Herlinde Koelbl
Berlin
DEFORMATION DES MENSCHEN
"Sie werden mir fehlen", schrieb Joschka Fischer 1998 nach Ende der Langzeitstudie an die Fotografin Herlinde Koelbl: "Das hatte was, alle Jahre wieder befragt zu werden." Für das Projekt "Spuren der Macht" hatte die 1939 in Lindau geborene Fotografin insgesamt 15 Politiker und Wirtschaftsführer – neben Fischer auch Gerhard Schröder – über einen Zeitraum von acht Jahren regelmäßig fotografiert und ausgiebige Interviews mit ihnen geführt.
Das Ziel: Bilder und Gespräche jenseits der routinierten Bild- und Textproduktion der Politikmaschine herzustellen, die davon erzählen, wie sich Menschen in politischen Funktionen verändern und wie sich die Last der Macht in ihr Denken, ihre Gesichter und Körper gräbt. Nie hat es etwas Vergleichbares gegeben: dass jemand in solcher Schonungslosigkeit und dennoch ohne Denunziation von der Deformation des Menschen in der Politik berichtete.
Wenn nun mit rund 250 Bildern aus drei Jahrzehnten die erste Retrospektive der Münchner Fotografin eröffnet (Katalog: Steidl Verlag, 30 Euro), werden nicht nur die Klassiker wie "Spuren der Macht", "Das deutsche Wohnzimmer" (1980) oder "Jüdische Portraits" (1989) gezeigt, sondern auch erste Arbeiten einer neuen Serie, in denen Koelbl Uniformträger in ihrer Dienstkleidung und im privaten Outfit fotografiert hat. Statt einer chronologischen Abhandlung sollen freie Themenblöcke die Arbeitsweise Koelbels deutlich machen. Schließlich gründet die Attraktivität der Fotografien nicht nur auf den Sujets, sondern auch auf dem Interesse an der kulturellen Geprägtheit des Menschen sowie der radikalen Ausnutzung des erzählerischen Potenzials der Kamera.
"Herlinde Koelbl: Fotografien 1976–2009"
Termin: 17. Juli bis 1. November, Martin-Gropius-Bau Berlin, bis 30. September: täglich 10 – 20 Uhr, ab 1. Oktober: Mittwoch bis Montag 10 – 20 Uhr, Dienstag geschlossen


