Ausstellung in London

Trümmer der Straße

Die 1960er Jahre markieren kulturhistorisch eine düstere Dekade in der Geschichte Amerikas. Eine Schau im Londoner Tate Modern zeigt afroamerikanische Kunst, entstanden in Jahren des Protests - zwischen Black Power und Bürgerrechtsbewegung.
Trümmer der Straße

Benny Andrews: "Did the Bear sit under a Tree?", 1969, Öl auf Leinwand mit bemalter Stoffkollage und Reißverschluss

Kunst kann eine befreiende Kraft sein – ein positiver Ansatz für die Lage unseres Volks und die Richtung, in die es fortschreiten wird", verkündete die Gruppe AfriCOBRA in einer einem Manifest gleichkommenden Schrift. Die Künstler dieser Verbindung stellten sich die Frage, was es bedeutete, in den USA, wo sich eine Bürgerrechtsbewegung und Black Power gegen Rassendiskriminierung zur Wehr setzten, ein schwarzer Künstler zu sein.

Über 150 Werke von mehr als 50 Künstlern

 In ihrer Schau "Soul of a Nation: Art in the Age of Black Power" lässt die Londoner tate modern mehr als 50 afroamerikanische Künstler aus dem ganzen Land zu Wort kommen, die entweder vergessen sind oder nie richtig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit drangen. Mehr als 150 Werke – Arbeiten aus den sechziger Jahren, als die Bürgerrechtsbewegung ihren Höhepunkt erreichte, bis in die Achtziger – zeigen, wie diese Maler, Bildhauer, Filmer und Fotografen mit ihrer Kunst versuchten, eine schwarze Identität herzustellen und zu feiern.

Viele der afroamerikanischen Kreativen schlossen sich zu Gruppierungen zusammen. Wobei die Afri-COBRA – die "Afrikanische Kommune Schlechter Relevanter Künstler", die sich 1968 in Chicago formierte und zu deren bekanntesten Mitgliedern Jeff Donaldson und Wadsworth Jarrell gehörten – die einzige Gruppe war, die ihre politischen und künstlerischen Ziele auch in einem Grundsatzprogramm darlegte.

August 1963: Wendepunkt der Bürgerrechtsbewegung

Ganz ohne Programmschrift gehörte die New Yorker Spiral Group zu den einflussreichsten Kreisen. Das Kollektiv gründete sich als Antwort auf den Marsch auf Washington vom August 1963, auf dem etwa eine Viertelmillion Menschen für Rassengleichheit demonstrierten und der einen Wendepunkt der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung darstellte. Zur Spiral Group zählte auch der Karikaturist und Maler Romare Bearden (1911 bis 1988), dessen eindringliche Collage Pittsburgh Memory (1964) die Ausstellung in der tate modern eröffnet.

Das Kraftwerk Tate
Das Museum produziert nicht nur Ausstellungen, die das Publikum liebt, sondern auch höchst erfolgreiche Kulturmanager. Ein Bericht von art-Korrespondent Hans Pietsch

Schutt und Trümmer, die Noah Purifoy nach den gewalttätigen Aus-einandersetzungen1965 auf den Straßen im Stadtteil Watts in Los Angeles eingesammelt hatte, verwendete der schwarze Plastiker (1917 bis 2004) für Watts Riot – eines der eindrucksvollsten Exponate der Schau. Ebenfalls mit den Rassenunruhen in L. A. setzte sich Künstlerin Betye Saar (Jahrgang 1926) in Assemblagen jener Zeit auseinander – ihr ist in London gleich ein ganzer Raum gewidmet.

Erinnert wird auch an die Dokumentarfilmerin Linda Goode Bryant (Jahrgang 1949), die just above midtown gegründet hat. Diese einflussreiche Produzentengalerie in New York wurde in den achtziger Jahren zur Plattform für die schwarze Avantgarde.