David Hockney

Der Weitermaler

Sein Werk gehört längst zum Kanon der Malerei des 20. Jahrhunderts. Doch David Hockney begnügt sich nicht damit, ein Klassiker zu sein. Er will die Landschaftsmalerei neu erfinden, und er kämpft für neue Perspektiven in Fotografie und Film. Ein Atelierbesuch in Los Angeles
Der Weitermaler

David Hockney in seinem Atelier

Der Weg zu David Hockney führt über den legendären Mulholland Drive. Endlos schlängeln sich die Serpentinen über die Hügel von Hollywood. Aus dem Autofenster blickt man auf die Filmstudios von Warner Bros. und Universal herab. Der Regisseur David Lynch hat den Mulholland Drive in seinem gleichnamigen Film als spukhafte, abgründige Psycho-Geisterbahn beschrieben; an diesem Septembermorgen erscheint er ganz friedlich und wenig spektakulär. Aufgebretzelte Fassaden findet man eher im Starviertel Beverly Hills. Hier oben versteckt sich die Prominenz hinter heruntergelassenen Garagentoren.

Eine schmale Treppe führt zu Hockney

Klingeln an der Eisengittertür in der Montcalm Avenue. Eine schmale Treppe führt hinunter zum Haus. David Hockney empfängt den Gast persönlich am Eingang. Er trägt Anzug und Krawatte, beides nicht mehr so bunt wie früher. In seinem Ohr steckt ein Hörgerät, auf das er immer wieder entschuldigend hinweisen wird. "Meine Schwerhörigkeit sorgt dafür, dass ich lieber rede als zuhöre", kündigt er an und schickt ein Augenzwinkern hinterher. Die Räume sind großzügig, aber nicht repräsentativ, es könnte der Landsitz eines Kunstprofessors sein. Die Wände leuchten in Blau, Lila, Hellrosa - Hockney-Farben. Er besitze das Haus seit 1980, murmelt der Künstler, habe es immer wieder umgebaut. Mehrmals gemalt hat er es auch.

Eingebettet in eine oasenartige Szenerie mit Palmen und großen Büschen ist auch das angebaute "kleine" Atelier - und natürlich gibt es einen Pool. Man kann ihn vom Wohnzimmer aus sehen. Der Swimmingpool von David Hockney! Es ist, als betrete man den Garten von Monet oder jene Brücke, die van Gogh gemalt hat.

Hocnkey designte 1995 auch einen BMW
Junge Burschen unter der Dusche waren früher sein Markenzeichen. Mit 71 Jahren geht es David Hockney heute etwas ruhiger an: In Schwäbisch Hall zeigt er Landschaftsgemälde

Hockney und Kalifornien - das waren lange Zeit Synonyme. Seit 1964 lebt der englische Maler mit kleineren und größeren Unterbrechungen in Los Angeles. Hier konnte er als bekennender Homosexueller unbehelligt leben, und hier malte er die Bilder, die ihn berühmt machten. Sie zeigen den Sonnenstaat als modernes Arkadien: schnurgerade Palmen am Horizont, gleichmäßig getrimmte Rasenflächen, hellbraun schimmernde Männerkörper am Rand des Pools. Keiner hat jemals in einem banalen Schwimmbecken so viel Verheißung gesehen wie David Hockney. Das ewige Blau dieser Bilder leuchtet über Jahrzehnte hinweg, sie geben uns ein melancholisch getöntes Idealbild der amerikanischen Moderne.

Waren die sechziger Jahre nicht die schönere, freiere Epoche? Der Künstler bestätigt das indirekt, indem er sich eine Zigarette ansteckt. Er sitzt an einem großen runden Esstisch, im Hintergrund werkelt die Haushälterin. Einer seiner Assistenten leert den übervollen Aschenbecher. "Rauchen ist heute überall verboten", sagt Hockney und schüttelt missbilligend den Kopf. Das Verbot habe aus Amerika eine Zone kultureller Ödnis gemacht. "Damit wird die Boheme zerstört!

»Kunst ist ohne Drogen nicht denkbar«

Kunst ist doch ohne Rauchen nicht denkbar, und auch nicht ohne Drogen." Hockney lacht trotz dieses pessimistischen Befunds, eine Grundheiterkeit liegt ohnehin immer auf seinem Gesicht. Er hat sie ja erlebt, die großen Zeiten der schwulen Künstlerszene, als es noch kein Aids und keinen neuen Puritanismus gab. "Einer der Gründe, warum ich ursprünglich hierher kam, war Sex. Die Kunstszene war überschaubar, aber es gab viele schwule Fotografen." Auf mehr Nostalgie will sich der Künstler nicht einlassen. Aktuelle Projekte sind zu besprechen. Eine Ausstellung in Köln steht an, mit Bildern aus den letzten zehn Jahren, sie basiert auf der sehr erfolgreichen Schau "A Bigger Picture" Anfang 2012 in der Londoner Royal Academy of Arts. David Hockney wurde in diesem Jahr 75, doch ein Ruhestand ist nicht absehbar.

Er hat hart gearbeitet in den letzten Jahren: an neuen Bildern, neuen Gedanken, neuen Perspektiven. Seit den späten Neunzigern entwickelte der Maler brennendes Interesse an der Revolutionierung eines klassischen Sujets: des Landschaftsbilds. Wie einst William Turner und John Constable malt er die Bäume, Wiesen und Horizonte seiner englischen Heimat.

Er malt wie Monet vor 100 Jahren

Es begann damit, dass er sich die Gegend um den nordenglischen Küstenort Bridlington in der Grafschaft Yorkshire einmal genauer ansah. Als junger Mann hatte er die Gegend verlassen, um am Londoner Royal College of Art Malerei zu studieren. "Bis in die neunziger Jahre kam ich etwa viermal im Jahr dorthin zurück, um meine Mutter zu besuchen", erzählt Hockney. Sein Bruder und seine Schwester leben bis heute in dem Städtchen. "Irgendwann merkte ich, dass ich dort gut arbeiten konnte. Die Landschaft begann mich zu fesseln, die kleinen Veränderungen durch den Wechsel der Jahreszeiten.

Wissen Sie, in Los Angeles scheint an jedem Tag im Jahr die Sonne." Hockney legte sich Kleidung für vier Jahreszeiten zu. Und er malte wie Monet vor über 100 Jahren: mit Leinwand und Staffelei in der freien Natur. Allerdings war der technische Aufwand höher, denn seine Bilder wuchsen in immer größere Formate hinein: einige sind fast fünf Meter breit und über zwei Meter hoch. Sie setzen sich meist aus sechs Leinwänden zusammen, was laut Hockney "einige technische Probleme" mit sich brachte. Er und seine Assistenten entwickelten schließlich einen Jeep mit Ablagefächern auf der Ladefläche, um die feuchten Leinwände zurück ins Atelier transportieren zu können.

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Malerei muss groß sein, um wahrgenommen zu werden

Hockney versteht die Formate auch als Statement: "Die Malerei muss groß werden, um heute noch wahrgenommen zu werden." Hockneys englische Landschaften überwältigen qua Größe und Farbigkeit, die coole Prägnanz seiner Kalifornienbilder fehlt ihnen. Als sie Anfang des Jahres in der Royal Academy of Arts erstmals zusammen gezeigt wurden, kamen sensationelle 600 000 Besucher zur Ausstellung; in den Feuilletons war die Begeisterung allerdings nicht einhellig: zu bunt, zu einfach, lauteten die Vorwürfe.

Was daran stimmt: Die Natur ist bei Hockney ohne Abgrund und Gefahr. Wo bei Turner und Constable noch das Ungewisse drohte, erstrahlt bei Hockney eine reine, farbenprächtige Idylle. Gänzlich harmlos sind die Bilder aber nicht. Und das hat mit den Details der Darstellung zu tun. Schon immer war Hockney erklärtermaßen am Realismus interessiert - der "Wiedergabe der sichtbaren Welt", wie er es ausdrückt. Wie Vermeer oder Matisse wählt er das Naheliegende, Alltägliche zum Motiv. Interieurs, Porträts von Freunden, vertraute Landschaften: Das Geheimnis liegt im Bekannten.

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Zugleich hat sich Hockney als Kind der Moderne geweigert, seine Welt nach der Maßgabe dessen zu malen, was als Errungenschaft der abendländischen Kunst geht: der Zentralperspektive. Hier liegt sein ästhetischer, und wenn man so will: moralischer Ansatzpunkt. "Wir nehmen Dinge in Wirklichkeit sehr viel komplexer wahr, als es die fixierte Perspektive vorgaukelt", sagt er. "Der Kubismus war Anfang des letzten Jahrhunderts ein erster wichtiger Schritt in eine andere Richtung. Etwa zeitgleich hat sich der Film etabliert - er war damals aufregend.

Heute ist er es nicht mehr. Es wird Zeit für eine neue Sichtweise. " Schon in seinen Gemälden der sechziger Jahre stößt man auf komplexe Raumkonstruktionen: planer Realismus wurde durch die Integration flächiger, gar abstrakter Elemente verhindert. In den achtziger Jahren baute Hockney aus Polaroidfotos, auf denen jeweils nur ein Teilbild zu sehen war, multiperspektivische Collagen - "eine Kritik der Fotografie mit ihren eigenen Mitteln", wie er sagt. Seine Yorkshire- Landschaftsbilder stehen in dieser Tradition: Hohe Bäume ergeben fast abstrakte Muster, und die Perspektive ist dank der zusammengesteckten Leinwände immer leicht verschoben. "Meine Kritik an der Zentralperspektive hat auch eine politische Dimension", sagt er. "Wir brauchen Leute, die kubistisch denken!" Das ist Hockneys Mission. Und die soll nicht auf Malerei und Fotografie beschränkt bleiben. Kürzlich hat der Maler den Film für sich neu entdeckt. Als Einwohner der Filmmetropole L. A. will Hockney den Produzenten zeigen, wie man das Verhältnis von Welt und Kamera neu definieren kann. Er glaubt, dass die Bilder der Traumfabrik zu einheitlich sind für eine Zeit, in der jeder mit dem Smartphone selbst zum Regisseur wird. Hockney hat Filme gedreht, von denen einige in Köln gezeigt werden sollen. "Wir haben etwa eine Landschaft in Yorkshire mit neun Kameras gefilmt; jede zeigt ein Teilbild, so dass das ganze Bild aus neun leicht verschiedenen Perspektiven zusammengebaut ist." In einer anderen Arbeit sind zwölf Jongleure zu sehen, deren Auftritt man aus zigfach gebrochenem Blickwinkel betrachten kann. Schaut man sich Hockneys Filme an, fällt einem ein, dass die alten japanischen Holzschnittmeister von der "fließenden Welt" sprachen. Alles verändert sich permanent, zugleich wird die Einheit des Motivs gewahrt. Fließender Realismus.

»Ich war einer der ersten, die ein iPad besaßen«

Hockney ist sichtlich stolz auf diese Arbeiten, und er zeigt sie am Tag nach unserem Interview in Los Angeles in seinem zweiten, deutlich größeren Atelier am Santa Monica Boulevard. Ausgewählte Gäste sind gekommen, darunter Jeffrey Deitch, Direktor des Museum of Contemporary Art (MOCA) und der deutsche Künstler Thomas Demand, der überwiegend in L.A. lebt.

Ein Vertreter des von Hockney adressierten Hollywood-Establishments ist auch anwesend: der deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck. Er plant hier gerade seinen dritten Film, nach dem ihn der Oscar für "Das Leben der Anderen" internationalen Ruhm beschert hat. Man hatte sich vorher schon zum Gedankenaustausch getroffen: Hockney lobt den Deutschen als "klugen Mann", Henkel von Donnersmarck findet die Experimente des Briten "sehr inspirierend".

Und dann ist da noch dieses kleine Zaubergerät, mit dem Hockney nebenher eine Affäre hat. "Ich war einer der Ersten, die überhaupt ein iPad besaßen", erzählt der Künstler. "Ich hatte vorher zum Spaß auf dem iPhone gemalt und die Bilder an Freunde geschickt. Irgendwann hatte ich 200 Bilder: ein ernst zu nehmender Werkkomplex! Das iPad verschafft dir eine unglaubliche Schnelligkeit. Man kann in einem unglaublichen Tempo die Farben neu einstellen." So entstand neben den Gemälden ein zweiter, digitaler Strang an Landschaftsbildern. Die iPad-Zeichnungen haben eine künstliche Farbigkeit und leuchten wie Pop- Art-Gemälde. "Sie haben eine sehr gute Fernwirkung", so drückt es Hockney aus.

Es ist schon merkwürdig: Man kann mit Hockney lange über Apple-Geräte und Digitalkameras reden - und dabei vergessen, dass man keinen jungen, technikbegeisterten Künstler vor sich hat, sondern einen, der tief mit der Kunst des 20. Jahrhunderts verwoben ist. Beiläufig erwähnt er Richard Hamilton, seinen frühen Förderer am College, oder den Freund Francis Bacon, "der übrigens drei Ateliers hatte, nur eines davon war so chaotisch, wie man auf den Bildern immer sieht." Auch mit Lucian Freud war er gut bekannt, man porträtierte sich gegenseitig, "wobei er für mich drei Stunden Modell saß, ich für ihn aber 120 Stunden".

Lucian Freud starb letztes Jahr, und auch viele andere Weggefährten von David Hockney sind längst tot. Er hingegen steckt voller Zukunftspläne. Ist die Versuchung nicht groß, sich ein wenig zurückzulehnen? Hockney überlegt lange. "Ich habe das Gefühl, eine neue Epoche des Bildermachens beginnt. Und ich möchte dabei sein. Mein Werk ist noch nicht abgeschlossen, weil ich noch nicht am Ende bin", sagt er - ohne Augenzwinkern.

 

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