Interview mit Niko Mainaris

Documenta-Shirts: Die Ästhetik der Krise

Farbverläufe, Schmutz, und bröckelnde Fassaden: Die offiziellen T-Shirts zur Documenta 14 zeigen Fragmente echter Athener Street Art. Der Künstler Niko Mainaris lebt in der griechischen Metropole und hat die Motive aus digital bearbeiteten Farbschichten designt. Als Ausdrucksmittel politischer Meinung spiegeln die Graffiti auch Auswirkungen der Schulden-, Wirtschafts,- und Flüchtlingskrise wider. Ein Interview über Message-Shirts, politische Kunst und das Leben in einem postdemokratischen Land.
Documenta-Shirts: Die Ästhetik der Krise

T-Shirt-Design von Niko Mainaris für die Documenta 14

Du lebst in Athen und bist Sohn griechischer Eltern, aber hauptsächlich in Deutschland aufgewachsen. Warum hast du dich für Athen entschieden?

Ich habe den Sommer zu Schulzeiten meistens in Athen verbracht, die Stadt immer toll gefunden und hatte dann auch Freunde dort. Ich kam 2000. Das war die Zeit kurz vor den olympischen Spielen. Das war natürlich wahnsinnig aufregend und es gab einen Wirtschaftsboom. Im Nachhinein erkennt man dann, was das für eine verrückte Blase war. Ich habe den Boom und auch ein paar Jahre später den Crash miterlebt.

Du warst sicher auch schon auf der Documenta in Athen unterwegs.

Ja natürlich. Ich habe es noch nicht zu allen Spielorten geschafft, hoffe aber, dass ich trotz der tropischen Temperaturen noch einige mehr sehen kann. In Kassel war ich noch nicht. Ich glaube allerdings auch, dass der Standort Athen, das Umfeld und die Stimmung hier besonders viel Stoff zum Nachdenken geben. Athen lohnt sich, allein schon für einen Perspektivenwechsel. Auch wenn es viel Kritik rund um die Documenta gab: Die Dinge sind nicht immer so, wie man es vielleicht gelesen hat oder vermutet, bevor man es selbst gesehen hat.

Documenta-Shirts: Die Ästhetik der Krise

Porträt Niko Mainaris

Welche Arbeit hat dir bis jetzt am besten gefallen?

Eines der eindrucksvollsten Werke war eine Mehrkanal-Soundinstallation des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh. Mit polyphonischer Musik aus Nordgriechenland, also alten traditionellen Liedern. Dazu sieht man an der Wand reale Börsen-Wechselkurse. Die Soundinstallation verbinde ich mit der Erde, der Muttererde. Die hat etwas traditionelles, etwas das längst verloren gegangen scheint. Dazu diese abstrakten Zahlen an der Wand, die an einem vorbeiziehen und unser Leben beeinflussen – da habe ich dann anfangen müssen zu heulen, weil es in dem Moment ein so heftiges Erlebnis war.

Du hast sechs verschiedene T-Shirt-Designs für die d14 entworfen. Wie kam es dazu? Hat Adam Szymczyk persönlich angeklopft?

Ich habe 2005 einen kleinen Laden eröffnet und angefangen hier meine eigenen Designs zu produzieren und zu verkaufen. Mittlerweile sind wir zu einem Anlaufpunkt für interessante Prints auf T-Shirts in Athen geworden. Szymczyks Mitarbeiter haben mich beauftragt. Ihn selbst habe aber nur ich nur einmal kurz gesehen.

Hattest du besondere Vorgaben, was den Look der Shirts angeht?

Ich hatte freie Hand. Es gab keine bestimmten Vorgaben, was ich natürlich sehr gut fand. Nur die Sprüche wie „Neither Swans nor Ants“, „Transdocumenta“ oder „Eat the Ego“, die von Adam Szymczyk stammen, sollten visuell gestaltet werden. Ich musste selbst Konzepte erstellen und habe dann 3 angeboten – 2 davon gingen in Produktion.

Das Message-Shirt liegt im Trend. Dior bedruckt T-Shirts mit „We should all be Feminists“, bei Stella McCartney werden „No Leather“-Prints zum modischen Veganismus-Bekenntnis. Warum tragen die Menschen momentan gern ihre Meinung auf der Brust?

Wir befinden uns in einer sehr turbulenten Zeit, die für viele Menschen schwierig ist und natürlich auch polarisiert. Wir können nicht mehr so weiter machen wie bisher, man muss einfach Stellung beziehen. Deshalb glaube ich, dass die Menschen ihren Standpunkt auch kommunizieren wollen.

Inwiefern ist die politische und wirtschaftliche Krise in Athen für dich spürbar?

Leben in Athen heißt auch oft Überleben. Manche haben monatelang keinen Job, verlieren ihre Versicherung und landen im schlimmsten Fall auf der Straße. Ich habe den kleinen Laden und mein Einkommen inklusive Versicherung. Trotzdem weiß ich zum Beispiel nicht mit Sicherheit, dass ich gut versorgt bin, sollte mir etwas passieren. Der Zustand der Krankenhäuser in Athen ist katastrophal – auch ich bekäme vielleicht kein Bett. Zusätzlich kommen so viele Flüchtlinge aus anderen Ländern, denen es noch viel schlechter geht. Man sieht schwierige Dinge und schlimme Zustände in Athens Straßenbild. Einerseits möchte man die eigene Seele dann vor solchen Eindrücken beschützen, andererseits verspürt man den Impuls zu helfen. Das ist aber oft gar nicht möglich.

Wer ist Adam Szymczyk?
Es ist der am meisten beachtete Job der Kunstwelt: Mehr als künstlerischer Leiter einer documenta kann man als Kurator eigentlich nicht werden. Wie tickt der Mann, der die 14. Ausgabe gestaltet?

Auf deinen anderen T-Shirt-Designs steht zum Beispiel „Ich bin ein Athener“ oder die Buchstaben des Wortes „Demokratie“ werden unter die Illustration eines Teppichs gekehrt. Wie wichtig ist dir die politische Botschaft deiner Kreationen?

Für mich ist das sehr wichtig. Ich möchte das Ganze auch immer mit Humor verbinden. Die Message muss Witz haben und nicht nur ein politisches Statement darstellen. Ich denke Humor schützt uns vor Negativität und allzu großer Wut – und man wird leicht wütend, wenn man zum Beispiel realisiert, dass man mit Wahlen nichts ändern kann oder Ungerechtigkeiten sieht. Ob das jetzt Steueroasen in Europa oder Milliarden an Geldern sind, die prinzipiell, aber eben nur für bestimmte Dinge, zur Verfügung stehen. Für soziale Politik und Projekte gibt es angeblich kein Budget. Da wird man stutzig. Deshalb wählen auch immer mehr Menschen extreme Parteien. Es ist so wichtig, das auch zu realisieren. Keine Ahnung, was passiert, wenn wir alle so weiter machen. In Griechenland sitzt eine faschistische Partei im Parlament. Die Zukunft ist unsicher. Wir haben zwar noch eine gewisse Freiheit hier, aber man sieht in anderen Ländern, wie schnell sich so etwas ändern kann.

Documenta-Shirts: Die Ästhetik der Krise

T-Shirt-Design von Niko Mainaris für die Documenta 14

Diese Kapitalismuskritik und politische Themen wie Flucht und Verfolgung spielen thematisch auch bei der d14 eine große Rolle. Gleichzeitig bietet sie so viele Merchandise-Produkte zum Besucher-Konsum an wie nie zuvor – ein Widerspruch?

Wenn man eine Ausstellung besucht und diese dann auch noch gut findet, verspürt man schnell das Bedürfnis etwas mitzunehmen. Die Kunst selbst zu kaufen können sich die wenigsten leisten, aber man will ein Andenken. Ich kann nur für Athen sprechen, aber hier sind die Shops sehr dezent und es gibt eine relativ übersichtliche Auswahl. Ich denke also nicht, dass sich das widerspricht. Man muss das ganze Spektakel ja auch irgendwie finanzieren. Der Verkauf von Merchandise spielt da auch eine große Rolle.

Das Design der Shirts im Street-Art-Look beruht auf einer Technik, die du bei einem Projekt in Athen für deine Masterarbeit angewendet hast. Kannst du kurz erklären worum es dabei geht?

Ich habe meine Masterthesis an der Hochschule Reutlingen gemacht – bei Prof. Henning Eichinger, dem ich sehr dankbar bin. Die Arbeit hatte den Titel: „Bilder der Krise – Palimpseste aus Athen“. Palimpseste sind verschiedene Ebenen, die in einem Bild sichtbar werden. Das können verschiedene Layers von Farben, Messages und Stilen sein, die ineinander verwoben werden. Ich habe Graffitis und Street Art in Athen fotografisch dokumentiert und diese dann digital bearbeitet. So sind dann diese Palimpseste entstanden. Darauf basierend habe ich ein Konzept für die d14-Shirts vorgeschlagen. Die Sprüche werden dabei – von echten Häuserwänden inspiriert – mit digitalen Tags und Farben übersprüht, durchgestrichen und übermalt.

Hast du selbst schon mal zur Sprühflasche gegriffen oder läuft bei dir alles digital?

Ja, habe ich schon, ich bin aber kein Street Artist. Ich arbeite eher digital und grafisch. Allerdings plane ich ein Projekt, bei dem ich gern etwas auf die Straßen von Athen, also auf den Asphalt sprühen möchte, nicht an Wände. Ist aber noch nicht spruchreif.

 

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Du arbeitest also mit unterschiedlichen Medien. Fühlst du dich eher als Künstler oder als Designer?

Ich bin das, was man im Englischen so schön „inbetween“ nennt. Meine Arbeit beinhaltet schon eine künstlerische Komponente, aber ich bin auch Designer und Grafiker. Es gefällt mir sehr, nicht nur mit einem Bereich, mit einer Technik oder einem Medium zu arbeiten, sondern in verschiedenen Richtungen zu denken.

Welche Projekte planst du für die Zukunft?

Ich würde gerne einen Project Space eröffnen. Man kann in Athen momentan sehr billig Läden mieten – es gibt Räumlichkeiten für ca. 100 Euro. Dafür sammle ich zur Zeit Textilien, die ich auf der Straße finde. Es gibt hier oft Auseinandersetzungen zwischen Anarchisten und Polizei. Einmal entstand ein Brand in einem Kiosk nahe der Hochschule. Ich habe dann praktisch Reste von diesem Kiosk in Form von Textilien mitgenommen, die verbrannt und dadurch fast skulptural verformt wurden. Diese dreckigen, verkokelten Stoffteile zeigen ein Stückweit auch den Verfall der Stadt. Dazu möchte ich ein Projekt starten – vielleicht noch diesen Herbst.