BMW Art Car von Cao Fei

Rasen ohne Führerschein

Das gab es in der Geschichte des BMW Art Cars noch nie. Statt das Auto zu bemalen, überträgt die chinesische Künstlerin Cao Fei die Idee der Art Cars in die virtuelle Welt. Wer sein Smartphone mit einer Augmented-Reality-App auf den karbonschwarzen Rennwagen mit der Startnummer 18 hält, sieht tanzende Farben und Videokunst.
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BMW Art Car #18 von Cao Fei: Augmented Reality still (detail), BMW Art Car, Modell M6 GT3

Es gab nicht viele Frauen, die vor ihr an das Steuer gelassen wurden: In der Geschichte des BMW Art Cars ist Cao Fei die dritte Künstlerin, die von der aus Museumsdirektoren und Kuratoren zusammengesetzten Jury ausgewählt wurde, einen Rennwagen in ein rasendes Kunstobjekt zu verwandeln. Die 1978 geborene Chinesin, obendrein die jüngste Künstlerin der 1975 mit Alexander Calder gestarteten und einer Reihe von US-Größen wie John Baldessari, Frank Stella, Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Robert Rauschenberg fortgesetzten Kollaboration, beförderte ihren Sportwagen in das nächste Jahrhundert.

Das Objekt an sich ließ die Künstlerin mit schwarzer, nicht reflektierender Farbe anmalen, um es, so Cao Fei, unsichtbar zu machen. Fei, die mit ihrem Team über drei Jahre an dem Projekt arbeitete, hatte für ihr Vorhaben Kontakt mit dem Studio des britischen Bildhauers Anish Kapoor aufgenommen, weil sie mit Vantablack, das schwärzeste Schwarz auf der Welt, an ihr Werk gehen wollte. Aber Kapoor, der sich das exklusive Nutzungsrecht an Vantablack gesichert hat, ließ sich damit entschuldigen, dass seine Arbeit mit der tiefschwarzen Farbe gerade erst am Anfang steht.

Viele Menschen in China lassen ihr neues Auto von Mönchen einweihen

Anstatt wie ihre Vorgänger auf das Auto zu malen, stattete Fei ihre mattschwarze Rennmaschine mit einer Augmented-Reality-App aus, die computergesteuerte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Wer sich die App herunterlädt und sein Telefon auf den Rennwagen richtet, sieht farbige Lichter über dem Fahrzeug tanzen und bunte Schleifen ziehen.

Mit dem technischen Gimmick knüpft Cao Fei an die traditionsreiche Geschichte ihres Landes an. Viele Menschen in China lassen ihr neues Auto von Mönchen einweihen. Die Zeremonie gleicht einem mystischen Schattentanz, bei der die Mönche mit schwunghaften Gesten Linien in die Luft zeichnen. Ein Ritual, das an die Bewegungen der Action Painter wie Jackson Pollock erinnert – und mit Hilfe der App sichtbar gemacht wird.

Als drittes Element ergänzte die Künstlerin ihr Renn-Werk mit einem Video, das die rasanten, gesellschaftlichen Veränderungen in China reflektiert und eine Verbindung zwischen Traditionen, Gegenwart und Zukunft herstellt. Der Mönch wandert vom ländlichen China, in dem das lebendige Federvieh aus dem Kofferraum des fahrenden Autos hängt, in die unmenschliche Großstadtmetropole. Die Ausbreitung des städtischen Lebensraumes, eine Entwicklung, die in Europa über Jahrzehnte vonstattenging, findet in Ostasien innerhalb weniger Jahre statt. Mega-Cities wie Chinas Pearl River Delta, zu der Cao Feis Heimatstadt Guangzhou im Süden des Landes zählt, wachsen in einem für die westliche Welt unfassbaren Tempo und zählen bereits heute mehr Einwohner als Kanada.

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BMW Art Car #18 von Cao Fei: "Unmanned", Video, 4 min 51 sek, Filmstill

In ihrem Film lässt Cao Fei ihren Mönch schließlich auf einem Parkplatz mit endlosen Reihen von Neuwagen innehalten, der an einen Friedhof für gefallene Soldaten erinnert. Womit sie die Bedeutung des Autos in der Zukunft in Frage stellt. Welche Rolle spielt das gesellschaftliche Statussymbol, das für wirtschaftlichen Erfolg und Luxus steht, überhaupt noch? Denn auch in China denken junge Leute wie Cao Fei um und steigen auf das umweltfreundliche Fahrrad um. Welche Bedeutung wird das Auto in künftigen Zeiten von Vollautomatisierung, fahrerlosen Vehikeln und Cyberwelten überhaupt spielen? Für die 39-jährige Fei symbolisiert das Auto vor allem den schnellen wirtschaftlichen Aufstieg ihres Landes, dessen Tempo inzwischen dermaßen gedrosselt ist, dass die Regierung den Zustand einer neuen Normalität ausrief.

Subtil, poetisch und mit filmischen Talent

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Cao Fei auf der Bühne bei der Präsentation ihres Art Cars – neben einem Ausschnitt aus ihrem Video "Whose Utopia?"

Bei ihrem Art-Car-Projekt geht die junge Künstlerin so subtil, poetisch und mit einem filmischen Talent vor, für das sie mit früheren Arbeiten bekannt wurde. Ob in "Whose Utopia?", als sie die Arbeiter einer Glühbirnen-Fabrik nach ihren geheimen Träumen fragte und sie diese vor der Kamera in den Fabrikhallen ausleben ließ. "Haze and Fog", wo in der befremdenden Großstadt-Welt aus Menschen Zombies werden. Oder als sie Kommilitonen ihrer Kunstschule Guangzhou Academy of Fine Arts und Freunde in Anime-Kostümen in Landschaften voller anonymer Hochhaustürme und Industrie-Wüsten fotografierte und filmte.

In Guangzhou, das als die Fabrik der Welt bezeichnet wird, erlebte Cao Fei, die inzwischen mit ihrem Mann, dem Künstler Lim Tzay Chuen, und ihren beiden Kindern in Peking lebt, wie Turbokapitalismus und Wirtschaftsboom das Leben der Menschen verändert. Der Künstlerin wurde in der Vergangenheit vorgeworfen, dass ihre Arbeiten Fantasiegebilden gleichen, die eine Flucht vor der Realität darstellen, aber nicht die chinesische Wirklichkeit widerspiegeln, die irgendwo zwischen Kommunismus und Kapitalismus, neuem Wohlstand, Umweltzerstörung, Neuzeit, Traditionalismus und Staatsüberwachung liegt. Caos Vater ist der in China berühmte Bildhauer Cao Chong’en, dessen Statuen von Staatsführern wie Mao Zedong in vielen Städten stehen. Der Kunststar Cao Fei betont immer wieder, dass sie sich mit ihrer Arbeit nicht von ihrem Vater abgrenzt, sondern das heutige China mit anderen künstlerischen Mitteln als ihr Vater abbildet.

»Niemand will langsam sein«
John Baldesari ist für seinen trockenen Humor und seine treffsichere Kritik bekannt ist. Jetzt präsentierte er in Miami seine Version des BMW Art Cars. art traf den Künstler um mit ihm über schnelle Autos, teure Messen und politische Korrektheit in angespannten Zeiten zu sprechen

Wie ihre Landsleute ist Cao Fei daran gewohnt in einer Gesellschaft voller Widersprüche zu leben. Auf die Frage, wie viel Freiheit sie als Künstlerin hat und wie sie mit staatlicher Zensur umgeht, antwortet sie: "Niemand sagt Dir, wo die Linie verläuft. Man versucht immer, an der Linie entlang zu schwimmen, was für Chinesen eine Philosophie geworden ist." Mit der Schweizer Rennfahrerin Cyndie Allemann erlebte Cao Fei wie sich die Geschwindigkeit eines Sportwagens anfühlt. Sie selbst hat noch nie hinter dem Steuer eines Autos gesessen und besitzt keinen Führerschein. Ihr pechschwarzer Rennwagen wird dennoch oder vielleicht gerade deshalb im November bei einem Rennen in Macau, dem Las Vegas von China, an den Start gehen.