Hauptattraktion der Documenta 14

Tempelbau zu Kassel

Marta Minujíns Tempel aus verbotenen Bücher ist das spekakulärste und fotogenste Werk der diesjährigen Documenta. Die argentinische Künstlerin will das «Schwanken des Denkens in der Welt» darstellen. Der Tempelbau zu Kassel geht während der Ausstellung weiter. Einstürzen soll er (diesmal) aber nicht.
Tempelbau zu Kassel

Der "Parthenon der Bücher" von Marta Minujín in Kassel

Er ist zweifellos die Hauptattraktion der Documenta 14: der "Parthenon der Bücher" auf dem Friedrichsplatz. Unübersehbar steht er mitten zwischen den Hauptlocations der Kunstausstellung, zu der ab Samstag rund eine Million Besucher erwartet werden. 70 Meter lang, 30 Meter breit und 20 Meter hoch ist das Riesen-Kunstwerk und hat damit in etwa die Maße des antike Parthenon-Tempels auf der Akropolis in Athen. Es ist behängt mit Zehntausenden Büchern, die irgendwo in der Welt verboten sind oder es einmal waren.

So spektakulär die Aktion ist, neu ist sie nicht. 1983 hat die Argentinierin Marta Minujín schon einmal einen "Parténon de Libros"  in ihrer argentinischen Heimat aufgebaut. Nach dem Ende der Diktatur hat sie dafür 25 000 von der Militärregierung verbotene Bücher verwendet. Dieser Tempel wurde am Ende der Aktion gezielt zum Einsturz gebracht - um die verbotenen Bücher wieder unters Volk und an die Leser zu bringen.

Tempelbau zu Kassel

Bis zu 100 000 Bücher wollte die Documenta ursprünglich bekommen, zuletzt wurde 50 000 als Zielmarke ausgegeben. Die dem Fridericianum abgewandte Seite ist noch ziemlich kahl.

Ein eindrucksvolles Statement für die Pressefreiheit, das in Kassel aber nicht wiederholt werden wird. Die Behörden hätten das aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt, sagte Minujíns Assistent der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag. Am Ende der 100 Tage ist "eine gemeinsame Aktion mit der Öffentlichkeit geplant, um die Bücher wieder kursieren zu lassen", heißt es bei der Documenta. Eindrucksvoll ist der Tempel ohnedies, vor allem nachts, wenn er bunt beleuchtet wird. An den Preview-Tagen wurde die Freude allerdings vom schlechten Wetter getrübt. Es regnete und stürmte und war zu kalt, als dass sich viele Menschen zum nächtlichen Spektakel versammelt hätten, aber das kann ja noch kommen.

Damit die Bücher die 100 Tage der Documenta in "hessisch Sibirien" überstehen, wurden jedes einzelne in Plastik verpackt, eingeschweißt und mit Kabelbinder zum Aufhängen versehen. Mitarbeiter des VW-Werks in Baunatal hätten das übernommen, berichtet Stephan Gruber, der auch beim Bau des Riesengerüsts mitgearbeitet hat. Was in Buenos Aires noch aus Stahl war, ist jetzt aus einem Modulsystem, wie es im Bühnenbau verwendet wird. Anschließend  wurden die Säulen mit Stahlmatten verkleidet.

1933 wurden hier rund 2000 Bücher von den Nazis verbrannt

Tempelbau zu Kassel

Der "Parthenon der Bücher" von Marta Minujín

Die Bücher selbst – knapp 45 000 sollen es inzwischen sein – wurden nach dem Startschuss auf der Frankfurter Buchmesse 2016 in aller Welt eingesammelt. An der Uni Kassel wurde eine Forschungsstelle eingerichtet, die die Geschichte der Bücher recherchierte. Bis zu 100 000 Bücher wollte die Documenta ursprünglich bekommen, zuletzt wurde 50 000 als Zielmarke ausgegeben. Die dem Fridericianum abgewandte Seite ist noch ziemlich kahl. Aber der Ort ist gut gewählt: 1933 wurden hier rund 2000 Bücher von den Nazis verbrannt.

Marta Minujín, die stets bunt gekleidete 74-Jährige, will mit dem Tempel das "Schwanken des Denkens in der Welt" darstellen, wie sie der Deutschen Presse-Agentur Ende Mai in einem Interview sagte. "Dieser Parthenon des Friedens zeigt alle Verbote, die es in der Welt der Schriftsteller und Bücher gab - und wie die Politiker entscheiden, was die anderen lesen dürfen", erklärte Minujín damals die Idee hinter dem Werk.

Schon als junge Künstlerin überraschte sie mit ihren Werken, Performances und Happenings. Popart-Künstler Andy Warhol gehörte zu ihren Freunden, dennoch war ihrem Schaffen die große Anerkennung seitens der Kritik nicht vergönnt. Die Einladung nach Kassel kam auch deshalb einer großen Genugtuung gleich: "Dass sie mich anriefen und einluden, ist das Beste, was mir jemals im Leben passiert ist", freut sich Minujín. "Jetzt wird mein Werk noch stärker gewürdigt."

Griechische Oliven für Frau Merkel
Ihr Parthenon aus Büchern dürfte zum Wahrzeichen der Documenta in Kassel werden. Doch schon in Athen sorgt Künstlerin Marta Minujín für Furore und begleicht die griechischen Staatsschulden an Deutschland – mit Oliven

Im April hatte Minujín bereits in Athen, dem zweiten Documenta-Standort, für Aufsehen gesorgt. In einer Performance überreichte sie einem Double von Bundeskanzlerin Angela Merkel Oliven als symbolischen Akt der Rückzahlung der griechischen Schulden.

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