Ayşe Erkmen bei den Skulptur Projekten Münster

Übers Wasser gehen

Maximale Wirkung mit minimalen Mitteln — so funktioniert die Kunst von Ayşe Erkmen. Bei den Skulptur Projekten in Münster beschert sie als Türkin den Besuchern der katholischen Bistumsstadt wahrlich biblische Momente.
Übers Wasser gehen

Ayşe Erkmen am Bosporus in ihrer Heimatstadt Istanbul. Wasser ist das Element, das in vielen ihrer Arbeiten eine wichtige Rolle spielt.

Man braucht keine Wünschelrute, um jene Wasserader aufzuspüren, die sich kontinuierlich durch Ayşe Erkmens Schaffen zieht. Auch mit ihrem neuen Werk “On Water“ für die Skulptur-Projekte Münster gibt sie sich ihrer Faszination für das flüssige Element hin. Doch dazu später. Der Quell ihres Interesses entspringt ganz offensichtlich in Istanbul, wo die Künstlerin 1949 geboren wurde und aufwuchs. Vom Zentrum ihres Kindheitsviertels Nişantaşı läuft man einen guten Kilometer, vielleicht durch den Maçka Park, und schon ist man am Bosporus. Vom Marmarameer weht eine salzige Brise hinüber zum neuen Sultanspalast, dem Dolmabahçe-Palast am Ufer, das Goldene Horn ist mit einem bequemen Spaziergang zu erreichen.

Auf dem Weg dorthin liegt nicht nur ein kunstreicher alter Brunnenpavillon, sondern auch die Mimar-Sinan-Universität. Von 1969 bis 1977 studierte Ayşe Erkmen an dieser Kunstakademie, natürlich mit Blick aufs Wasser. Als sie 2011 für die Venedig-Biennale ihre komplexe Wasseraufbereitungsanlage “Plan B“ realisierte, erklärte sie: "Ich bin in der Lage, Wasser jenseits von Klischees und Romantisierungen zu betrachten. Das ist ein Thema, mit dem ich sehr vertraut bin und das immer ein Teil meines Lebens war." Insofern fühlte sie sich in der Lagunenstadt sofort am richtigen Ort. Kanäle und Wasserstraßen, reger Schiffs- und Bootsverkehr auch hier, als Basis des Wohlstands identitätsstiftend wie in Istanbul.

Folgen wir der biografischen Wasserader Erkmens noch ein wenig weiter in die Vergangenheit. Mit “Shipped Ships/Verschiffte Schiffe“ 2001 in Frankfurt am Main lieferte sie eine so aufwendige wie wunderbare Liebeserklärung an den innerstädtischen Flusslauf. Wie kam es dazu? Mit der Errichtung von immer mehr Brücken hatte Frankfurt seinen Fährverkehr völlig abgeschafft. Ein trauriger Verlust, wie die Künstlerin meinte, der Bewohner und Besucher völlig einer jahrhundertealten Perspektive auf ihre Stadt beraubte. Also ließ sie drei Fährschiffe – aus dem japanischen Shingu, aus Venedig und aus ihrer Heimatstadt – an den Main bringen, inklusive einheimischer Besatzung.

Am besten ist es, wenn der Ort die Arbeit vorgibt und Erkmen nicht mehr viel hinzufügen muss

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"Shipped Ships", 2001, Frankfurt am Main

Spektakulär reisten die Boote auf Transportfrachtern nach Rotterdam, um schließlich in der Mainmetropole einzutreffen. Dort trugen diese Fähren für fünf Wochen, entlang von elf stillgelegten und nun eigens reaktivierten Anlegestellen, Passagiere entweder den Fluss auf und ab oder nur von einer Seite zur anderen. Ein Fahrplan wurde aufgestellt, und das Entgelt richtete sich nach den Tarifen der jeweiligen Herkunftsstädte, betrug daher maximal 50 Cent. Mit einem beträchtlichen Wett- bewerbsbudget der Deutsche Bank AG ausgestattet, "dienten" die drei Boote nun "den Einwohnern einer anderen Stadt", wie Erkmen es formuliert. Sie dienten auch insofern, als dass sie nicht nur Transportmittel und Freizeitspaß waren, sondern die traditionelle demokratische Verfügbarkeit der Wasserstraße zumindest kurzzeitig wiederherstellten.

Orhan Pamuk, Schriftsteller und Nobelpreisträger von 2006, verfasste für die Publikation zu “Shipped Ships“ den Text “Die Dampfer auf dem Bosporus“. Drei Jahre jünger als Erkmen, hatte Pamuk nicht nur wie sie das englischsprachige Robert College besucht, sondern lebt(e) auch wie sie im Istanbuler Viertel Nişantaşı. Bereits in seinem Buch “Istanbul. Erinnerung an eine Stadt“ schwelgte Pamuk in seiner Liebe zu den meist verschwundenen Orten der Kindheit und, natürlich, zu den nahen Gewässern. Für Ayşe Erkmen destillierte er poetisch die Essenz dieser magischen Beziehung: "All die Gebäude, Fenster und Türen der Stadt erhalten so ihre Bedeutung durch die Nähe, Höhe und Blickrichtung zum Wasser. All den Menschen, die in der Stadt leben und sich in den Straßen bewegen, ist unwillkürlich bewusst, wie nah oder fern vom Meer sie sich gerade befinden. Wer von seinem Fenster aus das Wasser sehen kann – früher war das nicht nur eine glückliche Minderheit – und dort die Stadtdampfer auf- und abschwimmen sieht, versteht, dass diese Stadt einen Anfang, eine Mitte und einen Zusammenhang besitzt, und spürt, dass alles so seine Richtigkeit hat."

Jesus, der übers Wasser läuft, ist eines der stärksten Bilder des Neuen Testaments

Die Kennerschaft der wässrigen Materie gründet für Erkmen jedoch nicht nur in geografischen, sondern auch in kulturellen Prägungen. Zwar in einem eher europäisch und säkular gestimmten Klima aufgewachsen, ist ihr die Rolle der rituellen Waschung im Islam doch wohlvertraut – zumal der Stadtraum von Istanbul und jeder türkischen Stadt eine Vielzahl von Şadırvan genannten, Reinigungs- und Trinkbrunnen aufweist. Im muslimischen Glauben gründet selbst die Schöpfungsgeschichte auf dem Wasser – und nicht wie im Christentum auf geformtem Ton: "Und er ist’s, der beide Wasser losgelassen hat, das eine süß und frisch, das andere salzig und bitter … Und er ist’s, der aus Wasser den Menschen erschaffen …" Zudem wird dem Allmächtigen ausdrücklich gedankt, dass vom Himmel reines Wasser herabgesendet wird, "auf dass wir mit ihm totes Land lebendig machen und es unseren Geschöpfen zu trinken geben, dem Vieh und den Menschen in Menge". Man versteht: je trockener die Klimazone, desto kostbarer das trinkbare und saubere Nass, desto wichtiger auch dessen Reinheitsgebot. Die Herstellung von frischem, sauberem Wasser aus der brackigen Lagune von Venedig symbolisierte gewiss ökologische Dringlichkeiten, bekam aber auch eine spirituelle Note.

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Erstaunlich ist dabei, dass Ayşe Erkmen derlei große, ja metaphysische Themen mit äußerst sparsamen, manchmal fast kunst-losen Bildern umsetzt. Ob sie für “Bluish“ die 1:2-Attrappe eines Schwimmbeckens unter der Decke des Kunstvereins Freiburg aufhängt (2009), um darauf hinzuweisen, dass sich in dem Gebäude bis 1982 ein öffentliches Hallenbad befand; ob sie die Rotunde der Frankfurter Schirn-Kunsthalle in eine Pfützenlandschaft verwandelt (2004) – stets ist ihr Markenzeichen die drastische Reduktion der Mittel. Überhaupt bekennt sie: "Das Beste ist, wenn mir der Ort erzählt, was zu tun ist. Noch besser allerdings ist es, wenn der Raum selbst schon alles Nötige enthält und man nichts mehr hinzufügen muss. Ich versuche stets, den simpelsten Weg in die Situation zu finden und gleichzeitig so viel wie möglich zu sagen, wenn auch sehr still."

Erkmen macht sich nicht von Publikumserwartungen abhängig

Ein Paradebeispiel dieses Credos gelang ihr vergangenes Jahr, als sie einer Einladung in die japanische Kaiserstadt Nara folgte. Im Außenraum des dortigen Saidai-ji-Tempels, gegründet wohl im achten Jahrhundert von Kaiser Shotoku, fand sie einen vernachlässigten Teich, eher eine Schmutzlache und Brutstätte für Insekten. Beherzt machte sich Erkmen ans Werk und ließ unweit davon einen Pool aufstellen, der sich länglich zwischen den Bäumen hinschlängelte. Beide Reservoirs wurden nun, nach venezianischem Vorbild, durch ein klärendes Rohrleitungs- und Pumpensystem verbunden. "Schon am zweiten Tag", staunt die Künstlerin noch immer über den Säuberungskreislauf, "war das Wasser des Teiches wieder sauber, und Frösche siedelten sich darin an." Wieder: wenig bildnerischer Aufwand, große Wirkung!

Ehe hier ein falscher Eindruck entsteht: Natürlich handelt es sich bei Erkmen, der global operierenden Türkin mit Berliner Wohnsitz, nicht um eine hoch spezialisierte "Wasserkünstlerin" – eher um eine Künstlerin reinsten Wassers, die sich nicht von Publikumserwartungen abhängig macht. Das ist ihr großes Kapital, und das verspricht immer wieder sinnliche Überraschungen. Viele ihrer erfolgreichen Eingriffe spielen sich durchaus auf dem Trockenen ab, denken wir an ihre Markierungen der bizarren Landschaft im türkischen Kappadokien, wo sie vergangenes Jahr die Burg Uçhisar mit drei weithin leuchtenden Riesenbällen versah und eine Art Rettungsring um eine Felsnadel schlang. Weiter sind da, viel weniger verspielt, die Keramik- und Holzrepliken von Landminen. 1996 wurden sie als “Objects of Mine“ – Konsumartikel des Begehrens sozusagen – in einem Schaufenster des Berliner Nobelkaufhauses Galeries Lafayette präsentiert.

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"Sculptures on air", 1997, Skulptur Projekte Münster

Am gegenwärtigsten ist wahrscheinlich immer noch ihr Beitrag für die Skulptur-Projekte Münster 1997. Obgleich dieser Coup nun schon 20 Jahre zurückliegt, hat sich das Bild von den an einem Helikopter baumelnden Statuen, hoch über dem Münster der Stadt, regelrecht in unser Bildgedächtnis eingebrannt. Nach drei durch das Domkapitel abgelehnten Versuchen, Projekte direkt am und vor dem Gotteshaus zu entwickeln, wich Erkmen gewitzt auf den Luftraum aus. Die Steinfiguren stammten aus einem Depot des Westfälischen Landesmuseums, wo diese öffentlichen Kunstwerke der Vergangenheit nur mehr wenig Publikumskontakt hatten. “Sculptures on the Air“ war im Wortsinn der Überflieger, denn damit erlöste Ayşe Erkmen zeitweilig nicht nur die alten Heiligenfiguren aus ihrem Schattendasein, vielmehr führte sie jenen Kleingeistern und Bedenkenträgern, die sich nicht vorstellen mochten, dass eine türkische Künstlerin an einem deutschen Sakralbau tätig würde, wirkungsvoll vor Augen, dass eine Freiheit der Kunst und des Geistes jenseits irdischer Beschränkungen existiert. Und immer existiert hat, möchte man hinzufügen, denn hat nicht der Repräsentationshunger der christlichen Kirchen erst künstlerische Höhenflüge und Innovationen ausgelöst?

Auf den ersten Blick hat Erkmens aktuelles Vorhaben in Münster rein gar nichts mit den Vorfällen des Jahres 1997 zu tun. Wie so oft trügt der Schein. Zunächst mal heißt es aber: Schuhe ausziehen und Hosenbeine aufkrempeln. Denn nur so lässt sich “On Water“ im stillgelegten Münsteraner Hafenbecken überhaupt erfahren. Knapp unter der Wasseroberfläche verbindet ein Steg das Nord- mit dem Südufer der Anlage. Wer es genau wissen will, dem sei mitgeteilt, dass zu diesem Zweck stabile Container in das Becken eingesenkt werden. Doch will man das wirklich so genau wissen, angesichts der Besucher, die jetzt scheinbar übers Wasser laufen? Womit wir übrigens wieder bei religiösen, zumindest übernatürlichen Assoziationen angelangt wären – ausgerechnet oder gerade in einer Stadt, die ihr Selbstbewusstsein noch immer aus der Tatsache schöpft, seit über zwölf Jahrhunderten Bischofssitz zu sein.

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Die Besucher der Skulptur Projekte Münster laufen über Ayşe Erkmens Steg: "On Water", 2017, Skulptur Projekte Münster

Neben der Kreuzigung Christi und seiner Geburt ist Jesus, der übers Wasser läuft, eines der stärksten Bilder des Neuen Testaments, wenn auch künstlerisch eher selten umgesetzt. Folgen wir dem Evangelisten Matthäus, so ereignete sich auf dem wild bewegten See Genezareth ein Wunder: "Im letzten Viertel der Nacht kam Jesus auf dem Wasser zu ihnen. Als die Jünger ihn auf dem Wasser gehen sahen, erschraken sie und sagten: ›Ein Gespenst!‹, und schrien vor Angst. Sofort sprach Jesus sie an: ›Fasst Mut! Ich bin’s, fürchtet euch nicht!‹" Als sei dies nicht genug, fordert der notorisch kleingläubige Petrus einen Gottesbeweis und will seinerseits über den See promenieren. Das glückt, wenn auch nicht ganz problemlos. Als Petrus zu ertrinken droht, "streckte Jesus seine Hand aus, fasste Petrus und sagte: ›Du hast zu wenig Vertrauen! Warum hast du gezweifelt?‹".

Ohne Passanten und deren performativen Wasserkontakt existiert "On Water" gar nicht

Das christliche Motiv der höheren Allmacht wird so zu einer Performance des praktischen Vertrauens. Zudem erinnert Wasser, das unsere Knöchel umspült, in diesem Zusammenhang an die universelle Demutsgeste einer Fußwaschung und schließlich auch an die Urform der Taufe in einem Gewässer. Und auch hier gibt es wieder einen pikanten Bezug zum Standort Münster, wo um 1530 die Wiedertäufer für kurze Zeit ihr strikt reformatorisches Reich einrichteten und damit den eingesessenen Altgläubigen Angst und Schrecken einjagten. In einer erneuten Taufe wurden den Anhängern der sogenannten Anabaptisten die Sünden des etablierten Christentums abgewaschen.

All diese zutiefst abendländischen und ortsspezifischen Momente schwingen in “On Water“ mit, obwohl Erkmen diese Deutungen keineswegs in den Vordergrund schieben möchte. Trotzdem weiß sie, dass, anders als im eher bildlosen Islam, hierzulande Bildproduktion und biblische Ikonografie im kollektiven Bewusstsein präsent, also lesbar sind. Um ein solches Wiedererkennen auszulösen, bedarf es keinerlei Vordergründigkeit. "Zwar mögen es die Menschen, wenn sich nichts Zusätzliches zwischen sie und die Information schiebt. Aber dann wäre es kein Kunstwerk, und man könnte auch Zeitung lesen oder sich im Fernsehen Geschichtssendungen anschauen", beschreibt Erkmen ihren Zugang. Viel wichtiger sei ihr, dass sich die "Idee selbst verwandelt". Diese Transformation funktioniert großartig, denn ohne Passanten und deren performativen Wasserkontakt existiert diese Arbeit gar nicht – zumindest visuell. Da ist nur die unverändert ruhige Fläche des Hafenbeckens. Das gen Himmel aufragende Münster im Hintergrund darf als Statist mitspielen.

art - Das Kunstmagazin
Alle zehn Jahre findet die internationale Großausstellung statt. Zur fünften Ausgabe sind 30 künstlerische Positionen zwischen Bildhauerei und performativer Kunst eingeladen, Werke für den öffentlichen Raum zu schaffen. Der Leitgedanke: Kunst im Stadtraum vermag historische, architektonische, soziale, politische und ästhetische Kontexte zu aktivieren
LWL-Museum für Kunst und Kultur ,  Münster