Socle du Monde Biennale

Das ultimative Readymade

In der dänischen Provinzstadt Herning hob Piero Manzoni einst die ganze Welt auf den Sockel. Heute erinnert eine schräge Biennale an seine Wirkung vor Ort: Verdauungs-Maschine und lebendige Hühner inklusive.
Das ultimative Readymade

Verdauungsmaschine mit Endprodukt: Wim Delvoye: "SuperCloaca", 2007

Seit jeher erkennt man ein Kunstwerk am Sockel, und was für die antike Statue galt, war eherner Grundsatz sogar noch für Marcel Duchamps Urinal. Es war Piero Manzoni, der 1961 während eines Aufenthalts im dänischen Herning die logische Konsequenz aus dieser Tatsache zog: Mit seinem Socle du Monde, einem umgedrehten Stahlsockel unter freiem Himmel, hob er buchstäblich den ganzen Planeten aufs Podest – und schuf damit das vielleicht ultimative Readymade.

Genau diesem Umstand ist in Herning seit 2002 eine gleichnamige Biennale gewidmet. War diese bisher thematisch stark in der örtlichen Textilindustrie verortet, besinnt sich die aktuelle Schau auf ihre Ursprünge zurück: Mit sieben im und um das Heart-Museum angesiedelten Kapiteln will das fünfköpfige Kuratorenteam rund um Mattijs Visser (Zero Foundation) Manzonis Geistesgenossen und Nachfolger bestimmen. Denkbar unterschiedlich sind die unabhängig entwickelten Teilausstellungen geworden. Da werden etwa in zwei Abschnitten mit den Gruppen ZERO und CoBrA historische Avantgarden beschworen. In einem anderen Kapitel wird der Zyniker in Manzoni (1933 bis 1963) hervorgehoben und der Belgier Wim Delvoye als sein Nachfolger präsentiert.

Skandal- und Umweltkunst

Der Skandalkünstler, der seine Werke zuweilen auf lebende Haut tätowiert (der so zur Kunst Gewordene verharrt im HEART natürlich auf einem Sockel!), scheint sich mit seiner gigantischen Maschine SuperCloaca, die aus Speisen Fäkalien fabriziert, auch tatsächlich direkt auf Manzonis in Dosen abgefüllte Künstlerscheiße zu beziehen. Aber hier, in der gefühlten Einöde, so Heart-Direktor Holger Reenberg, müsse man gar nicht marktschreierisch sein, sondern könne mit leiseren Tönen spielen. Und so sind es auch nicht die plakativen Arbeiten, mit denen die Biennale punktet, sondern die utopischen, eigenwilligen Positionen des finalen Kapitels (kuratiert von Olivier Varenne), die ganz ohne Zynismus auskommen. Zwischen Aktivismus, Forschung und Kunst liegt da etwa das Projekt von Koen Vanmechelen, der seit 20 Jahren industrielle Hühnerrassen kreuzt, um ihren verkümmerten Genpool zu vergrößern – und die so gestärkten Tiere anschließend an bedürftige Communitys weltweit zu verschenken. Mit einer gedanklichen Volte wird Manzoni so beinahe zum "Umweltkünstler" umgedeutet: Indem er die Natur zum Kunstwerk erklärte, lenkte er unser Augenmerk letztlich auf den Planeten selbst.

Wie künstlich ist Natur?
3D-gedruckte Felsen, besprühte Wiesen – bei der ARos Triennale in der diesjährigen Kulturhauptstadt Aarhus dreht sich alles um das angespannte Verhältnis zwischen dem Menschen und der Natur

Währenddessen steht auch in der diesjährigen "Kulturhauptstadt" Aarhus, etwa 100 Kilometer von Herning entfernt, die Erde im Mittelpunkt: Unter dem Titel "The Garden" lotet die neu gegründete aros-Triennale die Beziehung zwischen Mensch und Natur aus. Im ersten Teil »The Past« (bis 10. September) wird das weite Feld in seinen grundsätzlichen Ausmaßen abgesteckt: Nicolas Poussin und Caspar David Friedrich zeigen den historischen Umgang von der Bändigung zur Romantisierung der Natur. Agnes Denes’ Weizenfeld in Manhattan holt 1982 die Land Art ins Bewusstsein. Und Diana Thater fragt mit ihren Videoaufnahmen der lebendigen Fauna in der verstrahlten Tschernobyl-Sperrzone, ob der Mensch die Umwelt zerstört – oder ob diese ihn letztlich nicht doch überdauern wird.

In ihrem stärksten Moment allerdings – Pamela Rosenkranz’ Sky Pool, ein Becken blauer Silikonfarbe, welches täuschend echt wie ein Stück Himmel wirkt –, schafft es die Triennale, zu zeigen, dass das Einfassen der Natur in den White Cube stets problematisch, seltsam, unheimlich ist. Natur sprengt eben als ultimatives Kunstwerk jede Zuschreibung. Womit wir wieder bei Manzoni wären.

Socle Du Monde Biennale 2017
Im Rahmen des Jahreshighlights – Aarhus ist Kulturhauptstadt 2017 – stellt die Biennale unter dem Titel »An experimental exhibition to challenge the earth, the moon, the sun & the stars« Arbeiten zahlreicher nahmhafter Künstler vor
HEART – Herning Museum of Contemporary Art ,  Herning
Die Kraft der Natur
Das Museum für Gestaltung Zürich zeigt in einer umfangreichen Ausstellung, wie Designer, Architekten, Künstler und Fotografen sich von Flora und Fauna beeinflussen lassen.