Film- und Fotokünstlerin Shirin Neshat in Tübinger Kunsthalle

Auf die Haut geschrieben

Wenn es um bildlichen Diskurs zum Thema Feminismus und zeitgenössischem Islam geht, leistet die Kunst von Shirin Neshat einen wichtigen Beitrag. Der Kurator Holger Kube Ventura hat die internationale Starkünstlerin nach Tübingen geholt.
Auf die Haut geschrieben

Shirin Neshat: "Rapture", 1999, Video Still

Es wird erst die zweite, aber auch schon die letzte Ausstellung von Holger Kube Ventura in der Kunsthalle Tübingen sein. Nach nur einem Jahr als Direktor hat er gekündigt. Der Grund sei ein Konflikt mit seinem Vorgänger Götz Adriani, der als Stiftungsvorstand weiterhin im Spiel war.

Dabei ist Kube Ventura mit der Schau "Frauen in Gesellschaft" der Coup gelungen, die US-amerikanisch-iranische Starkünstlerin Shirin Neshat in die baden-württembergische Unistadt zu holen. Das habe ihn – zumindest kurzfristig – "sehr glücklich" gemacht. Schließlich rechnet man nicht damit, gerade in Tübingen auf die erste große Neshat-Ausstellung in Deutschland seit 2005 zu treffen.

Aber "wie das manchmal so ist mit Superstars", so Kube Ventura, "hat man erst mal einen Draht zu ihnen bekommen, freuen sie sich oft, mal wieder eine ernsthaftere Ausstellung machen zu können". Noch dazu in einem Jahr, in dem Neshat in Europa präsent ist wie nie: Am 6. August hat ihre Aida-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen Premiere, im Herbst wird sie ihren Spielfilm, "Looking for Umm Kulthum", in Venedig vorstellen, eine Geschichte über die Identitätssuche von Exil-Künstlerinnen aus dem "Orient". Wie Neshat eine ist.

Mittlerin zwischen den Kulturen

Auf die Haut geschrieben

Shirin Neshat: "Allegiance with Wakefulness", 1994, Tinte auf S/W Druck auf RC-Papier

1957 im Iran geboren, ging sie mit 17 Jahren zum Studium in die USA, wo sie seither lebt. Erst 1990, nach dem Tod Ayatollah Khomeinis, besuchte sie wieder ihre Heimat. Der Schock des Vergleichs der Gesellschaft vor und nach der Revolution gebar die Urzelle von Neshats Kunst, die berühmte Fotoserie "Women of Allah" (1993 bis 1997). Sie zeigt bewaffnete verschleierte Frauen, deren wenige sichtbare Hautstellen mit Texten zeitgenössischer iranischer Dichterinnen in Farsi beschriftet sind. Die politisch aufgeladene Sensation von Kalligrafie auf Haut wurde zu ihrem Markenzeichen. Genau wie die Beschwörung der starken muslimischen Frau in symbolistischen, langsamen Videos.

In der Tübinger Kunsthalle werden drei große Fotostrecken und sieben Video-Installationen zu sehen sein, darunter auch ganz neue Werke der Künstlerin. In ihren Arbeiten geht es Neshat nie um plumpe Anklage, sondern um eine Mittlerrolle zwischen Kulturen. Darauf zielt auch das Rahmenprogramm, das mit der muslimischen Community in Tübingen die Ausstellung begleitet.

19929
Bild & Text Teaser