Schiele–Werkverzeichnis

»Ich wusste, wieviel Arbeit das ist«

2018 wird Schieles 100. Todestag begangen. Im Taschen-Verlag erschien ebenfalls jetzt schon ein neuer Riesenband im XXL-Format – das Werkverzeichnis von Schieles Gemälden. Herausgeber Tobias Natter über die Schwierigkeit, solch ein Kompendium zu erstellen – und über Fehler seiner Vorgänger
»Ich wusste, wieviel Arbeit das ist«

Egon Schiele: "Selbstbildnis mit Lampionblume", 1912, Wien, Leopold Museum

2018 wird Schieles 100. Todestag begangen. Die Albertina zeigt bereits heuer eine Retrospektive seiner Zeichnungen. Im Taschen-Verlag erschien ebenfalls jetzt schon ein neuer Riesenband im XXL-Format – das Werkverzeichnis von Schieles Gemälden. Erarbeitet hat es Tobias Natter, ehemaliger Direktor des Wiener Leopold Museums, in den vergangenen drei Jahren. Er habe lange gezögert, den Auftrag anzunehmen, erzählt er. „Ich wusste, wieviel Arbeit das ist.“

Das sieht und liest man auch – das Volumen der Texte hat sich mehr als verdoppelt zum Ausgangsprojekt, so Natter. Jetzt sind es 600 Seiten, sechs Essays von Wissenschaftlern aus Österreich und dem angloamerikanischen Raum. Sogar die Verfasserin des vorherigen Werkverzeichnissen Schieles von 1990, die New Yorker Galeristin Jane Kallir, wollt Natter involvieren, ja ihr sogar das Gesamtprojekt abtreten. Aber die Verhandlungen mit Taschen zerschlugen sich, weiß er, es ging auch um rechtliche Sicherheiten. Denn jedes Werkverzeichnis, vor allem von Gemälden eines derartigen Kunstmarkt-Kalibers wie Egon Schiele, birgt die Gefahr der „Abschreibung“, also der Aberkennung der Authentizität eines Werkes. Diese Zu- und Abschreibungsfragen hielten die Fachwelt bei Schiele Jahrzehntelang in Atem, ähnlich wie die Werk-Interpretationen dieses so verschlüsselten Oeuvres - die Gefechte zwischen dem Wiener Sammler Rudolf Leopold und Jane Kallir sind legendär.
 

Versöhnlicher Ton

Natter schlug einen auffällig versöhnlichen Ton an in seinem neuen Band, den „Kardinalfehler etlilcher Vorgänger“, apodiktisch auf ihrem Urteil zu bestehen, möchte er vermeiden, erklärt er. Eher soll das gründlich recherchierte Verzeichnis, das allerdings das akademische Frühwerk Schieles auslässt, Grundlage für weitere Diskussionen sein. Natter nahm auch nur eine „Abschreibung“ vor, die bereits vorher umstritten war, das Gemälde „Alte Gemäuer“ findet man nicht mehr im Werkverzeichnis. Dafür fügt er sechs neue Gemälde hinzu, die er allerdings aus den Quellen rekonstruiert, nicht im Original gesehen hat. Die plausibelste dieser „Entdeckungen“ ist dabei das erste großformatige Landschaftsgemälde Schieles, „Stein an der Donau in der späten Abendsonne“ von 1913.

Schiele hat es zu einer Ausstellung in der Kunsthalle in Stockholm geschickt, Natter hat Unterlagen dazu im dortigen Archiv gefunden. Seither ist es verschollen. Vielleicht taucht es ja auf einem schwedischen Dachboden einmal auf? Bis dahin wird man es sich vorstellen müssen. Erstmals gelungen ist es Natter bzw. dem Taschen-Verlag in dieser Publikation allerdings, die gesamten bekannten Schiele-Gemälde in Farbe abzudrucken. Monatelang, so Natter, habe man in das „Farb.Management“ investiert, um die Farben so originalgetreu wie möglich hinzubekommen. Besonders edel ist auch der Wechsel der Papier-Qualität: Die zum Vergleich ebenfalls abgebildeten Zeichnungen bzw. Gouachen sind auf ein Faksimile-Papier gedruckt.

Egon Schiele. Sämtliche Gemälde 1909–1918

Herausgegeben von Tobias G. Natter, Hardcover, 29 x 39,5 cm, 612 Seiten, 150 Euro

Schiele Light
Er löste Skandale aus, wechselte seine Liebhaberinnen wie eingetrocknete Pinsel und stand als "Kinderschänder" vor Gericht. Ein Biopic über Egon Schiele versucht jetzt, jetzt den mit nur 28 Jahren verstorbenen Wiener Modernen für ein Mainstream-Publikum zu züchtigen
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