Kerstin Brätsch in München

Tausend Augen

Was aussieht wie digital erstellt, ist in Wahrheit auf traditionelle Weise handgemalt: Die Bilder der in New York lebenden Deutschen sind eine Hommage an die Malerei in Zeiten der Digitalisierung
Tausend Augen

Kerstin Brätsch: "Unstable Talismanic Rendering_Poli'ahu's Cure (with gratitude to master marbler Dirk Lange)", 2016

Sie lebt, die Kunst von Kerstin Brätsch: Tausend Augen blicken aus ihren marmorierten Bildern. Gesichter verformen sich in ihrer Serie Psychic. Und selbst die zusammengeschnürten und de­formierten Bodybags (Leichensäcke), die an Gurten von der Decke baumeln, scheinen noch zu atmen. Über 100 Werke der deutschen, in New York lebenden Künstlerin, Jahrgang 1979, zeigt das Museum Brandhorst in München nun.

"Überfällig" nennt Kuratorin Patrizia Dander die Schau, die das gesamte Erdgeschoss und das Untergeschoss des lichten Gebäudes durchzieht. Ein sinnliches Erlebnis mit Überraschungseffekten: Im Eingangs­bereich prangt ein überdimensioniertes Airbrush-Gemälde. In einem dunkel gehaltenen, magisch erleuchteten Raum warten die schwarzen Arbeiten der Künstlerin. Farbfilter vor den Fenstern erzeugen ein unwirkliches Licht, um die Transparenz der Glasarbeiten zu verstärken. Im Unter­geschoss laufen Kerstin Brätschs Videos und Performances in Endlosschleife. Und mittendrin irritiert ein großes begehbares Kinderspielhaus die Betrachter.

Obwohl Brätsch mit verschie­denen Materialien und Medien expe­rimentiert, ist sie »durch und durch Malerin«, so Dander. Sie habe einen eigenen Weg gefunden, sich den aktuellen Fragen der Kunst zu stellen: "Wie kann man in Zeiten der Digitalisierung noch zu einem relevanten malerischen Ausdruck finden? Wie kann man den heute unendlich verfüg­baren, reproduzierbaren Bildern mit eigenen Arbeiten begegnen?" Schon 2007 hat Brätsch gemeinsam mit der Künstlerin Adele Röder "Das Institut" gegründet, eine "Import-Export-Agentur", die Kunst produziert, bewirbt und gleichzeitig auch vermarktet. Die Kooperation mit anderen Künstlern ist eines ihrer Markenzeichen. Mit dem Marmorierer Dirk Lange etwa entwickelte die 38-Jährige die Serie Unstable Talis­manic Rendering: Die großformatigen Papierarbeiten sehen von Weitem aus wie digitale Drucke, sind jedoch traditionell und äußerst kunstfertig marmoriert – jedes Bild einmalig.

Kreativität als Virus
Wenn in der Kunstgeschichte alle Bilder ­schon gemalt wurden, dann kann die Kreativität aus der Maschine helfen. Sind Computer also mittlerweile die originelleren Maler? Die Antwort wird Ihnen gefallen – jedenfalls optisch

Mit dem New Yorker Künstler Debo Eilers bildet Brätsch das Duo KAYA. Die gemeinsam geschaffenen Bodybags bestehen aus ihren Malereien auf Polyesterfolie, gestopft und vernäht mit Eilers’ unförmig wuchernden Gebilden – laut Kuratorin Dander die "gewalttätigste Ausformung ihrer Kunst". Kerstin Brätsch definiert Malerei neu und schafft es, ihren Objekten ein eigenes Leben einzuhauchen. Sie selbst hat es mal so ausgedrückt: "Ich möchte, dass diese Malerei auf euch zurückstarrt."

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (Hrsg.: Patrizia Dander) zum Preis von 48 Euro. Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.

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