Documenta 14 – erster Rundgang, erste Einschätzungen

Sie meint es nur gut

Mit ihren hehren politischen Ansprüchen überfordert die Documenta vor allem sich selbst. Der Weg zur Kunst führt in Kassel über kleine Proseminare in Kultur- und Politikwissenschaft – und am Ende lohnt er sich doch. Ein erster Rundgang über die 14. Documenta.
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"Spinal Discipline" heißt die Spazier-Performance der "Armee schöner Frauen" von Irena Haiduk. Im Hintergrund: Der "Parthenon der Bücher von Marta Minujin.

Kulturbahnhof: Von allem ein bisschen

Adam Szymczyk selbst schlägt vor, den Rundgang im ehemaligen Straßenbahntunnel am Kulturbahnhof zu starten. Und tatsächlich sind hier im Kleinen alle Leitmotive der Documenta versammelt. Man tritt durch eine Containerschleuse (Flüchtlinge) in die Tiefe, trifft auf mittelmäßige Kunst der Nachkriegszeit in Form eines vergessenen Wandreliefs und auf knallharte Metaphern wie Schulbänke, bevor man ganz unten die Gleise sieht, an Auschwitz denkt und in Michel Auders Multichannel-Videoinstallation alles unerklärt vermengt findet, was irgendwie mit Kolonialismus im Lauf der Jahrhunderte zu tun haben könnte.

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Strecken Teaser

Der stillgelegte Bahnsteigsaal mit den Plakaten aus dem Schillerjahr 2005 ist toll, und der Weg über die Gleise ans Licht hat was Kathartisches. "XAPETE" grüßt draußen ein Schild wie aus einem Schwarzweißfoto entschlüpft. Das heißt "Hallo", wie der Künstler Zafos Xagoraris erklärt, und war das Eingangsschild am Lager vom im ersten Weltkrieg in Görlitz internierten griechischen Soldaten. Da hat man noch das letzte wichtige D14-Thema kennengelernt. Aber hier immerhin in eine Erzählung verpackt – und schlüssig als Reise durch die Dunkelheit zur Sonne inszeniert. Tim Sommer

Fridericianum: Angenehmes Retro-Flair

Das Fridericianum von außen: etwas ist anders. Was? Es ist der Name des Gebäudes selbst, der offenbar geändert wurde: Statt des altvertrauten Wortes »Fridericianum« steht über dem Eingang der Satz »Being safe is scary« – sicher zu sein, ist beängstigend. Die türkische Künstlerin Banu Cennetoglu hat ihn dort oben platziert. Wer in Athen unterwegs war, konnte ihn dort schon als Graffito lesen. Die Ironie an der Sache ist, dass von keinem Standort der Documenta in Kassel weniger Verunsicherung ausgeht als von diesem. Im Fridericianum werden Teile der Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST) gezeigt; hier bekommt die Kassel-Athen-Idee also die Form eines Gastauftritts. Es ist eine schön präsentierte Schau, die vollkommen aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Wir sehen Werke von Jannis Kounellis, Jan Fabre, Kendell Gers, Mona Hatoum und vielen anderen alten Bekannten der siebziger bis neunziger Jahre, dazu viele Arbeit von griechischen Künstlern, die hier weniger bekannt sind. Ein gewisser Retro-Charme umweht die Ausstellung, zwar können manche Arbeiten (etwa Geers Stacheldraht-Lager) auf heutige Themen wie die Flüchtlingssituation bezogen werden – doch gilt das längst nicht für alle. Das moralische Predigertum und die ideologische Fixiertheit vieler anderer Documenta-Standorte fehlt hier. Stattdessen herrscht Nostalgie. In manchen Räumen fühlt man sich, als wäre es die Documenta 1977: Wisst ihr noch, als die ersten Videos auftauchten? War die Arte Povera nicht schön? Und die Vitrinen, das ging damals auch los! Zum Rest der Schau passt die EMST-special-appearance nur insofern, als dass auch hier Symbolik zählt. Die Geste, den griechischen Kollegen eine Plattform zu bieten, war entscheidend – dass dabei eine sehr passable Retro-Schau entstanden ist, sorgt fast für Erleichterung in diesem Politlehrprogramm namens Documenta. Ralf Schlüter

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Auf dem Friedrichsplatz: Realen Fluchtbehausungen nachempfundene Installation von Hiwa K

Hauptpost: Haltung lernen

Die Documenta bespielt diesmal neben traditionellen Locations wie Fridericianum, Documenta-Halle und Neue Galerie auch unkonventionellere Orte wie die Neue Hauptpost, einen vakanten Waschbetonklotz im feinsten Siebziger-Jahre-Brutalismus in der Nordstadt, dem das D14-Team den etwas irreführenden Namen "Neue Neue Galerie" gegeben haben. Der Weg dorthin führt vorbei an Kebab‪-Buden, indischen Lebensmittelläden und Handy-Shops. Teile des Gebäudes werden immer noch städtisch genutzt, von den Verkehrsbetrieben, der Post und den Sozialen Diensten der Diakonie. In den ehemaligen Sortierhallen und in der Kantine ist jetzt dagegen raumfüllende Kunst eingezogen. Geschichtsunterricht beziehungsweise das Revidieren des gängigen Geschichtsverständnisses ist hier das verbindende Thema: Der australische Künstler Gordon Hookey malt in einem großen Wandbild die Geschichte Australiens aus Aborigines-Sicht.

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Vorhang aus Rentierschädeln von Máret Ánne Sara: "Pile o’ Sápmi", 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Neue Neue Galerie (Neue Hauptpost), Kassel, Documenta 14

Die Samen-Künstlerin Máret Anne Sara erinnert mit einem Vorhang aus Rentierschädeln an die von der norwegischen Regierung angeordneten Zwangsschlachtung der Tiere und den Protest ihres Volkes dagegen. Theo Eshetu projiziert in seiner riesigen Videoarbeit auf Antiken-Köpfe aus den Dahlemer Museen Bilder lebender schwarzer Menschen, dazu gibt's wummernde Beats und goldenes Licht. Golden erstrahlt auch die Bronze des thailändischen Künstlers Arin Rungjang, der in Bangkok ein Kriegerdenkmal kopiert hat und dazu in einem irritierenden Video von Thailands Liebe zu Hitler und Nazi-Deutschland erzählt. Zwei Stockwerke höher hat Irena Haiduk die ehemalige Kantine in einen Shop und Showroom ihrer Yugoexport-Kollektion gemacht: Kleider und Schuhe im minimalistischen Reform-Look aus einem untergegangenen Ostblockland – genau das richtige Outfit für die neoliberalismus‪-kritische Kunst-Crowd. Deshalb schickt Haiduk ihre Models mit einem Marcel‪-Proust-Buch auf dem Kopf – für aufrechte Haltung – vom spiegelnden Laufstieg geradewegs in die Stadt‪. Ute Thon

Lutherplatz/Hauptpost: Slow-Mo-Performances

Performances sind ja das neue heiße Ding, siehe Venedig, wo Anne Imhof gerade den Goldenen Löwen für ihre Dauerperformance gelangweilt-cooler Berufsjugendlicher eingeheimst hat. In Kassel sind die Performances nicht ganz so lässig wie im deutschen Pavillon, dafür aber rekordverdächtig langsam, so langsam, dass man sich beim Fotografieren ruhig Zeit lassen kann und selbst Instagram-Videos aussehen wie Standbilder. Das deutsch-französische Performance-Duo Prinz Gholam hat diesen Slo-Mo-Stil schon längst zu ihrem Markenzeichen gemacht. Auf dem Lutherplatz, einem ehemaligen Friedhof mit Kirchenruine an einer vielbefahrenen Straße posieren die beiden in merkwürdigen Posen zwischen Grabsteinen, ihre Körperhaltungen ahmen klassische Posen auf antiken Bildern nach. Der Kommentar einer Passantin dazu: "Ist das griechisches Yoga?"

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Performance von Maria Hassabi in der Neuen Neuen Galerie: "Staging"

Extrem langsam geht's auch bei den "Staging"-Performances von Maria Hassabi zu. In der Hauptpost stolpert man im Ausstellungsbereich und auch im Treppenhaus immer wieder über Frauen mit spitzen silbernen Schuhen, die verkrampft und reglos am Boden liegen. Bevor man ihnen besorgt zur Seite springt, bewegen sie dann aber Kopf, Arm oder Bein um einen halben Zentimeter und geben sich damit als Mitglieder der Minimal-Performer-Fraktion zu erkennen. Und wenn man nachts auf dem Nachhauseweg noch mal in die Glaskästen auf der Kurt-Schuhmacher-Straße schaut, wo auch D14-Programm läuft, könnte es sein, dass man noch den letzten Hauch von Georgia Sagris "Dynamis"-Stück sieht – noch so ein total irreführender Titel, denkt man, während man einer Frau zuschaut, die ruhig und sehr bedächtig von innen gegen die Scheibe atmet. Ute Thon

Der Sumpf des Banalen
Ein "Theater der Aktion" sollte die Documenta 14 werden, eine politische Kunstschau die aufrüttelt. Aber ausgerechnet das Performance-Programm enttäuschte bisher mit Banalitäten, findet art-Autor Till Briegleb und kommentiert brave Gags, Soft-Porn-Sirtakis und einige wenige positive Auftritte in Athen

Neue Galerie: Beweisaufnahme

Die Anklage von Kolonialismus, Nationalsozialismus und Neoliberalismus – das ist der große Dreiklang des Bösen nach Adam Szymczyk. Die Neue Galerie kann insofern vielleicht als das Herz beziehungsweise das Hirn dieser Kasseler Documenta betrachtet werden. Hier finden sich auch andere typische Merkmale dieser Schau wieder: Der Rang von Kunstwerken als Beweisstücke – sie werden hier präsentiert, als gelte es einen Prozess gegen den oben genannten Dreier-Komplex vorzubereiten. Und schließlich die Präsentation im Geiste maximaler Unzugänglichkeit – am Ende des "Entlernens" steht doch nur die Einsicht in die Gedanken der Kuratoren. Dabei ist deren Findergeist durchaus beeindruckend, es wurden Bilder aus der Familie von Hildebrand Gurlitt gefunden, Werke von Documenta-Gründer Arnold Bode, sogar eines von Theodor Heuss, dem späteren Bundespräsidenten. Vielfach verwickelte Bezüge gibt es, von der Aneignung griechischer Kultur in der deutschen Klassik bis zu den Kunst-Raubzügen der Nazis wird alles gestreift – und dann eingeordnet ins Raster der drei großen Übel: siehe oben. Die Kunst verliert in der Neuen Galerie ihre Autonomie; man traut ihr nur noch zu, Objekt der Geschichtsschreibung zu sein. Ralf Schlüter

 

 

Stadtmuseum: Die Schockperformance

Vier Gewehre richten sich auf Regina José Galindo. Die Extremperformerin steht im Zentrum einer Killer-Peepshow, wo jeder Besucher mal den Abzug durchziehen kann, Auge in Auge mit der Künstlerin aus Guatemala. Es ist die einzige Schockperformance dieser Documenta, wobei der Schock sich primär auf die Reaktionen der Zuschauer hinterm Gewehr bezieht. Drücken Sie ab, und mit wie viel Genugtuung? Die Egoshooterversion des Milram-Experiments ist eine von zwei Arbeiten im Stadtmuseum, die sich mit Krieg und Gewalt befassen. Die andere ist von dem kurdischen Künstler Hiwa K, der das dort ausgestellt Stadtmodell des kriegszerstörten Kassels abgefilmt hat, um über die Krisen in Kurdistan zu erzählen. Alle städtischen Museen in Kassel zeigen jeweils wenige, aber durchaus sehr anregende Interventionen der Documenta. Etwa im Landesmuseum das skurrile Maskenspiel der indischen Künstlerin Gauri Gill oder ein Video-Triptychon über die Bewegung der Blockfreien in den Siebzigern mit kernigen jungen Revolutionären wie Gaddafi und Arafat von Naeem Mohaiemen. Oder im Grimm-Museum einen radikal neu illustrierten "Kaufmann von Venedig" von Roee Rosen. Politik überall, aber nicht museumsreif. Till Briegleb

Scheinhinrichtung irritiert in Kassel
Eine Scheinhinrichtung mit Plastik-Maschinengewehren gehört schon jetzt zu den provokativsten Performances der Documenta 14

Friedrichsplatz: Das Buch ist Kult

Sie werden auf dem Kopf balanciert und in Vitrinen ausgestellt, in Videos verehrt oder in Stein gegossen, auf bunten Tischen ausgelegt oder zu Bibliotheken versammelt, vor allem aber besteht das Monument, das später einmal als erste Erinnerung an diese Documenta gelten wird, der "Parthenon der Bücher", aus dem Stoff, aus dem diese Kunstaustellung ist. Kluge Bücher haben den Kuratoren ihren Weg gewiesen, so dass sich ein starker Erklärungsdrang durch die ganze Ausstellung zieht. Aber die alte Art der Informationsspeicherung genießt in Kassel auch enorme Verehrung als Objekt. Eingeschweißt in transparentes Plastik umhüllen tausende Bücher das Tempelgerüst von Marta Minujín auf dem Friedrichsplatz, hochragend bilden sie ein Regalmonument in Maria Eichhorns Beitrag zur Raubkunst, sie erscheinen in Stein, genäht oder wie Fetische in Vitrinen. Das Buch ist Kult auf der D14, aber am auffälligsten ist es als Disziplinierungsmaßnahme: In der Modeperfomance von Jugoexport müssen junge Frauen das Gehen auf dem Laufsteg mit Lektüre auf dem Kopf vorführen. Ist auch 'ne Kunst. Aber ob man davon klüger wird? Till Briegleb

Documenta Halle: Wollmäuse

Eigentlich wollen wir ja nichts Böses sagen über Frauen und Wolle. Schließlich tragen wir alle Pullover, außerdem sind Handarbeiten und Selbstgestricktes schwer angesagt. Wer wollte auch schon etwas dagegen haben, wenn eine chilenische Künstlerin ihre Verbundenheit mit der Welt und ihrer Kultur mit dicken roten Wollschläuchen Ausdruck verleiht? Deshalb haben wir auch nicht protestiert, als die grauhaarige Lady anfing, das Publikum in ihre Wollvliese einzuwickeln und ließen uns sogar bereitwillig von den roten Wollwürsten umschlingen.

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Rote Wollwürste und dissonanter Schamaninnensingsang bei der Performance von Cecilia Vicuña: "Ritual Performance by the Fulda River"

Wir haben sogar leise mitgesummt, als Cecilia Vicuña ihren dissonanten Schamaninnensingsang anstimmte. Nur als die Menge dann aus den Wollschläuchen ein riesiges Knäuel formte, unter dass alle schlüpfen sollten, ist man lieber draußen geblieben. Irgendwie kratzte die rote Wolle am Hals. Und an den Armen. Und im Kopf. Später dann sind wir auf frühe Gemälde der Künstlerin gestoßen: Marx und Lenin in Öl. Und der Engel der Menstruation! Da haben wir uns geschämt und geschworen, nie mehr bei Performances mit roter Wolle mitzumachen. Ute Thon

Museumseingang: Können sie sich ausweisen?

Man hat noch die Reden von der Dreistundenpressekonferenz im Ohr, wenn auch nicht so ganz verdaut: Wenn wir nur alle unser Geschlecht aufgäben, wenn wir nur alle unsere Geschichte über Bord würfen, wenn wir nur alle unsere verdammten Prägungen auslöschten, die bei der großen Weltumarmung so viel Reibungsschmerzen verursachen, dann, dann könnte vielleicht doch noch alles gut werden auf der Erde. Noch voll drin im inneren Inklusionsdiskurs heißt es schon am ersten Museumseingang: Ausweis bitte! Und den Akkreditierungsnachweis mit korrektem Datum, bitte! Und so fort, immer wieder. Ich habe in meinem Leben noch nie so oft meine Identität nachweisen müssen, wie bei dieser angeblich antiidentiären Documenta, die ständig Machtstrukturen hinterfragt und dabei ein Heer an unmündigen Türstehern aufbietet, die man in kompletter Unwissenheit über solche Nebensachen wie Künstlernamen lässt – die aber Sprüche kennen wie diesen: "Ich handele hier nur nach Anweisung!" Tim Sommer

Documenta zum »Entlernen«
Die Documenta ist in Kassel angekommen - und sie ist nach Athen auch in Deutschland ausgeprägt politisch. Die 14. Auflage transportiert vor allem Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen der Welt
Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen