Documenta 14 – die Kritik

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Keine Documenta hatte so große Ambitionen wie diese. Und keine 
hat für den Besucher so hohe Hürden errichtet. Das Hauptproblem aber ist: Adam Szymczyk und seine Kuratoren nehmen ihre Thesen wichtiger 
als die Kunst und die Künstler. Warum die Documenta 14 gründlich danebengegangen ist – und es sich trotzdem lohnt, nach Kassel zu fahren.
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Piotr Uklanski fügt 203 Porträts verrschiedener Herkunft zu einem Mosail "Echter Nazis" zusammen, darunter sowohl ranghohe Nationalsozialisten als auch unbekannte Soldaten.

Links in der Eingangshalle der Neuen Galerie, dem Herzstück dieser Documenta in Kassel, hängt eine Zeichnung von Gustave Courbet: "Almosen eines Bettlers in Ornans". Da Courbet (1819 bis 1877) nicht gerade ein zeitgenössischer Künstler ist, den man auf der Documenta erwartet, liest man den Begleittext an der Wand besonders neugierig. Dort erfährt man Folgendes: "Am ehesten" lasse sich diese Grafit-Zeichnung als "Meditation über die Macht des Teilens und der Solidarität verstehen". Damit nehme Courbet "die Dringlichkeit prophetisch vorweg, alternative Ökonomien zu erfinden und dem neoliberalen Würgegriff auf unsere menschliche Existenz zu entkommen".

In diesen zwei Sätzen steckt bereits das Wesentliche, um die Herangehensweise von Adam Szymczyk und seinem Kuratorenteam an diese Doppel-Documenta in Athen und Kassel zu verstehen.

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Gustave Courbets Skizze eines Bettlers, der noch was abgibt, wird zur prophetischen Kapitalismuskritik flachgedeutet.

Aber auch viel, um den Zorn mancher Besucher auf diese 14. Ausgabe zu begreifen. Der belehrende Habitus, mit dem hier erklärt wird, wie man Courbets Werk "am ehesten" zu verstehen habe, gehört ebenso zu den charakteristischen Merkmalen dieser Superschau wie die Fixiertheit auf moralische Kategorien: Hier die gute "Solidarität", dort der böse "Neoliberalismus".

Doch die Erläuterung zu Courbets vielschichtiger Skizze zeigt auch die Crux dieser Prediger-Haltung: Der gute Sinn verrutscht leicht ins bös Absurde. Oder wie wird sonst das Betteln zu einer Prophezeiung alternativer Ökonomien? Und wie könnte traurige Obdachlosigkeit ein politischer Weg sein, um aus dem "neoliberalen Würgegriff" zu entkommen?

Manch eine "menschliche Existenz" stand zur Eröffnung der d14 vor diesen Orakeln und lachte spontan los. Das wäre nur eine Randnotiz für eine Ausstellung mit über 160 Künstlern an mehr als 30 verschiedenen Orten allein in Kassel, wäre diese gedankliche Entgleisung nicht so symptomatisch.

Kunstwerke werden auf dieser Documenta als Illustration gebraucht

Denn diese Documenta ist nicht von der Kunst her gedacht, sondern von der Theorie. Das zeigten schon die vielen Statements und Essays im Vorfeld der ersten Eröffnung Anfang April in Athen oder auf den Pressekonferenzen in den beiden Städten, wo Szymczyks Kuratoren den Journalisten die Globalisierung oder ihren Gender-Standpunkt erklärten. Hier wurde eindeutig klargestellt: Im Verständnis des künstlerischen Leiters und seines Teams hat Kunst einen Zweck. Es gilt, die Besucher einen Unterrichtsstoff zu lehren über die Unterdrückung in der Welt, und dafür benutzt man Künstler als Lehrmittel. Das ist die Schule von Athen und Kassel.

Das Documenta-Sonderheft
Die Documenta 14 ist ein harter Brocken. Mit unserem Sonderheft wollen wir es Ihnen leicht machen: Wir sind nach Athen und nach Kassel gefahren und für Sie tief in die Ausstellung eingetaucht. Und wir hatten großartige Fotografen dabei, um Ihnen die besten Bilder zu liefern

Nirgends wird dieser didaktische Grundton so laut angestimmt wie in der Neuen Galerie. Hier sind Raubkunst und Sklaverei, Gender-Fragen und Kolonialismus, kulturelle Hegemonie und Nationalismus die beherrschenden Themen, für die Kunstwerke als Illustration gebraucht werden.

Da wird etwa in einer umfangreichen Abteilung, in der mit Belegstücken von Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Leo von Klenze bis zu Theodor Heuss und Arnold Bode das problematische Verhältnis von Deutschland zu Griechenland thematisiert wird, der ganze Klassizismus pauschal als Treibstoff des deutschen Nationalismus denunziert. Denn Johann Joachim Winckelmanns "Interpretation der griechischen Skulptur als ideale Schönheit" wäre leider "schnell politische Realität" im "Kontext des deutschen Imperialismus" geworden. Mit der Regentschaft des Bayern Otto als König von Griechenland ab 1832 (also 64 Jahre nach Winckelmanns Tod!) hätte sich das klassizistische Projekt erfüllt in der "Aneignung Griechenlands als konstitutives Symbol" für die "deutsche Kunst und Kultur".

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Leben, zum Fallbeispiel degradiert: Lorenza Böttner in der Neuen Galerie

Wenige Meter weiter erhält der Künstler Ernst Lorenz Böttner (1959 bis 1994) einen sehr großen Auftritt, weil er in jungen Jahren beide Arme verlor, dann begann, mit Mund und Füßen zu malen, und schließlich sein Geschlecht von Mann zu Frau wechseln wollte und sich "Lorenza" nannte. Böttners Leben ist also vor allem eine komplexe Geschichte über seinen Kampf um Identität. In dieser Thesenschau muss Böttner aber als Kronzeuge für das Anprangern kapitalistischer und sexistischer Ausgrenzungstendenzen auftreten. Wobei ihm sein künstlerischer Wert von den Kuratoren dadurch bestätigt wird, dass der Fußmaler mit "performativen Technologien" an der "Erschaffung einer armlosen Transgender-Subjektivität" gearbeitet habe. Auch hier kann man sich trotz der leidvollen Geschichte ein Lachen über den Sprachquark kaum verkneifen.

Vom Schreibtisch her gedachte Rebellions-Agenda

Es ist diese ideologische Schuldsuche bei den bösen Ismen, die sich durch das ganze Programm dieser Documenta zieht. Sexismus, Kapitalismus, Neoliberalismus, Chauvinismus, Imperialismus, Kolonialismus, Faschismus, Militarismus, Rassismus und Populismus sind die wichtigsten Systeme, die von der Kunst humorlos bekämpft werden müssen. Erklärte Absicht des Einzelwerks soll es sein, den Zuschauer aufzurütteln. Denn statt bloße Zaungäste der Konflikte um "hegemoniale Deutungsmuster" zu sein, sollen die Besucher von der Kunst überzeugt werden, sich "einzumischen". So lautet der zentrale Anspruch aus Adam Szymczyks Agenda der politischen Kunst, mit dem er im Vorfeld durchaus große Sympathien wecken konnte. Denn das Ansinnen, Herrschaftsverhältnisse, die Unrecht und Gewalt produzieren, kritisch zu hinterfragen, scheint in Zeiten von schamloser Lügenpolitik und demokratischen Krisen nun wirklich angebracht. Doch diese stark vom Schreibtisch her gedachte Rebellions-Agenda verpasst der Konzept-Schau dann leider eine ideologische Verengung, die nichts mit den offenen Denkräumen zu tun hat, die Szymczyk einmal versprochen hatte.

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Bilderflut, die rat- und hilflos macht: Michel Auders Installation im ehemaligen unterirdischen Bahnhof vermengt alles Schlechte mit allem Bösen

Im Naturkundemuseum im Ottoneum werden in einer Art Exotenschau Künstler versammelt, die den Verlust von Naturverständnis und Spiritualität durch das kapitalistische System betrauern, indem sie Moos kauen oder mit Tiermasken durch den Dschungel tanzen. Im Keller des Kasseler Hauptbahnhofs, wo früher die Straßenbahnen fuhren, erklärt einem der Filmemacher Michel Auder mit einer Invasion an schrecklichen Bildern und belehrenden Texten, wie ausnahmslos schlimm und schlecht die Welt sei. Dazu passen Hunger- und Kriegsbilder aus Indien, Biafra und Albanien, wie sie sowohl in Athen wie in Kassel an zentralen Stellen der Ausstellung Betroffenheit und Schuldgefühle erzeugen. Wobei viele dieser Exponate wie Trophäen des schlechten Gewissens zelebriert werden, etwa das Gesetzbuch der Sklavenhalter, der "Code Noir" von 1742, der in der Neuen Galerie in einer Glasvitrine auf einem Sockel ausgestellt ist.

Überhaupt wird allerorts mit dem Begriff der "Sklaverei" agiert, so als sei das menschliche Leben nichts als eine ununterbrochene Geschichte stumpfer Leibeigenschaft. Im schönen Kuppelsaal eines alten Gießhauses auf dem Gelände der Universität in Kassel zum Beispiel wird man von Angela Melitopoulos in einer Videoinstallation mit sehr klagender Stimme darüber belehrt, wie das Prinzip der Verschuldung die Armen zu Sklaven der Reichen macht. Wobei reale Sklaverei der Gegenwart wie im Fall der Hausangestellten in Arabien oder Asien oder der Arbeiter auf den Fußballbaustellen von Katar auf dieser Documenta nirgends zu Wort kommt. Vielleicht, weil das nicht "gender" genug ist.

Kunst, die primär ihre politische Absicht erkennen lässt, ist schlechte Propagand

Viele der Themen, die auf dieser Documenta mehr oder weniger komplex angesprochen werden, sind natürlich mehr oder weniger wichtig. Eine Documenta konnte sich auch in historischen Phasen, die weniger dramatisch waren als die heutige, nicht auf kontemplative Schönheit zurückziehen. Es erschließt sich bei Adam Szymczyks Auswahl nur leider viel zu selten, warum man diese Themen mit Kunst erklären muss, wo es doch Sachbücher, Tageszeitungen, Dokumentarfilme sowie politische Bewegungen gibt, die sich konkret um Unrechtsdebatten kümmern – und im Gegensatz zur Kunst die Mittel entwickeln können, Verhältnisse auch zu ändern. Die Indienstnahme der Kunst für politische Zwecke, wie sie in Kassel viel deutlicher hervortritt als in Athen, wo vieles noch recht unausgegoren wirkte, verkehrt den Wirkmechanismus ästhetischen Arbeitens. Kunstwerke müssen zunächst an sich wirken, um dann auf weitere Ebenen zu verweisen. Wenn sie primär ihre politische Absicht erkennbar machen, sind sie keine gute Kunst, sondern schlechte Propaganda.

Es gibt schöne Ausnahmen engagierten Denkens auch auf dieser Documenta, Arbeiten, die das Offene mit dem Dezidierten so in Kontakt setzen können, dass man sich nicht sofort manipuliert fühlt. Dazu zählt der Raum von Miriam Cahn in der Documenta-Halle. In ihrer eindrücklich grellfarbigen Malerei stellt sie den Schock von Flucht und Gewalt dar, hoch intensiv, künstlerisch vielgestaltig, aber ohne jede plumpe Schuldzuweisung. Die Masken von Beau Dick direkt daneben sind – wenn auch wie so vieles hier ungünstig in Szene gesetzt – Objekte von faszinierender Ausstrahlung, deren intensive Wirkung dazu verleiten kann, sich mit der lange unterdrückten Kultur kanadischer Indianervölker zu beschäftigen, aus deren Spektrum sie stammen.

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In eindrücklich grellfarbige Malerei stellt Miriam Cahn in der Documenta-Halle den Schock von Flucht und Gewalt dar – ohne plumpe Schuldzuweisung

Die bildschön verwobene Geschichte der Beziehung zwischen Thailand und dem deutschen Faschismus, die Arin Rungjang in dem Spielort Neue Hauptpost erzählt, hat ebenfalls die nötige Vielschichtigkeit eines überzeugenden Kunstwerks. Rungjang verschränkt einen liebevollen Pas de deux am Ort der ehemaligen Reichskanzlei in Berlin und die technische Produktion eines militärischen Nationaldenkmals aus Bangkok mit persönlichen Erzählungen des thailändischen Botschafters im "Dritten Reich", was eine Betrachtung über Diktatur und menschliches Leid erzeugt, die nachhaltig fesselt. Und auch die schon in Athen an verschiedenen Stellen gezeigten Bilder von Edi Hila transportieren politische Geschichte in faszinierender Art. Der albanische Maler hat sowohl Arbeiten im Stil naiver Propaganda gemalt als auch düstere Szenarien einer menschenleeren Welt aus Architekturmonumenten, die auf mystische Weise den Bunker Stalinismus der Enver-Hoxha-Epoche wachrufen

Es gibt auch beeindruckende Kunstwerke, wie Ibrahim Mahamas verhüllte Torwache

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Irritierendes Monument, fast wider Willen: Ibrahim Mahamas verhängte Torwache am Brüder-Grimm-Platz

Es gibt sogar Arbeiten in Kassel, die trotz ihrer politischen Metaphorik beeindruckende Kunstwerke sind. Das gilt etwa für die mit alten Jutesäcken verhängten Torwachen. Zwar will der Künstler Ibrahim Mahama, der in Athen ähnliche Säcke auf dem Syntagma-Platz zusammennähen ließ, den Kuratoren zufolge etwas über die böse Globalisierung im Neoliberalismus erzählen, die düstere und unheimliche Verwandlung eines Stadttors in ein rätselhaftes Etwas macht aber Eindruck als irritierendes Monument, offen für die Assoziationen des Betrachters.

Doch en gros missachten Adam Szymczyks Mitarbeiter – die von der Vorstellung auf den Pressekonferenzen bis zu den Wandtexten überall klarmachen, dass sie hier die Stars sind – die drei goldenen Regeln des Ausstellungsmachens. Die da wären: 1. Zeige gute Kunst! 2. Präsentiere gute Kunst auch gut! Und 3. Tue nicht so, als wärst du schlauer als die Künstler und das Publikum zusammen!

Das wird besonders deutlich durch den Phantomschmerz, den die letzte von Carolyn Christov Bakargiev kuratierte Documenta nun nachträglich erzeugt. Vor allem ihre grandiose Eroberung des Außenraums mit den vielen Pavillons in der Karlsaue, aber auch die kluge Platzierung der Arbeiten in den unterschiedlichsten Räumen, die überraschende Zusammenhänge herstellte und jedem Kunstwerk den Rahmen schuf, den es für seine optimale Wirkung benötigte, vermisst man bei dieser Ausgabe sehr.

Kunst lässt sich niemals vollständig instrumentalisieren

Im Park verlieren sich zwei hölzerne Werke, eine Balkenskulptur von Olaf Holzapfel und die Blutmühle von Antonio Vega Macotela. Der appellative Betonobelisk von Olu Oguibe auf dem Königsplatz mit der biblischen Botschaft "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt" erscheint rührend, aber unspektakulär. Der Parthenon der Bücher von Marta Minujín auf dem Friedrichsplatz schafft ein prägnantes Label für diese Doppel-Ausstellung und einen interessanten Raum im Zentrum Kassels.

Christus in Kassel
Der aus Nigeria stammende US-Künstler Olu Oguibe baute für die Documenta in Kassel einen Obelisken, der für das Leben im Exil steht und mit einer biblischen Heilsbotschaft Hoffnung macht. Wir sprachen mit Oguibe über die Documenta und seine Arbeit für Kassel

Aber schon im historischen Herzbau der Documenta, dem Fridericianum, triumphiert wieder die Didaktik über die Kunst. Das gesamte Gebäude wurde als politische Geste und Erfüllung des Documenta-Mottos "Learning from Athens" dem Athener Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) überlassen, um hier dessen Sammlung zu präsentieren – während im EMST-Bau die Documenta ausstellt. Auch in diesem Kunst-"Airbnb" finden sich interessante Ecken. Etwa dort, wo griechische Künstler gezeigt werden, die sich während der Diktatur der Obristen von 1967 bis 1974 mit den gewalttätigen Verhältnissen in ihrer Heimat auseinandergesetzt haben. Aber als Gesamtschau mit Gaststatus versammelt diese mit wenig Geld in den vergangenen 20 Jahren aufgebaute Sammlung nichts Zwingendes, was sie dazu qualifiziert, am Geburtsort der Documenta ein bedeutendes zeitgenössisches Statement zu sein.

Wenn die d14 an ihren vielen Orten in zwei sehr unterschiedlichen Städten trotzdem persönliche Anregung und Auseinandersetzung erlaubt, dann ist das dem Eigensinn der Kunst zu verdanken, die sich niemals vollständig instrumentalisieren lässt. Als revolutionäres Ausstellungskonzept, das die Rolle der Künstler in der Welt völlig neu und politisch aktiv definiert, wie  Adam Szymczyk es vorgehabt hatte, ist diese Documenta leider eher in Demagogie erstarrt. Aber daran ist bestimmt auch wieder der neoliberale Würgegriff schuld.

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Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen