Surrealismus im arabischen Raum

Albtraum Wirklichkeit

»Lang lebe die entartete Kunst!« riefen sie, und gründeten eine ägyptische Filiale des Pariser Surrealismus: Wie arabische Künstler in den Dreißigern die Kunstrichtung zu einer politischen Waffe machen wollten – und scheiterten

Seit einigen Jahren durchfors­ten westliche Museums­direktoren ihre Sammlungen fieberhaft nach Kunstwerken, die nicht aus den USA oder Europa stammen. Allzu viel finden sie dabei in der Regel nicht, denn der koloniale Anspruch, der "Dritten Welt" kulturell überlegen zu sein, hielt sich auch in der Kunstszene äußerst hartnäckig. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Ausstellungen, die moderne Kunstströmungen in Afrika, Asien und Südamerika beleuchten; zum schlechten Gewissen gesellt sich die professionelle Furcht, etwas Wichtiges verpasst zu haben. 

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In der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW macht jetzt mit "Art et Liberté: Umbruch, Krieg und Surrealismus in Ägypten (1938–1948)" eine Wanderausstellung Station, die einen weiteren weißen Fleck der westlichen Kunstgeschichtsschreibung besonders verblüffend füllt: Im Jahr 1938 formierte sich in Kairo eine Gruppe junger Künstler und Literaten, um mit dem Schlachtruf "Lang lebe die entartete Kunst!" eine ägyptische Filiale des Pariser Surrealismus zu begründen. Die Männer und Frauen von Art et Liberté wollten mit den Mitteln der Kunst gegen den europäischen Faschismus, die britische Kolonialherrschaft und nicht zuletzt gegen den Nationalismus im eigenen Land kämpfen und suchten ihr Heil im "universalen" Stil des Surrealismus – dem sie gleichwohl eine lokale Färbung gaben.

Kunst gegen Polizeigewalt

So adaptierten Ramsès Younane und Amy Nimr auf ihren Gemälden "traumhafte" Elemente, um die durch bittere Armut und die britische Besatzung geförderte Prostitution Zehntausender Frauen in Ägypten anzuprangern; das Motiv des fragmentierten, in Schmerzen verdrehten Körpers wird auf Mayos Bild "Coups de bâtons" (Knüppelschläge) zu einer direkten Anklage gegen brutale Polizeigewalt; und Maler wie Rateb Seddik schlugen eine Brücke aus dem Unbewussten ins Politische, indem sie altägyptische und koptische Symbole in ihre Arbeiten integrierten. Die ägyptische Wirklichkeit war albtraumhaft genug, und so versuchten die Art-et-Liberté-Künstler, aus dem Surrealismus eine politische Waffe zu machen. Als sich diese Hoffnung nicht erfüllte, zerbrach die Gruppe zehn Jahre nach ihrer Gründung. Einige Mitglieder suchten im Sinne des panarabischen Aufbruchs nach einem deutlicher ägyptisch geprägten Stil.

Dali auf einer Fotografie mit seinem Ozelot
Aktuelle Ausstellungen. Artikel und das Wichtigste zum Surrealismus im Überblick

Mit der Art-et-Liberté-Ausstellung kommt ein echtes Pionierstück nach Düsseldorf: Viele der 130 gezeigten Kunstwerke und Dokumente sind nicht nur im Westen, sondern überhaupt erstmals öffentlich zu sehen. Ergänzt werden sie durch surrealistische Meisterwerke aus der Düsseldorfer Sammlung.

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