Wim Delvoye in Basel

Schwer zu verdauen

Verdauungsmaschinen, tättowierte Schweine, lasergeschnittene Lastwägen. Der belgische Künstler befasst sich zynisch mit unserer Körperlichkeit und plattem Materialismus
Schwer zu verdauen

Wim Delvoye: "Tim", 2006-2008

Tims Rücken ist 150 000 Euro wert. Diesen Betrag hat der deutsche Sammler Rik Reinking 2008 dafür bezahlt. Tim Steiner hat sich verpflichtet, dafür jedes Jahr drei bis vier Wochen sein Prachtstück vorzuführen. Zu sehen ist auf dem Rücken ein Tattoo mit Madonna, Totenschädel und putzigen Figuren, das Wim Delvoye (Jahrgang 1965) gestochen hat. Wenn Steiner stirbt, geht seine Rückenhaut samt Darstellung an den Sammler oder dessen Erben. Denn diese Haut wurde von dem belgischen Künstler ganz prosaisch als Bildträger benutzt – wie ein Stück Leinwand eben.

 

Das mag geschmacklos erscheinen, doch ist Delvoye seit seinem ersten Auftritt auf der großen internationalen Kunstbühne ohnehin als einer der unangenehmeren Zeitgenossen bekannt: Damals zeigte er bei der documenta 9 im Jahr1992 ein Bodenstück aus Fliesen, deren Motive aus Exkrementen bestanden. Es zählt zu den Klischees in Europa, dass Belgier ein Faible dafür haben, sich mit dem zu beschäftigen, was andere nicht gern anschauen.

Verdauung im Alukoffer

Delvoye hat alles dafür getan, diese Meinung zu bestätigen: Zu seinen bekanntesten Werken zählt eine technische Apparatur, die unseren Verdauungsvorgang von der Nahrungsaufnahme bis zur Ausscheidung nachbildet. Zehn dieser Cloaca-Arbeiten hat er bisher entworfen. Die ersten wirkten noch wie wissenschaftliche Anlagen, die letzte ist in einem Alukoffer untergebracht, als könnten Reisende ihre primären körperlichen Funktionen nicht mehr selbst erledigen.

Mit Kunst die Welt verstehen
Sein erstes Kunstwerk kauft er im Alter von 16 Jahren. Seitdem lässt die Kunst Rik Reinking nicht mehr los. Seine Sammlung zählt zu den spannendsten und ungewöhnlichsten in Deutschland – ein Porträt

Verbindungsstück ist bei den meisten Werken des Belgiers höchste Handwerkskunst. Egal, ob er Schweine tätowiert und so neben dem Fleisch auch die Haut kapitalistisch aufwertet oder ob er mit Lasertechnik triviale Objekte wie Betonlaster in ziselierten Formen aus der gotischen Welt nachbilden lässt: Stets stellt sich dem Abscheu vor Bildern oder Themenkombinationen die Bewunderung für höchste Genauigkeit und Sorgfalt entgegen. Delvoye will mit solchen Widersprüchen irritieren. Das Museum Tinguely bietet ihm hierfür nun reichlich Gelegenheit. Hier ist eine große, gemeinsam mit dem Luxemburger Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean (MUDAM) erarbeitete Werkschau zu sehen, die sich bis in den Garten des Hauses erstreckt, wo die ziselierten Stahl-Trucks stehen.

Wim Delvoye
Die große Schau des belgischen Konzeptkünstlers (*1965) zeigt seine „Cloaca“-Maschinen, die den menschlichen Verdauungsvorgang simulieren und künstliche Exkremente produzieren, sowie „Chantier“, eine aus Holz geschnitzte Baustelle oder den imposanten „Cement Truck“ in Originalgröße
Museum Tinguely ,  Basel
Der Verdauungskünstler
Cody Choi bedient sich am liebsten bei den Werken anderer. Der Biennale-Künstler kopiert, ironisiert und verfremdet. Einer seiner Lieblingswerkstoffe dafür ist Pepto-Bismol, ein probates Mittel gegen Sodbrennen