Pluriversale in Köln

Was will das Volk?

Wenn das Volk die Freiheit massakriert: Die sechste Ausgabe der »Pluriversale« widmet sich dem Thema Populismus und bekennt sich zur eigenen Ratlosigkeit.
Was will  das Volk?

Cristina Lucas: "La liberté raisonée", Filmstill

Es gibt nicht wenige Kölner, die sich auch nach fünf Jahren immer noch fragen, was die 2012 in ihrer Stadt gegründete Akademie der Künste der Welt eigentlich so tut. Lange war der mit einem Jahresetat von einer Million Euro subventionierte lockere Verbund von Künstlern, Kulturschaffenden und Wissenschaftlern vor allem mit sich selbst beschäftigt, seit zwei Jahren hat die Akademie mit dem academyspace immerhin einen festen Ort für Ausstellungen, Lesungen, Gesprächsrunden und die Pluriversale – Letztere ist ein thematisch gebündelter Halbmarathon aus Symposien, Vorträgen und Performances.

In der sechsten Pluriversale-Ausgabe widmet sich die Akademie dem aktuellen Siegeszug des Populismus und dem schwierigen Verhältnis von intellektueller Avantgarde und Volk. Weshalb sich der Titel der als Aufwärm- und Begleitprogramm gedachten Videokunst-Ausstellung ebenso gut programmatisch wie selbstironisch lesen lässt: "Enigmatische Mehrheiten". Die Schau im schmalen academyspace beginnt mit einer denkbar düsteren Pointe: Die spanische Künstlerin Cristina Lucas erweckt in "La Liberté Raisonnée" Eugène Delacroix’ berühmtes Gemälde Die Freiheit führt das Volk mit realen Darstellern und in extremer Zeitlupe zum Leben und lässt das Geschehen so lange weiter laufen, bis das Volk die von der bar­busigen Marianne verkörperte Freiheit mit Säbelhieben massakriert. Während Delacroix mit seinem 1830 entstandenen Revolutionsbild ein Volksheld wurde, tut Lucas die Vorstellung, Freiheit, Volk und Künstler könnten im gleichen Takt marschieren, nur noch als romantische Grille ab.

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Auch sonst ist dem Volk nicht über den Weg zu trauen: Anand Patwar­dhan führt mit dem Klagegesang einer "Unberührbaren" in die blutigen Religionskonflikte Indiens ein, Ferhat Özgür und Tomáš Rafa zeigen jeweils nationalistische Feste in der Türkei und der Schweiz, und Chulayarnnon Siriphol schneidet Szenen von Massenprotesten in Thailand mit eigenem Material so zusammen, dass die Menschen für eine Art radikalen Sci-Fi-Buddhismus auf die Straße zu gehen scheinen. Mit Anne Arndt kommt die Ausstellung schließlich in Deutschland an: Sie hat aus dem Zweiten Weltkrieg übrig gebliebene "Splitterschutzzellen" fotografiert und will in diesen mannshohen, aus Stahlbeton geformten und mit ihren Schießscharten-Gesichtern wie prähistorische Skulpturen wir-kenden Ein-Mann-Bunkern Sinnbilder für das Sicherheitsbedürfnis der neuen bürgerlichen Rechten sehen. Klingt beinahe wie ein Bekenntnis zur eigenen Ratlosigkeit – und das ist es wohl auch.

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