Carl Lohse in Hamburg

Schreien in Farben

»Sensationell kompromisslos, kraftvoll und eigenständig« – Ein Querkopf, dessen Werk zu wenig bekannt ist, wird in seiner Geburtsstadt im Ernst-Barlach-Haus gewürdigt
Schreien in Farben

Carl Lohse: "Sie", 1919/21, Öl auf Pappe, 70 x 52,8 cm

Karsten Müller gerät ins Schwärmen: "Sensationell kompromisslos, kraftvoll und eigenständig" seien die Arbeiten, die der Maler und Bildhauer Carl Lohse zwischen 1919 und 1921 vollendet hat. Doch leider gebe es da einen Haken: Trotz hoher Qualität sei diese Werkgruppe "dramatisch unterbelichtet", befindet der Direktor des Barlach-Hauses. Zeit, dies zu ändern und den 1895 in Hamburg geborenen Künstler mit einer ersten Museumsausstellung in seiner Heimatstadt endlich bekannter zu machen.

Rund 50 Bilder – vorwiegend Leihgaben aus sächsischen Sammlungen wie dem Dresdner Albertinum und dem Museum Bautzen – hat Müller zusammengetragen. Allesamt Werke, die Lohse in nur knapp 18 Monaten in Bischofswerda nahe Dresden malt, wo er ab Herbst 1919 auf Einladung eines kunstsinnigen Armaturenfabrikanten weilt. Hier erlebt der junge Künstler, der die Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft gerade hinter sich gelassen hat, eine fast rauschhafte Schaffensphase. Es entstehen Gemälde wie Sie - ein Porträt, das fast gänzlich ohne Linien, allein aus Farbflächen komponiert ist: das Haar eine rote Woge, das Gesicht eine ornamentale Komposition aus mattem Gelb und leuchtendem Grün.

Der andere Munch
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Karikaturhaft, fratzenähnlich wirkt dagegen das in groben Farbschlieren auf die Leinwand gesetzte Bildnis "Mann mit violetter Brille". Eher abstrakt als gegenständlich leuchtet in kalten Blautönen ein kubistisch zerlegter Aufgehender Mond. Lohse, begeistert von Vincent van Gogh und vertraut mit neueren Entwicklungen der Malerei, experimentiert virtuos mit verschiedenen Bildsprachen.

Er findet Kontakt zur Dresdner Sezession, der auch Otto Dix und Konrad Felixmüller angehören, und kann schließlich im Kunstsalon Emil Richter ausstellen. Seine Soloschau wird von der Kritik gefeiert – wirtschaftlich ist sie ein Reinfall. Enttäuscht und verunsichert kehrt der zu den Zeugen Jehovas konvertierte junge Mann nach Hamburg zurück. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitet als Straßenbahnschaffner und verbannt für acht Jahre die Kunst aus seinem Leben.

1929 zieht er mit seiner Frau wieder nach Bischofswerda, wo er im Kolonialwarengroßhandel der Schwiegereltern mitarbeitet. Er beginnt erneut zu malen: sachlicher, kühler, weniger aufwühlend. Als die Nazis an die Macht kommen, gilt seine Kunst gleichwohl als "entartet"; Jahre später sind seine Werke den Kulturzensoren der DDR wiederum suspekt, zu wenig angepasst. Carl Lohse stirbt 1965 – ein vergessener Maler, über dessen Bilder ein Kritiker schrieb, sie seien "ein Schreien in Farben".

Carl Lohse – Kraftfelder. Die Bilder 1919/21
45 Hauptwerke – erstmals umfassend in seiner Geburtsstadt Hamburg zu sehen – laden dazu ein, den eigenwilliger Expressionisten (1895–1965) kennenzulernen
Ernst-Barlach-Haus ,  Hamburg
Expressionismus
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