Proteste gegen Skulptur

Unbequeme Zone für Weiße

Die Galgen-Skulptur »Scaffold« von Sam Durant, die ursprünglich für die Documenta 13 entstand und dort zum Publikumslieblinge avancierte, wird nach Protesten in den USA nicht nur demontiert. Sie soll zeremoniell verbrannt werden. Unsere Korrespondentin Claudia Bodin beschreibt, wie es dazu kam.
Unbequeme Zone für Weiße

Sam Durants "Scaffold" im Skulpturengarten des Walker Art Centers

Es handelt sich um die Installation "Scaffold”, die Durant 2012 für Ausstellungen in Europa, in erster Linie für die Documenta, konzipiert und gebaut hatte. In Kassel wurde Durants mächtige Holz- und Metallkonstruktion, die zunächst an ein Klettergerüst auf dem Kinderspielplatz erinnert, schnell zum Publikumsmagneten. Sobald die Besucher die Stufen empor gestiegen waren, begriffen sie, dass sie sich nicht auf einer Aussichtsplattform mit Blick auf den Aueteich aufhielten. Durant hatte sieben Galgen maßstabgetreu nachgebaut, um an historische Hinrichtungen in den USA aus den Jahren von 1859 bis 2006 zu erinnern. Darunter der Galgen, an dem 1886 drei der angeblichen Bombenleger der Chicagoer Haymarket Unruhen erhängt wurden und mit denen der Kampftag der Arbeiterklasse am 1. Mai begründet wurde. Oder der Galgen, an dem Saddam Hussein 2006 wie ein einfacher Krimineller aufgehängt wurde. Und eben das Schafott aus dem Jahr 1862, auf dem 38 Dakota-Indianer öffentlich vor einem Publikum von hunderten von Weißen hingerichtet wurden.

In Europa beklatscht, in den USA umstritten

Das Mankato Massaker in Minnesota, angeordnet von dem damaligen Präsidenten Abraham Lincoln, ist die größte Massen-Exekution in der Geschichte der USA. In Minnesota verdrängten die weißen Siedler damals die Ureinwohner, das Indianervolk der Dakota, das zu der Gruppe der Sioux gehört. Als Verträge mit dem Stamm gebrochen wurden und sich die Regierung weder an die zugesagten Lebensmittellieferungen noch an die Zahlungen für Land hielt, wehrten sich die Indianer mit einer Serie von Angriffen auf weiße Siedlungen. Der Aufstand wurde bald niedergeschlagen und 303 Dakota von einem Militärgericht zum Tode verurteilt. Lincoln milderte die Verurteilungen ab, was damals eine riskante politische Entscheidung war.

Die Universitätsstadt Mankato hat sich dem Unrecht, dass den Dakota angetan wurde, niemals gestellt. Immerhin wurde 2012 eine neue Gedenktafel errichtet. Der in Los Angeles lebende Durant versteht seine Arbeit als Kommentar zur amerikanischen Geschichte, zum Rassismus in seinem Land, in dem Afroamerikaner sechsmal so häufig wie Weiße im Gefängnis landen, und zu der Todesstrafe, die nach wie vor in vielen Bundesstaaten verhängt wird. Dass sein Schafott im fernen, amerikakritischen Europa positiv aufgenommen wurde, verwundert nicht weiter. Warum Durant und die Museumsverwaltung des Walker Art Center, die das Gerüst im Skulpturengarten auf ehemaligem Land der Dakota, nicht weit von der historischen Hinrichtungsstelle aufstellen wollte, nicht bedachten, dass die Reaktion im eigenen Land anders ausfallen würde, macht viele fassungslos.

Die Skulptur »traumatisiert und banalisiert«

Die Arbeit würde traumatische Ereignisse banalisieren, erklärten die Stammesältesten der Dakota, die nicht tolerieren wollen, dass sie für eine derartige Botschaft nicht einmal zu Rate gezogen wurden und nicht verstehen, warum der schmerzhafte Teil ihrer Geschichte in einem Park neben einem blauen Hahn von Katharina Fristch oder dem Löffel mit Kirsche von Claes Oldenburg zur Schau gestellt werden muss. Wie andere Stämme in den USA haben auch die Dakota mit den verheerenden Folgen des Unrechts, das ihnen angetan wurde, mit Rassismus und Diskriminierung zu kämpfen. Die Selbstmordrate von indianischen Teenagern ist im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen in den USA weitaus höher. Gerade erst war in Mankato ein zwölfjähriges Mädchen beerdigt worden, das sich erhängt hatte.

Unbequeme Zone für Weiße

Sam Durant: "Scaffold", hier auf der Documenta 13

“Ich habe Scaffold als Raum zum Lernen für Leute wie mich gemacht”, rechtfertigte sich Durant, der mit seiner Arbeit gern unbequeme, historische Ereignisse und Aspekte adressiert, auf der Website des Walker Art Center. „Weiße, die nicht unter den Folgen einer weißen rassistischen Gesellschaft gelitten haben und die nicht bewusst wissen mögen, dass diese existiert.” Seine Installation sollte eine Zone des Unbehagens für Weiße sein und daran erinnern, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Bei allen guten Intentionen entging Durant, dass es genau Teil dieser weißen Überlegenheit ist, sich die Geschichte anderer anzueignen und zu  bearbeiten. Der Fall erinnert an die Proteste gegen ein Bild von der New Yorker Malerin Dana Schutz, das in der diesjährigen Biennale im Whitney Museum gezeigt wird und den gelynchten Afroamerikaner Emmett Till zeigt. Schutz wurde dafür kritisiert, dass sie als Weiße schwarzes Leid als Arbeitsmaterial ausbeutete.

Die Einzelteile von Durants Schafott sollen bei einer Zeremonie für die Stammesangehörigen in einem Fort niedergebrannt werden. Es handelt sich um den Ort, an dem die Dakotas nach den Aufständen in das Gefängnis gesteckt wurden. Das Museum und der Künstler gelobten, die Arbeit niemals wieder zu errichten. Durant versprach, dass er in Zukunft seine Hausarbeiten besser machen wird und klarer kommuniziert, was er überhaupt mit seiner Arbeit sagen will. Die Lektion sollte heißen, dass sich komplexe historische Ereignisse nicht so einfach zu Werken verarbeiten lassen, die vor allem auf Schockwert setzen.   

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen