorium eingrenzt. Der vergleichsweise kleine Teil des Sees wird so als privater Raum vorgestellt – oder spielt der diesjährige Documenta-Teilnehmer hier auf das Dorf Kettlersteich an, das bei der Schaffung des Sees geflutet wurde und jetzt unter dem "Liquid Territory" liegt? Dass die Abgrenzung dieses Zauns ganz bequem zu überwinden ist, merkt man erst, wenn sich ihm schwimmend genähert hat und erkennt, dass es ein Leichtes ist unter ihm durch zu tauchen.

In Sichtweite liegt dann Tanaz Modabbers "Trinity Island", ein schwimmendes Dreieck aus Holz, auf dem man sich niedersetzen kann und einen entspannten Plausch mit anderen „Kunstschwimmern“ führen kann. Doch die Arbeit Modabbers ist mehr als nur eine etwas verspätete "Relationale Ästhetik", die in den Neunziger Jahren das soziale Mitmachen in ihren Fokus stellte. Die Insel ist nämlich teilweise mit Gestrüpp bepflanzt, das die in Teheran geborene Künstlerin am Ufer des Möhnesees, der übrigens genau zwischen Kassel und Münster liegt, gefunden hat, und kommentiert so die eher karg anmutende Flora am Strand des künstlichen Sees.

Raimar Stange
Raimar Stange ist freier Kurator und Kunstkritiker aus Berlin. Er schreibt für verschiedene Zeitschriften und Kunstmagazine. 2003 erhielt er den Preis des ADKV für Kunstkritik.

Diesen Strand selbst hat die Berliner Künstlerin Miriam Thomann ästhetisch vermessen und zwar mit ihrer Installation "o. T. (für Mary Miss)". Fünf etwa 12 Meter lange Segelseile liegen da parallel nebeneinander und erkunden so auf minimalistisch-konzeptuelle Weise und in reflektierter Tradition der US-amerikanischen Künstlerin Mary Miss die Fläche des Uferabschnittes dort, allerdings nicht in seiner Länge, sondern in seiner Tiefe. Verändert sich während der Ausstellungsdauer der Wasserpegel des Sees entscheidend, dann ist diese Arbeit plötzlich entweder nur eingeschränkt zu sehen oder liegt seltsam freigestellt am Ufer – so wird der Möhnesee zum Mitautor des Werks.

Die Umkleidekabine besteht aus Jalousien – jederzeit einsehbar

Verlässt man das Wasser, kann man sich in der "Umkleidekabine S.M.K." von Julian Breuer umziehen – aber Vorsicht: Die Kabine ist vorne offen, ansonsten mit Jalousien abgedeckt, die jederzeit geöffnet werden können. Intimsphäre erweist sich da schnell als eine trügerische Angelegenheit, die vom Künstler scheinbar angebotene Dienstleistung führt sich selbst ad absurdum. Hat man sich dennoch endlich abgetrocknet, steht man vor einer überdimensionierten, 2,50 m hohen, im Wasser stehenden Hand mit einem Handy. Das Handy ist verspiegelt, erlaubt dem davorstehenden Betrachter also ein Selfie vom Selfie-Machen zu fotografieren. Aram Bartholl, der schon auf den diesjährigen Skulptur Projekte in Münster zum Thema „Handy“ arbeitete, stiftet mit seiner gleichsam ertrinkenden Hand „Obsolete Presence“auch zu weitergehenden Interpretationen an, etwa in dem Sinne: Rettet die Menschheit eher noch ihre Telekommunikationstechnologie bevor sie selbst untergeht?

Ein Highlight der von Vlado Velkov klug kuratierten Ausstellung sind nicht zuletzt Raul Walchs mit Textilfarbe bemalten Segel "Semaphore", die nur dann betrachtet werden können, wenn die mit ihnen bestückten Boote in See stechen. Dann leuchten die poppig-konstruktivistischen Segel für ein paar Stunden vor dem blauen Hintergrund des Sees auf und stellen, typisch für "Odyssee" insgesamt, mit ihrer partizipatorischen Setzung wichtige Fragen nach der Enge des White Cubes und der erfrischenden Weite des öffentlichen Raums.

Skulptur Projekte
Künstler, Werke, Kuratoren: Das Wichtigste über die Skulptur Projekte Münster und alle Artikel rund um das Thema im Überblick, dazu Reise- und Restaurantipps und eine Karte zum Ausdrucken

Odyssee

Die Arbeiten am und auf dem Möhnesee sind noch bis zum 30. Juli 2017 zu sehen.

Die Ausstellung im Kunstverein Arnsberg eröffnet am 28. Juli, 19 Uhr, und läuft bis zum 10. September.