Olu Oguibe auf der Documenta 14

Christus in Kassel

Der aus Nigeria stammende US-Künstler Olu Oguibe baute für die Documenta in Kassel einen Obelisken, der für das Leben im Exil steht und mit einer biblischen Heilsbotschaft Hoffnung macht. Für seine Arbeit wird er jetzt mit dem Arnold-Bode-Preis 2017 ausgezeichnet.
Christus in Kassel

Olu Oguibe blickt auf den Königsplatz in Kassel, wo sein 16 Meter hoher Obelisk entsteht

Für Olu Oguibe ist die Documenta eine höchst persönliche Angelegenheit. Seine Arbeit beschäftigt sich damit, wie Menschen in der Fremde aufgenommen werden und wie es sich anfühlt, sein Land hinter sich lassen zu müssen. Der 52-Jährige verließ seine Heimat Nigeria vor fast 30 Jahren. Den Obelisken mit seiner pyramidenförmigen Spitze, den er auf dem Kasseler Königsplatz errichtet, wählte der Künstler und Kulturwissenschaftler als Symbol für Menschen im Exil. Schließlich hatten die Säulen ihren Ursprung im alten Ägypten, von wo sie von römischen Kaisern als Trophäen nach Rom verschleppt und an einem fremden Ort angesiedelt wurden. Wir sprachen im Vorfeld der Documenta über seine Arbeit für Kassel.

ART: Wie kamen Sie auf die Idee, auf dem Königsplatz einen Obelisken zu errichten?

Olu Oguibe: Ursprünglich wollte ich etwas mit monumentalen Texten am Bahnhof von Kassel machen. Die Idee für einen Obelisken kam mir vor einigen Jahren, als es eine Ausschreibung für den Platz vor Zaha Hadids Museum in Rom gab. Ich dachte mir: Wäre es nicht fantastisch, einen Glas-Obelisken aufzustellen? Obelisken kamen von Afrika nach Europa. Es handelt sich nicht um freiwillige Geschenke – sie wurden beschlagnahmt und abtransportiert. Zwar lebe ich seit 30 Jahren nicht mehr in Afrika, aber ich bin nach wie vor ein afrikanischer Künstler.

Also handelt es sich um einen postkolonialen Kommentar?

Die Form interessiert mich mehr als der historische Zusammenhang. Die Arbeit ist monumental. Die Leute müssen darauf zugehen, um zu verstehen, worum es geht. Der Obelisk wird zum Mittel, um eine Aussage zu kommunizieren.

Und die vermitteln Sie in Form von Texten?

Es handelt sich um einen Auszug aus der Bibel, die Heilsbotschaft nach Matthäus, in der Jesus sinngemäß sagt: "Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt". Für mich ist es eine universelle humanitäre Botschaft. Der Text wird auf der einen Seite des Obelisken auf Englisch stehen, auf den anderen drei Seiten auf Deutsch, Arabisch und Türkisch. Dies sind, Erhebungen zufolge, nach Deutsch die Sprachen, die in dieser Gegend am meisten gesprochen werden.

Christus in Kassel

Im Gedenken an einen jungen Mann: "Keep it real (Memorial to a Youth)", 1997 - 2000

Womit Sie natürlich ein hochsensibles Thema ansprechen...

Einerseits hat sich Kassel historisch den Hugenotten geöffnet, die aus Frankreich übersiedelten, und Menschen aufgenommen, die in diesem Fall aus religiösen Gründen verfolgt wurden. Dann wiederum gibt es diese Anekdote von Goethe, die Adam Szymczyk gern erzählt: Goethe wurde im Gasthof am Königsplatz erklärt, dass die Herberge voll sei. Denn man hielt ihn für einen Franzosen. Erst nachdem er klargestellt hatte, dass er Deutscher war, wurde er aufgenommen. In der Stadt gibt es eine Gedenkstätte für einen jungen Türken, der vor einigen Jahren von einem Neonazi umgebracht wurde. Dies ist ein Monument für Immigranten, Zuwanderer, Reisende, Flüchtlinge und Fremde.

Verbinden Sie Ihr Monument als schwarzer Künstler, der in den USA lebt, mit dem Obelisken in Washington und mit dem neuen US-Präsidenten und seiner Immigrationspolitik?

Am Ende war die Arbeit komplexer, als ich ursprünglich beabsichtigt habe.

Verstehen Sie sich denn inzwischen auch als US-amerikanischer Künstler?

Es fühlt sich nach wie vor eigenartig an, obwohl ich seit mehr als 20 Jahren in den USA lebe. Das Einzige, was ich nicht möchte, ist, dass man mich als nigerianischen Künstler versteht. Das würde mich umbringen. Als ich meine US-Staatsbürgerschaft erhielt, trennte ich mich von der nigerianischen.

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen
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Oguibe 1966 im Alter von zwei Jahren, kurz vor dem Biafra-Krieg

Warum distanzieren Sie sich von Ihrem Heimatland?

Vor 50 Jahren brach in Biafra – dem Teil von Nigeria, in dem ich geboren wurde – ein Krieg aus. Meine Familie gehörte zu denjenigen, die wieder und wieder umsiedeln mussten. Ich war zweieinhalb Jahre alt, aber traumatische Ereignisse scheinen auch im jungen Alter haften zu bleiben. Mein Vater verlor seine Bibliothek, weil unser Haus abgebrannt wurde. Wir mussten die Schwester meines Vaters zurücklassen, weil sie eine Behinderung hatte. Ich werde Nigeria niemals vergeben. Im Exil zu leben ist ein unheilbarer Riss, der einen Menschen von seinem Geburtsland und seiner Heimat trennt.

Wie alt waren Sie, als Sie Nigeria verließen, um in London zu studieren?

Ich war bereits 24. Seitdem bin ich zweimal zurückgekehrt. Viele Jahre konnte ich nicht nach Nigeria reisen, weil die Militärdiktatur einen Haftbefehl gegen mich ausgestellt hatte. Denn ich war aktiv in der Demokratiebewegung. Ursprünglich hatte ich nach meinem Studium zurückkehren wollen. Es ist schockierend, wenn deine Eltern dich fragen: Aus welchem Grund kommst du zurück? Freunde und Kollegen hatten ihre Arbeit verloren oder saßen im Gefängnis.

In Ihrem Buch The Culture Game beschrieben Sie 2003 Ihre Außenseiterposition als Afrikaner in der westlichen Kunstwelt. Fühlen Sie sich nach wie vor so?

Wir sind nach wie vor Außenseiter. In Zahlen ausgedrückt. Wenn es um die wirkliche Macht geht, Dinge zu beeinflussen. Es geht nicht nur darum, eine Ausstellung zu kuratieren, sondern darum, wer eine Institution besitzt. Aber das betrifft nicht nur Künstler, die keinen westlichen Hintergrund haben, sondern ebenso weibliche oder afroamerikanische Künstler.

 

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Terrakotta-Schachspiel und Keramik-Wandbild zum Thema Flucht, Reise und Vertreibung: "Game", 2003

 

Aber mit der Globalisierung machen doch auch afrikanische Künstler und Kuratoren international Karriere.

Wir haben jemanden wie Okwui Enwezor, der die Documenta geleitet hat, oder Bonaventure Soh Bejeng Ndikung in Berlin und die aus Kamerun stammende Kuratorin Koyo Kouoh. Es gab eine Zeit, in der sie als Vorzeigepersonen angesehen wurden. Ein anderer Aspekt ist, dass wir im Gegensatz zu China oder Japan in Afrika einfach nicht genügend Sammler und Förderer haben, um afrikanische Künstler zu unterstützen und sie global mit Ausstellungen bekannt zu machen.

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Olu Oguibes 16 Meter hoher Obelisk auf dem Königsplatz im Zentrum von Kassel

Gibt es eine Verbindung zwischen dem Obelisken und Ihren Projekten in Athen?

Alle drei Arbeiten sind mit meiner persönlichen Geschichte und dem Krieg in Biafra verwurzelt. Im Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen zeige ich Bücher und Materialien zur Biafra-Krise, die ich über die Jahre gesammelt habe. Darunter Biafra-Krimis, die ich in Antiquariaten fand oder von Freunden erhielt. Ursprünglich wollte ich einen Dokumentarfilm über Menschen drehen, die Kinder in Biafra waren, und wie die Geschichte ihr Leben beeinflusst hat. Jetzt werden wir Leute nach Athen einfliegen, die an zwei Tagen im Rahmen einer Konferenz ihre Geschichten mitteilen. Das Herzstück aller drei Arbeiten sind die Erfahrungen von Flüchtlingen. Wir hoffen, dass der Obelisk permanent in Kassel bleibt. Aber das ist die Entscheidung der Politiker und der Öffentlichkeit.

Was halten Sie davon, dass die Documenta an zwei Orten stattfindet?

Ich finde es großartig, aus verschiedenen Gründen! Da geht es um das Gespräch über Flüchtlinge, Immigranten und Vertriebene. 1997 gab es bei der Johannesburg Biennale Widerstand dagegen, die Stadt in einen globalen Ort für die Kunst zu verwandeln. Dabei war die Biennale so entscheidend für so viele südafrikanische Künstler! Sammler und Kuratoren flogen ein, besuchten neben der Biennale Ateliers. Es gingen internationale Karrieren daraus hervor. Davor interessierte sich die Welt nur für William Kentridge. Ich denke, Ähnliches wird auch in Griechenland passieren.

Der ehemalige Finanzmister Yanis Varoufakis kritisierte die Athen-Documenta als "Krisentourismus".

Die dumme Aussage eines Politikers. Dies ist eine große Investition. Es werden Jobs geschaffen, wenn auch nur für eine gewisse Zeit. Außerdem werden lokale Künstler, die nicht reisen können, die Arbeiten internationaler Künstler sehen. Ich wünschte, jemand hätte das getan, als ich in Nigeria lebte.

Olu Oguibe – Globaler Schachspieler

Der 1964 in der Region Biafra im Südosten von Nigeria geborene Olu Oguibe ist als Künstler, Kurator und Kulturwissenschaftler tätig. Seinen Posten als Professor für afrikanische Studien an der University of Connecticut gab er nach 13 Jahren auf, um sich seiner Kunst zu widmen. Oguibe studierte an der University of Nigeria bei dem ghanaischen Meister-Bildhauer El Anatsui und dem Maler und Lyriker Obiora Udechukwu, die er als "starken Einfluss" bezeichnet. Oguibe, der mit traditionellen nigerianischen Schriftzeichen gearbeitet hat oder für die Installation Game ein globales Schachspiel mit Terrakotta-Figuren kreierte, die Immigranten, Flüchtlinge und Reisende darstellten, gehört zur Volksgruppe der christlich missionierten Igbo, die Nigerias Elite stellen. Seine Geburtsstadt Aba war zunächst ein Zentrum der britischen Kolonialmacht und wurde 1967, auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs, verwüstet. Anfang der neunziger Jahre ging Oguibe nach London, um sein Studium mit einer Doktorarbeit über den nigerianischen Künstler Uzo Egonu abzuschließen. 1995 zog er in die USA. Der Maler und Installationskünstler nahm 2007 an der Venedig-Biennale mit einer Arbeit teil, bei der er ein Paar Turnschuhe an den Nagel hängte und sich von der Jugend verabschiedete – es war das erste Mal, dass Afrika mit einem Pavillon vertreten war.