Chris Dranges Instagram-Buch "Relics"

Verehrung im digitalen Zeitalter

Berühmte Influencerinnen wie Selena Gomez, Miley Cyrus oder Kim Kardashian setzen sich auf Instagram mit Selfies perfekt in Szene und werden dafür millionenfach gelikt und angebetet. In seinem Buch "Relics" stellt Chris Drange die Selfies der Social-Media-Ikonen ausgewählten Kommentaren ihrer Follower gegenüber – und macht so eine neue, digitale Form der Verehrung sichtbar.
Verehrung im digitalen Zeitalter

Selfie von Miley Cyrus auf Instagram

Lieblingskommentar eines Followers?

Ich weiß gar nicht genau, ob ich einen Lieblingskommentar habe. Ich habe eher versucht die Auswahl nach typischen, wiederholenden Kommentaren zu machen. Drei "Sparkling Heart"-Emojis haben für mich den gleichen Stellenwert wie ein völlig skurriler Kommentar.

Richard Prince machte bereits vor drei Jahren mit seiner Instagram-Fotoserie “New Portraits“ von sich reden. Knüpfen Sie daran an?

Nein, ich denke einfach, wir haben das gleiche Feld getroffen. Eine Arbeit über Instagram zu machen ist fast schon so, wie etwas über Landschaftsmalerei zu machen, es ist ein eigenes Sujet, könnte man sagen. Ich setze mich zwar auch mit der Instagram-Welt auseinander, aber auf eine ganz andere Art. Richard Prince hat sich in seiner Arbeit auf die Umgehung des Kopierschutzes spezialisiert. Er hat die Instagram-Bilder von Unbekannten verwendet und großformatig in der Gagosian Gallery in New York ausgestellt. Dafür wurde er mehrfach verklagt, kam aber ungeschoren davon. Ich gehe den umgekehrten Weg, nehme als Unbekannter Bilder von Bekannten. Im Zweifel kann ich mich also immer auf den Präzedenzfall Richard Prince berufen. Das Privileg, als Künstler den Kopierschutz zu umgehen, ist heute ja schon für jeden irgendwie Normalität geworden, zumindest im Privaten. Prince' Ansatz nehme ich also nicht zum Thema, sondern eher zur normalen Arbeitsgrundlage. Obwohl ich ehrlich gesagt nur darauf hoffen kann, dass mich jemand verklagt. Welches bessere Marketingtool gibt es schon, als eine Kim Kardashian, die sagt, ich dürfe ihre Bilder nicht verwenden.

Verehrung im digitalen Zeitalter

Selfie von Chris Drange

Wie kamen Sie auf die Idee?

Die Idee hat sich aus einer persönlichen Beschäftigung mit dem Thema Social Media entwickelt. Als Künstler habe ich mich irgendwann unter Druck gesetzt gefühlt, mir einen Instagram Account zu zulegen, um mit dem was ich tue für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar zu sein. Im Grunde hat mich das aber nie wirklich interessiert, weil es doch relativ viel Arbeit ist, die im Endeffekt von dem ablenkt, was du eigentlich als Künstler machen willst. Was mich aber dann doch interessiert hat, war herauszufinden, wie Instagram funktioniert. Die sozialen Medien sind unheimlich auf Bewertung, Verbreitung und Masse ausgelegt, es geht um Zahlen, Klicks, Erfolge. Also hab ich mich gefragt, was an der Spitze von Instagram so los ist. Dabei sind mir zwei Dinge aufgefallen: Unter den Top 50 besteht die Mehrzahl zum einen aus Individuen, nicht Firmen. Zum anderen sind rund 80 % davon Frauen, deren Leben von Millionen von Leuten verfolgt wird.

Selfiekultur: Reine Selbstinszenierung oder eine neue Form des Selbstporträts?

Da kann ich keine genaue Grenze ziehen, ich denke es ist ein bisschen von beidem. Für mich, und das erklärt den Titel des Buches “Relics“, ist diese Art der Selfiekultur eine Form der digitalen Verehrung, in der Selfies Objekte der Anbetung und Smartphones zu "Schrein-Devices" werden. Wir verehren schließlich seit tausenden von Jahren, das ist ja nichts Neues. Quasi eine alte Tradition in neuem Gewand. Diese Annahme hat mir dabei geholfen, einen Sinn darin zu erkennen und mir dieses Phänomen zu erklären. Meine Arbeit “Relics“ zu nennen ist natürlich eine künstlerische Behauptung, ich muss nichts beweisen oder als richtig oder falsch kategorisieren. Das ist das Schöne daran. Ansonsten sehe ich es nicht als meine Aufgabe, festzulegen, was diese Selfiekultur genau ist.

Verehrung im digitalen Zeitalter

Chris Drange: "Ariana Grande", Relics, Doppelseite, Pressebild

Inwiefern hat sich die Art der Verehrung verändert?

Früher hat man sich von Reliquienverehrung Heilung versprochen. Heute haben wir aber keine Heilungsprobleme mehr, sondern eher ein Geltungsproblem. Bei Instagram lassen sich immer dieselben Muster der Verehrung beobachten: Männer wollen die prominenten Frauen wie Kim Kardashian oder Kylie Jenner auf irgendeine Art haben, während die weiblichen Follower diese Frauen sein wollen. Imitation spielt da eine ganz große Rolle.

Sehen Sie sich in der Rolle des bloßen Beobachters? Oder schwingt da auch Gesellschaftskritik mit?

Das lasse ich jetzt einfach mal im Raum stehen. Für mich ist es wichtig, das Phänomen aufzugreifen und sichtbar zu machen. Als Fotograf interessiert es mich, auf die Welt zu gucken, mir ein Bild davon zu machen und damit zum Nachdenken anzuregen.

Verehrung im digitalen Zeitalter

Selfie von Kim Kardashian

In "Relics" befragen Sie das heutige Frauenbild auf sein Spannungsverhältnis zwischen antiquitierter Männervorstellung und moderner weiblicher Selbstbestimmung. Was meinen Sie damit?

Dazu eine kleine Anekdote, die ganz gut veranschaulicht, was ich damit meine: Vor einiger Zeit gingen Bilder von Emma Watson viral, die sich leicht bekleidet für die Vanity Fair fotografieren ließ. Damit löste sie einen regelrechten Shitstorm aus dem feministischen Lager aus. Emmas Antwort war, dass es nicht darum ginge, so etwas als Feministin nicht zu machen, sondern darum, heute als Frau die Wahl zu haben. Ich denke aber, dass die Art, wie sich die Frauen präsentieren, nach wie vor der antiquierten Männervorstellung entspricht. Die Bilder sehen mitunter so aus, als wären sie für den Mann fotografiert. Nur hat sich die Kontrolle über das Selbstbildnis verändert, das ist vielleicht der emanzipatorische Akt daran.

Machen Sie selbst Selfies?

Ich glaube, wir machen alle selber Selfies, das ist doch irgendwie eine gängige Praxis geworden. Deshalb können auch so viele junge Leute etwas mit diesem Thema anfangen. Eigentlich haben aber alle Bezug dazu, von meiner Kommilitonin bis zu meiner Oma. Andere Diskussionen, wie um das Frauenbild oder das Selbstbildnis, sind ja unweigerlich damit verknüpft.

Chris Drange

  • "Relics", 112 Seiten, Hatje Cantz Verlag, Preis: 15 Euro, Publikation am 13.7.2017
  • Absolventenausstellung der HFBK Hamburg vom 13.7.2017 bis 16.7.2017
  • Website des Künstlers: www.chrisdrange.com
  • Website des Verlags: www.hatjecantz.de
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