Performance auf Kampnagel

Tanz die Überwachung!

Das Performance-Duo Skills beschäftigt sich in seinem neusten Stück "FIELD" mit Abhöranlagen, Geheimdiensten und Lauschangriffen – und folgt damit einem Trend: Politische Analyse auf der Tanzbühne.
Tanz die Überwachung!

Latentes Unbehagen: "FIELD" vom Performance-Duo SKILLS

Die Bühne ist dunkel, ein paar Notenständer stehen und liegen rum, stapelweise Suppenteller, Schlagzeug, Kabelsalat und über allem der brummende Elektrosound eines laufenden Audiorekorders. Die vier Performer, die zu gedämpftem Posaunenklang roboterhafte Bewegungen vollziehen, nimmt man nur schemenhaft war. Dann geht das Licht an und eine dynamische Frauenfigur balanciert auf der Zuschauertribüne, hantiert mit einem klappernden Notenständer als sei er eine Hightech-Waffe. Im weiteren Verlauf der Aufführung drehen sich Frauen zu treibenden Trommelbeats wie Kreisel auf der Bühne, man hört über Lautprecher Interviewschnipsel, es werden Teller zerschlagen oder als kreiselnde Klangschalen benutzt und dazu Duetts über Unterwasserkabel und böse Frequenzen "In the Air" geschmettert. Dass es in dem Stück um NSA-Abhöranlagen und geheimdienstliche Überwachung geht, ist nicht direkt erkennbar. Doch die nervösen, tänzerisch-sportlichen Bewegungen der Performer und der treibende, mit elektronischen Frequenzen überlagerte Soundtrack bereiten latentes Unbehagen.

Tanz die Überwachung!

Suppenteller, Schlagzeug, Kabelsalat: "FIELD" vom Performance-Duo SKILLS läuft noch bis Samstag auf Kampnagel

Das Stück, "FIELD", stammt von Camilla M. Fehér und Sylvi Kretzschmar, die als Performance-Duo unter dem Namen SKILLS seit Jahren zusammenarbeiten. Es hatte im Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin Premiere und läuft jetzt auf Kampnagel in Hamburg. Inspiriert wurden die Performerinnen dazu durch Recherchen rund um die ehemalige Abhörstation auf dem Teufelsberg in Berlin, eine "Field Station" der NSA, mit der die Amerikaner jahrzehntelang die europäischen Kommunikationsnetze anzapften. Inzwischen ist der futuristische Kuppelbau verwaist und wird von der Berliner Künstler- und Clubszene als Foto- und Event-Location benutzt. Zum Beispiel von Hito Steyerl, die Teile ihres Venedig-Biennale-Videos "Factory of the Sun" in der Teufelsberg-Ruine drehte.

Unruhe, Aufbegehren, Überforderung

Die Geheimdienstler sitzen mit ihren Lauschschüsseln längst an anderen Orten, auf dem Dach der US-Botschaft am Brandenburger Tor, oder sie zapfen irgendwo im Atlantik die Überseekabel der Netzbetreiber an. Die Künstlerinnen haben mit Experten gesprochen und einen ehemaligen Geheimdienstler interviewt, der selbst auf dem Teufelsberg Telefongespräche belauschte. Wie man das alles in eine Tanz- und Musik-Performance umsetzt? Und welche Botschaft man damit senden will? Für Fehér und Kretzschmar geht es weniger um schlagkräftige Enthüllungen, sondern um diffuse Stimmungen: Auf der Bühne visualisieren sie Gefühle von Unruhe, Aufbegehren, Überforderung und Ermattung angesichts der medialen Dauerbeschallung und –beschattung.

Radikal und brutal
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Mit ihrer performativen Antwort auf politische Fragestellungen liegt das SKILLS-Duo im Trend. Nicht nur auf der Theaterbühne, auch in der bildenden Kunst ist Performance gerade das Medium de jour für gesellschaftspolitische, marktkritische Inhalte. Anne Imhof hat mit ihren hypertrophen, mit Angst, Drogen und Drohnen spielenden Inszenierungen gerade den Goldenen Löwen auf der Venedig-Biennale gewonnen. Auch auf der Documenta 14 stehen Polit-Performances im Zentrum, etwa wenn Guillermo Galindo Bootswracks zu Musikinstrumenten umbaut und in Live-Konzerten an die Schicksale von Flüchtlingen erinnert. Oder Irena Haiduk ihre "Armee schöner Frauen" mit Büchern auf dem Kopf durch Kassel laufen lässt – als Übung für den aufrechten Gang. In Berlin widmet sich jetzt sogar eine ganze Ausstellung dem Thema: "Conditions of Political Choreography" heißt die Schau im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) in Zusammenarbeit mit dem Center of Contemporary Art (CCA) in Tel Aviv, zu dem Bildende Künstler, Tänzer, Theater- und Filmemacher gemeinsam neue Arbeiten entwickeln.

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen

Was "FIELD" abhebt von vergleichbaren Performances aus dem Kontext der Bildenden Kunst, ist die konsequente von der Bühne her gedachte Choreografie. Während man es in Kunstausstellungen oft genug erlebt, dass Performances in ungeeigneten Räumen stattfinden – Skulpturen stehen im Weg, Licht und Akustik sind schlecht, statt sich im Sitzen auf die Aufführung zu konzentrieren, verrenkt man im Stehen den Hals und ärgert sich über die Unruhe des Publikums. Beim SKILLS-Abend auf Kampnagel gibt es dagegen für alle Zuschauer perfekte Sitzplätze, oder besser Beobachtungsposten, rund um die Bühne, der Sound oszilliert von fein bis explosiv, auch dank des exzellenten Schlagzeugers Steven Heather und Posaunist Hilery Jeffrey. Und auch wenn nicht jede popkulturelle Anleihe oder überwachungstechnische Einlage überzeugen können, vermittelt das Stück kompositorische Kraft.

Der Sumpf des Banalen
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Gerade auch, weil hier nicht einfach aktuelle News nachgespielt werden. Stattdessen beschwören Fehér und Kretzschmar mit ihren animierten Klangräumen fast schon ein nostalgisches Bild vom großen Lauschangriff. Ihre fiepende, brummende, übersteuerte "Field Station" steht noch für die alte Ära der Überwachungsmethoden mit riesigen, weithin sichtbaren Satellitenschüsseln und digitalem Rauschen in der Leitung, wo inzwischen längst lautlose Computerviren den Datenklau übernommen haben. Das wird dann vielleicht der Stoff für zukünftige Choreografien.

FIELD

Das Stück des Performance Duos Skills (Sylvi Kretzschmar und Camilla Fehér) läuft an folgenden Terminen auf Kampnagel:

  • Do, 15.06.2017 20:00
  • Fr, 16.06.2017 20:00
  • Sa, 17.06.2017 20:00

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