Porträts von Cézanne

Der Analytiker

Die 200 Porträts, die Cézanne in seinem Leben malte, zählen mit Sicherheit zu den persönlichsten Arbeiten des Wegbereiters der modernen Malerei. Die Menschenbilder sind jetzt im Musee d'Orsay zu sehen.
Der Analytiker

Paul Cézanne: "Junge mit roter Weste" 1888-1890

Matisse und Picasso sagten über ihn, er sei ihrer aller Vater, und die Kunstgeschichte feiert ihn als einen Maler, der schon Ende des 19. Jahrhunderts die Moderne vorbereitete: Der Franzose Paul Cézanne (1839 bis 1906) komponierte Raum aus abstrakten Farbflächen, experimentierte mit verflachter Perspektive und bereitete so Fauvismus und Kubismus den Weg. In Still­leben und Naturansichten – vor allem von der Montagne Sainte-Victoire in der Nähe seiner Heimatstadt Aix-en-Provence – revolutionierte der Maler, den es anfänglich zum Impressionismus zog, den Bildaufbau, ohne die Gegenständlichkeit jemals zu vernachlässigen.

Das gilt auch für die rund 200 Porträts, die er im Laufe seines Lebens malte. Neben Bildern von Freunden und Bekannten finden sich 26 Selbstpor­träts und 29 Darstellungen seiner Frau Hortense Fiquet. Diese Bildnisse sind sicher die persönlichsten Arbeiten des Analytikers Cézanne, der gleichzeitig die Tradition französischer Malerei seit Nicolas Poussin weiterführte und die Tür ins 20. Jahrhundert aufstieß. Bisher weniger bekannt und erforscht als andere Genre-Darstellungen, vereint eine große Wanderausstellung, kuratiert vom ehemaligen Chefkustos des New Yorker Museum of Modern Art, John Elderfield, jetzt über 50 dieser Porträts im Pariser ­Musée d’Drsay. Und zeigt dort, wie Cézanne trotz persönlicher Nähe zum Sujet und der Notwendigkeit individueller Wiedererkennbarkeit die Prinzipien seiner analytischen Malerei auch bei Menschenbildern konsequent ­anwendete und weiterentwickelte.

An den Porträts zeigt sich Cézannes Entwicklung

Der chronologische Aufbau der Ausstellung, beginnend mit der berühmten Profilansicht von Onkel Dominique oder dem Porträt seines lesenden Vaters, beide gemalt in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts und damit noch deutlich unter dem impressionistischen Gebot diffuser Lichtgebung, macht diese Entwicklung eindrucksvoll deutlich. Denn schon das um 1877 gemalte Porträt von "Madame Cézanne in einem roten Sessel", eine Leihgabe aus dem Bostoner Museum of Fine Art, dokumentiert die Veränderung gegenüber diesen früheren Werken, zeigt die neue, ungewohnte Art, mit Farbflächen zu komponieren.

Pionier der Moderne
Paul Cézanne war ein Sturkopf. Seine wilden Jugendwerke sollten sofort in den offiziellen Salon, reifere Leistungen unbedingt ins Museum. Zum einflussreichsten Anreger der Moderne wurde der Traditionalist trotzdem – mit der Erfindung eines genialen Systems

Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehört das aus Washington angereiste berühmte Gemälde "Der Knabe mit der roten Weste" (1988/90). Eine von vielen raren Leihgaben, vor allem aus wichtigen Museen der Vereinigten Staaten, wohin die spektakuläre Ausstellung nach ihren Gastspielen in Paris und London weiterwandern wird.

Porträts von Cézanne
Die große Ausstellung beleuchtet die ästhetischen und thematischen Eigenheiten der Gattung Porträt im Werk des französischen Malers (1839–1906). Weitere Station: National Portrait Gallery in London (26.10.–11.2.2018)
Musée d’Orsay ,  Paris
Seerosen, 1906, Art Institute of Chicago
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