Provokation in der Kunst

Blutige Nasen und goldene Wände

Die Polarisierung der Gesellschaften lässt eine längst vergessene künstlerische Methode wieder aufblühen. Und dank der Konjuktur geeigneter Endgegner erreicht auch in Deutschland gute Provokations-Kunst immer öfter ihr Ziel
Blutige Nasen und goldene Wände

Boran Burchhardt bei der Vergoldung einer Hausfassade im Stadtteil Veddel

Joseph Beuys blutige Nase war ein seltener Glücksmoment der Kunst. Denn der Faustschlag, den eine empörter Aachener Student 1964 dem Künstler verpasste, weil er im Audimax Fett in einer Pfanne briet, während Franz Erhard Walther Tannenduft versprühte und Bazon Brock Goebbels Sportpalastrede rezitierte, zeigte der ganzen Welt: Kunst wirkt. Und wie! Nach dieser Unmittelbarkeit ist die Sehnsucht seither nicht mehr abgebrochen. Immer wieder haben Künstlerinnen und Künstler versucht, mit grenzüberschreitenden Aktionen so das Unverständnis einer Öffentlichkeit zu erregen, dass es kracht. Doch mit jeder Aktion wurde der Stachel der Provo-Kunst auch stumpfer.

Till Briegleb
Till Briegleb ist Autor, Musiker und Kritiker. Er schreibt regelmäßig für art und das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Auf art-magazin.de erscheint seine Kolumne »Sofort wieder abreißen!« – eine Beweisführung zur ästhetischen Ignoranz der Gegenwartsarchitektur.

Nackt in der Öffentlichkeit, einst so ein verlässlicher Gemütserreger wie es Geldverschwendung schon immer war, wurde ziemlich schnell zum Mitleidsgrund, weil man diesen Exhibitionismus erst für Profilneurose hielt und später nur noch müde gähnend zur Kenntnis nahm. Christoph Schlingensief musste 1997 auf der Documenta 10 schon "Tötet Helmut Kohl" als Slogan ausgeben, um noch verhaftet zu werden. Und dass Hermann Nitsch für seine Blutschlachtorgie im Theater Leipzig 2013 noch auf klagende Tierschützer traf, wurde allseits eher verwundert zur Kenntnis genommen. Das Anliegen der Beuys-Generation, dass Kunst alles dürfen solle, war mittlerweile so durchexerziert, dass geplante Provokation kaum noch Widerstand aus einer rundum coolen und austolerierten Gesellschaft erhielt.

Der provozierende Künstler wird tatsächlich wieder ausgebuht

Doch seit einiger Zeit scheint der ästhetische Sprengstoff wieder zu trocknen, die Polarisierung der Gesellschaften entzündet neue moralische Lunten, und der Künstler, der provozieren will, wird tatsächlich wieder öffentlich ausgebuht. Neuestes Beispiel: Die goldene Wand, die Boran Burchhardt im Hamburger Stadtteil Veddel gerade für 85 000 Euro Staatsgeld erzeugt.

Kritik vom Bund der Steuerzahler
Der Bund der Steuerzahler Hamburg hat erneut das Projekt "Veddel vergolden" des Künstlers Boran Burchhardt kritisiert. Die Stadt stellt für die umstrittene Arbeit 85 000 Euro zur Verfügung

Mit echtem Blattgold veredelt Burchhardt die Klinkersteine eines Gebäudes in jenem düsteren Quartier, das eingequetscht zwischen Autobahn, Zugtrasse und Hafenanlagen fast ausschließlich von Mietern mit Sozialwohnungsberechtigung bewohnt wird. Das finden nun anständige Menschen vom Steuerzahlerbund bis zu den Grünen einen "Skandal" und die lokale Presse titelt "Eklat". Und damit ist der Fokus plötzlich blitzscharf eingestellt auf das Thema, um das es dem Künstler geht: Dass verschwendetes Gold am Ort von trister Armut ausgerechnet von den Etablierten der Gesellschaft als obzön wahrgenommen wird.

Blutige Nasen und goldene Wände

Auch in Dresden hat sich kürzlich ein Künstler den "Blutige-Nase-Orden" verdient, als er drei Busse senkrecht vor die Frauenkriche stellte wie in Aleppo, wo sie dem Schutz der Bevölkerung vor Assads Krieg gegen das eigene Volk dienten. Der deutsch-syrische Künstlers Manaf Halbouni weckte damit die hässlichsten Reflexe der sächsischen Menschheitsfeinde von AfD, Pegida und noch weiter rechts. Kunst wirkte, eindeutig. Und zwar als spürbare Konfrontation in gesellschaftlichen Konflikten, deren Aufmerksamkeitserzeugung weit über die Szene der "Widerstands-Conneusseure" hinaus reicht, die sich normalerweise vor kritischen Kunstwerken nur vergewissern, wie wahnsinnig richtig sie denken können.

»Wir hatten Angst vor Brandstiftung.«
Seine Installation "Monument" auf dem Dresdner Neumarkt sorgt weiter für heftige Diskussionen und verbale Angriffe gegen Künstler und Organisatoren. Im Interview mit art spicht Manaf Halbouni über die krassen Erfahrungen der letzten Wochen, falsche Vorwürfe und wann ihm die Hutschnur platzt.

Noch frisch in Erinnerung sind die Aktionen des Zentrums für politische Schönheit wie der "Erste Europäische Mauerfall" oder "Die Toten kommen", mit denen die Aktionsgruppe so drastisch symbolisch auf die politischen Konsequenzen von Grenzziehungen hinwies, dass ein paar Monate in allen Medien und politischen Ebenen über sie diskutiert wurde. Wobei diese Spektakel mit einigem Abstand dann doch eher aussehen wie Schießereien mit Platzpatronen. Denn haben der Diebstahl der Mauerkreuze oder die leeren Gräber für die Ertrunkenen des Mittelmeers vor dem Reichstag tatsächlich etwas bewirkt, dort, wo sie hinzielten? Im Bereich des konkreten politischen Handelns und bei der Rettung von Menschenleben?

Auf der Documenta provoziert einzig eine Killer-Peepshow

Bei der Documenta, wo das Einmischen der Kunst als Programm ausgegeben wurde, hatte die Provokation dagegen eher gebrauchte Tage. Einzig die Killer-Peepshow von Regina José Galindo, bei der die Künstlerin sich ins Kreuz von vier Gewehrläufen positionierte, deren Abzug die Besucher betätigen konnten, berührte bei manchen Menschen die Grenze des Erträglichen, die Provokationskunst sucht. Und beim Festival für Kunst im öffentlichen Raum, den Skulptur Projekten in Münster, das eigentlich prädestiniert wäre zur Erregung öffentlicher Ärgernisse, war das Thema der ausgestellten Arbeiten eindeutig das sozial Stiftende und nicht die Erzeugung von Schock oder Irritation.

Blutige Nasen und goldene Wände

Auf der Documenta hat einzig die Killer-Peepshow von Regina José Galindo provokantes Potenzial

Trotzdem scheint der Endgegner der Provokations-Kunst, der bornierte, aggressive, unverständige und egoistische Moralist des Anständigen, wieder überall so Konjunktur zu haben, dass Kunst sich wieder leicht eine blutige Nase holen kann. Im Verhältnis zu Trump setzt Kunst ebenso auf Provokation wie besonders Mutige in Russland, wo man als Pussy Riot oder Pjotr Pawlenski dann allerdings auch seine Freiheit aufs Spiel setzt.

Künstleraktivisten in der arabischen Welt oder im Iran dürfen sich auch nicht besonders frech geben oder sich nicht erwischen lassen. Und für Gotteslästerung oder Majestätsbeleidigung kann man sich in Polen, Thailand oder der Türkei auch nicht auf die Freiheit der Kunst berufen (wobei zumindest in Erdogans Polizeistaat Majestätsbeleidigung und Gotteslästerung das gleiche zu sein scheint).

Provokations-Kunst ist also immer noch ein Barometer für die freiheitliche Verfasstheit einer Gesellschaft. Wirklich ermüdet wirkt sie nur in halbwegs gelungenen Gesellschaften. Dort, wo die Künstlerin oder der Künstler sich echt den Blutrotz abholen, ist etwas schwer im Argen. Und das scheint eben neuerdings auch wieder für Deutschland, das angeblich "beste Land der Welt" zu gelten. Auch wenn im Fall von Boran Burchardts Provokation tatsächlich alles Gold ist, was da glänzt.