Reiseführer Skulptur Projekte

Künstler und Spielorte in Münster

Performance, Interaktion, Darstellung, Kommunikation – 
auch in Münster sprengen viele Künstler den klassischen
 Skulptur-Begriff. Sie gehen mit ihren Arbeiten 
über das klassische Einzelwerk hinaus und involvieren dabei gern auch mal das Publikum. Hier ist einer praktische Übersichte aller Künstler und der Standorte ihrer Werke
Künstler und Spielorte in Münster

Die Spielorte in Münster im Überblick. Eine druckfähige Datei der Karte können Sie hier herunterladen.

Arakawa, Ei (11) (*1977 Fukushima) agiert in seinen performativen Aktionen – Musicals, Tanzperformances, Workshops – gern wie ein Showmaster: 2012 veranstaltete er in der Londoner Tate Modern Partys, bei denen er Singles dazu einlud, mit Kunstwerken zu tanzen (Single’s Night). Seine Arbeiten sind Experimente, in die auch die Betrachter verwickelt werden. Bei den skulptur-projekten stellt er am Aasee Arbeiten zeitgenössischer Maler als LED-Screen-Versionen auf, die eigens für diesen Event komponierte Lieder abspielen.

Artschwager, Richard (33) (*1923 Washington, D.C., † 2013 Albany) Seine überdimensionale Fahrradständerskulptur von 1987 wandert vom Münsteraner Schloss vor das Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl.  

Bartholl, Aram (9) (*1972 Bremen) war Computer-Hacker, bevor er Künstler wurde. In Münster verbindet er an drei Orten die schwer greifbare digitale Sphäre mit der realen, mehrdimensionalen Welt: Am Pumpenhaus wird eine gesellige Lagerfeuer-Situation zur Handyaufladestation für alle, am Fernmeldeturm liefert ein Gartengrill Elektrizität für einen Intranet-Router, in den Besucher sich einloggen können, und am Schlossplatz erleuchten thermoelektrische Teelicht-Lampen eine düstere Unterführung.

Baghramian, Nairy (5) (*1971 Isfahan, Iran) setzt ihre Skulpturen und Installationen in Beziehung zum direkten Umfeld: Mit dem Erbdrostenhof wählt sie einen Ort, der 1987 von Richard Serra und 2007 von Andreas Siekmann bespielt wurde, und besetzt ihn 2017 mit einer weiblichen Position. Zwei ihrer drei kreisförmigen Bronzeskulpturen belässt sie in transportgerecht gestapelten Einzelteilen, sodass der zukünftige Moment des Abbaus und möglichen Weiterverkaufs nach Ausstellungsende bereits in der Gegenwart präsent ist.

Skulptur Projekte
Künstler, Werke, Kuratoren: Das Wichtigste über die Skulptur Projekte Münster und alle Artikel rund um das Thema im Überblick, dazu Reise- und Restaurantipps und eine Karte zum Ausdrucken
Künstler und Spielorte in Münster

Hauptspielort: Das LWL-Landesmuseum für Kunst und Kultur

Bonin, Cosima von (1) (*1962 Mombasa, Kenia) ist vor allem für abgründig witzige Stoffskulpturen aus dem Tierreich bekannt. Für die Skulptur-Projekte hat sie sich eine bereits vorhandene Bronzeskulptur des berühmten englischen Bildhauers Henry Moore ausgesucht, die sie von ihrer permanenten Position am LWL-Museum reißt und auf einen Tieflader verfrachtet. Das Kunstwerk im Transportzustand, zu dem Bronze und Tieflader gehören, wird während der gesamten Ausstellungsdauer vor dem LWL-Museum parken.

Bunte, Andreas (28) (*1970 Mettmann) dreht Filme, bei denen er im Unklaren lässt, ob sie Fiktion oder Dokumentation sind. In Münster bietet er den Besuchern an diversen Orten Filmsequenzen an, die mittels QR-Codes über das eigene Handy abgerufen werden können. So macht er unser Lieblingsalltagsobjekt, das Handy, zum Monitor einer Videoarbeit.

Byrne, Gerard (*1969 Dublin) Ob die Arbeit des Sound- und Medienkünstlers zustande kommt, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

CAMP (7) Die unsichtbaren Strukturen der globalisierten Welt beschäftigen Shaina Anand (*1975 Mumbai, Indien) und Ashok Sukumaran (*1974 Hokkaido, Japan). In Münster spannen sie metaphorisch Schnüre im Innenhof des Theaters und verbinden so die im zerstörten Zustand belassene Kriegsruine des Homberger Hofs mit dem futuristischen Wiederaufbau-Glasbau des Theaters.

Dean, Michael (1) (*1977 Newcastle upon Tyne, England) entwickelt seine bildhauerischen Arbeiten ausgehend vom geschriebenen Wort. Im Lichthof des Museumsaltbaus verändert er die Bedeutung profaner Objekte des Straßenraums – wie Schilder, Laternen, Mülleimer – durch eine neue Kontextualisierung im Museumsraum.

Deller, Jeremy (26) (*1966 London) vollendet ein Projekt, das er 2007 gestartet hat. Für "Speak To The Earth And It Will Tell You" hatte er Bücher in Kleingartenvereinen verteilt und die Gärtner gebeten, Tagebuch über die Veränderungen in ihrem Garten zu führen. Nun werden diese über zehn Jahre geführten Ergebnisse aus ihrer privaten Sphäre gelöst und in die Öffentlichkeit geholt.

Künstler und Spielorte in Münster

Nicole Eisenman bei der Arbeit an Figuren für ihren Skulptur-Projekte-Brunnen, November 2016

Eisenman, Nicole (23)  (*1965 Verdun) ist als Malerin bekannt, deren Bilder oft mit einer eigenartigen sexuellen Unbeholfenheit aufgeladen sind. Für Münster konzipiert sie einen Brunnen, dessen Figuren nicht Anmut und Grazie ausstrahlen (wie beim klassischen Zierbrunnen üblich), sondern tollpatschiges Antiheldentum.

Erkmen, Ayse (15) (*1949 Istanbul) ließ 1997 Figuren aus dem Landesmuseum per Hubschrauber über den Domplatz fliegen. Eigentlich hatte sie sich mit dem Dom auseinandersetzen wollen, aber all ihre Vorschläge waren abgelehnt worden. 20 Jahre später verlegt Erkmen ihre Arbeit ins Wasser: Knapp unter der Oberfläche des Stadthafenbeckens wird ein Steg angebracht, über den Besucher von einem Ufer zum anderen gehen können.

Favaretto, Lara (14 + 30) (*1973 Treviso) wurde 2012 mit einem nachgebauten Schrottberg auf der documenta bekannt. Bei den Skulptur-Projekten stellt sie in Münster und in Marl zwei identische Steinblöcke auf, die mit Denkmälern in ihrer Umgebung in Beziehung treten. 

Fridfinnsson, Hreinn (13) (*1943 Bær í Dölum, Island) setzt sein House Project fort, das 1974 in isländischer Wildnis mit einem Häuschen begonnen hat, bei dem Innenmerkmale (Tapeten, Bilderrahmen) außen aufgebracht waren, und worauf verschiedene Häuser folgten. Nun zeigt er im Sternbusch-Park ein auf seine Konturlinien reduziertes Hausskelett, das weniger Schutz als Denkanstöße liefert.

Gerdes, Ludger (17) (*1954 Lastrup, † 2008 Dülmen) Seine Neonschriftarbeit Angst (1989) aus der Sammlung des Skulpturenmuseums Glaskasten Marl prangt leihweise am Aegidiimarkt.

Gintersdorfer, Monika ( (*1967 Lima) und Klaßen, Knut (25) (*1967 Münster) bespielen während der gesamten Dauer der skulptur-projekte das Theater im Pumpenhaus, wo sie mit ihrer internationalen Company Performances proben und aufführen. Im Fokus steht japanisches Kabuki-Theater.

Huyghe, Pierre (27) (*1962 Paris) verwandelt die kurz vor dem Abriss stehende Eissporthalle in eine neue begehbare Sphäre, die wahrscheinlich von Kleinstorganismen bewohnt werden wird. Die Installation ist für die Besucher frei begehbar und erfahrbar.

Knight, John (1) (*1945 Los Angeles) bezieht sich in seinen skulptural-konzeptuellen Arbeiten immer auf einen bestimmten Ort. Im Falle der Skulptur-Projekte hat er sich den Neubau des LWL-Museums ausgesucht, an dessen spitzestem Winkel er die überdimensionale Nachbildung einer handelsüblichen Wasserwaage senkrecht anbringt.

Le Roy, Xavier  (*1963 Juvisy-sur-Orge, Frankreich) mit Yu, Scarlet (29) (*1978 Hongkong) streben die direkte Kommunikation mit dem Publikum an. Dafür veranstalten sie Workshops, in denen man seine Beziehung zu einem Werk in Bewegung umsetzen kann. Im nächsten Schritt wenden sich die Teilnehmer an Passanten, führen ihre Skulptur vor und tauschen sich dann mit den Betrachtern über das Erlebte aus.

Matherly, Justin (21) (*1972 New York) setzt Betonskulpturen (gern von Tierköpfen) auf Krücken und andere Gehhilfen und bricht damit ihre brutale Monumentalität auf subversive Weise. Für Münster bildet er den im Oberengadin beheimateten Nietzsche-Felsen nach und stellt ihn als Skulptur in der Nähe des Hauptbahnhofs aus – auf Krücken.

Odzuck, Christian (20) (*1978 Halle) lässt Stellen im Stadtraum durch seinen künstlerischen Eingriff zu Kunstorten werden. Hier hat er sich die Baustelle der halb abgerissenen Oberfinanzdirektion ausgesucht, wo er aus noch bestehenden Elementen wie einer Treppe und einer Laterne etwas Neues macht.

Ogboh, Emeka (18) (*1977 Enugu, Nigeria) ist einer der wenigen Soundkünstler, die an den 5. Skulptur-Projekten teilnehmen. Am Hauptbahnhof beschallt er den Hamburger Tunnel mit einer Mischung aus Stadtgeräuschen, Domchorälen und Soundscapes des New Yorker Experimental-Musikers Moondog (1916–1999), der lange in Münster gelebt hat.

Peles Empire mit Wolff, Barbara (3) (*1980 Fogarasch, Rumänien) und Stöver, Katharina (2) (*1982 Gießen) haben sich nach dem Schloss Peles in den rumänischen Karpaten benannt. In Münster setzt sich das Duo mit dem Wiederaufbau der Altstadt nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander, indem es historisch rekonstruierte Altstadt-Fassaden digital mit Zeichnungen und Bauskizzen der originalen Fassaden mischt. Diese Quintessenzen werden, großformatig ausgedruckt, an Ort und Stelle in der Altstadt gezeigt.

Künstler und Spielorte in Münster

Alexandra Pirici

Pirici, Alexandra (24) (*1982 Bukarest) setzt sich in ihren performativen Arbeiten mit der historischen Aufladung von Orten auseinander. Piricis Ort in Münster ist der Friedenssaal des Rathauses, in dem 1648 der Westfälische Friede geschlossen wurde, der auch als eine Grundlage des modernen Völkerrechts gilt. An diesem historisch aufgeladenen Ort performen Tänzer Bilder, Melodien und Ereignisse unserer politischen Realität und fungieren als lebendige Suchmaschinen, die Besucher quasi wie Google interaktiv benutzen können.

Rottenberg, Mika (24) (*1976 Buenos Aires) beschäftigt sich in ihren Video-arbeiten mit Produktionsprozessen. Mal lässt sie Frauen aus ihrem langen Haar Milch melken (Cheese, 2007) oder Bodybuilder-Schweiß zu Erfrischungstüchern verarbeiten (Tropical Breeze, 2004). In Münster thematisiert sie die globalen kapitalistischen Strukturen, indem sie einen Laden für chinesisches Billigspielzeug einrichtet, in dem sie eine Videoarbeit zeigt, die in einer zwischen USA und Mexiko gelegenen Grenzstadt spielt, in der viele chinesische Immigranten leben.

Ruthenbeck, Reiner (34) (*1937 Velbert, † 2016 Ratingen) Reenactment im Skulpturenpark von Marl seiner Performance Begegnung Schwarz/Weiss, Aktion (1997), bei der ein weißes und ein schwarzes Pferd mit Reitern auf einem Ritt um die Promenade in entgegengesetzter Richtung sich immer wieder begegneten.

Sany (35) (Samuel Nyholm, *1973 Lund, Schweden) ehrt das Basismedium des deutschen Werkunterrichts: die Laubsägearbeit. In Marl wird er an verschiedenen Standorten aus Sperrholz gesägte Comicfiguren – Tings – aufstellen.

Schneider, Gregor (1) (*1969 Rheydt) gelingt es, mit installativen Arbeiten bedrückende, klaustrophobische Zustände hervorzurufen, wie bei seinem Langzeitprojekt Haus Ur, einem Gebäude in Rheydt, das er seit 1985 kontinuierlich verschachtelt und zu einem gänzlich surrealen Ort gemacht hat. Für den Zeitraum der Skulptur-Projekte richtet er im LWL-Museum eine Wohnung mit mehreren Zimmern und separatem Eingang ein, um unsere Vorstellung von öffentlichem und privatem Raum zu hinterfragen.

Schütte, Thomas (32) (*1954 Oldenburg) ist 2017 zum vierten Mal dabei. Damit toppt er sogar seine dreimalige Teilnahme an der documenta (1987, 1992, 1997). Nach einer Kirschensäule auf dem Harsewinkelplatz, die Münster 1987 ankaufte, den Skulpturen "Große Geister" (1997) und einem Glassturz über einem öffentlichen Brunnen (auch Harsewinkelplatz, 2007) wird Schütte 2017 in Marl eine Melonensäule errichten.

Schultz, Nora (1) (*1975 Frankfurt/Main) wählt das Foyer des LWL-Museums als Ort für ihre Video- und Sound- sowie installativen Interventionen. Sie hinterfragt die Bedeutung des Museums als öffentliche Sphäre, indem sie die übliche Atmosphäre manipuliert: Der Boden ist mit einem geräuschdämpfenden Filz auslegt, die Oberlichtfenster sind abgehängt. Dazu laufen Drohnenvideos, unterlegt mit dem surrenden Sound des Drohnenflugs. 

Künstler und Spielorte in Münster

Michael Smith

Smith, Michael (16) (*1951 Chicago) setzt sich damit auseinander, dass Münster bei gut situierten Rentnern als Reiseziel sehr beliebt ist. Ihren Wagemut fordert Smith heraus mit einem Tattoo-Studio, das auf die Bedürfnisse von Über-60-Jährigen spezialisiert ist. Smith schlüpft in seinen sozialkritischen, performativen Arbeiten oft in Rollen, die sich mit Klischees befassen, die Vertretern bestimmter Gesellschaftsschichten anhaften.

Steyerl, Hito (8) (*1966 München) Ihr letzter Auftritt war im deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale 2015, wo sie die Videoarbeit Factory of the Sun zeigte. In Münster im Foyer der Landesbausparkasse West zeigt sie Filme, in denen Roboter von Menschen getriezt werden. Damit spielt sie darauf an, dass sich am Ort der LBS früher ein Teil des Zoos befand. Ihr evolutionäres Motto: Die Roboter von heute sind die Dinosaurier von morgen.

Tanaka, Koki (4) (*1975 Tochigi) veranstaltete im Oktober 2016 Workshops zum Thema How to Live Together. Dabei wurden die Teilnehmer zu Akteuren, die eigene Ideen einbrachten. Das Ergebnis dieses multiplen Erfahrungsprozesses zeigt Tanaka im Aegidiimarkt-Areal, wo sich einstmals ein Kloster, später eine Kaserne und ein Parkplatz befanden. Nun steht dort ein Wohn-, Büro- und Geschäftszentrum, in dem auch die Volkshochschule untergebracht ist.

Tuazon, Oscar (19) (*1975 Seattle) bewegt sich im Grenzbereich von Skulptur und Architektur. In Köln baute er 2014 Teile seines Privathauses 1:1 im Museum Ludwig nach. In Münster bereichert er eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Beton-Kamin, an dem Menschen grillen, feiern und sich wärmen können.

Tuerlinckx, Joëlle (31) (*1958 Brüssel) zieht in Marl eine weiße Linie vom Skulpturenmuseum Glaskasten Marl bis zu einer etwa 200 Meter entfernt liegenden Schule, welche die neue Heimat des Museums werden könnte, weil es vielleicht umziehen muss.

Wagner, Bárbara (6) (*1980 Brasilia) und de Burca, Benjamin (*1975 München) haben den Kitsch im Fokus und die Codes, die soziale Gruppen einen. In der Münsteraner Elephant Lounge – einer Disko, die älter ist als die Skulptur-Projekte – zeigen sie Musikvideos zu eigens komponierten Schlagern, deren Texte sich aber nicht um Genretypisches wie Liebe oder Sehnsucht drehen, sondern um politisch hochbrisante Themen.

Wyn Evans, Cerith (12) (*1958 Llanelli, Wales) greift nur minimal ein – darin liegt die subtile Kraft seiner Arbeiten. Durch Kühlung verändert er die Tonlage der Glocke der St. Stephanus-Kirche und sendet so andere Schallwellen durch die Stadt, als die Münsteraner gewohnt sind.

Youmbi, Hervé (10) (*1973 Bangui, Zentralafrika), einen der bekanntesten Künstler Kameruns, interessiert die Wechselwirkung zwischen afrikanischer und westlicher Kultur. Auf dem stillgelegten Überwasserfriedhof platziert er in seiner Heimat traditionell hergestellte Masken und setzt sie in Beziehung zu den noch vorhandenen Grabsteinen und Kreuzen.

Münster macht Spaß!
Sind echt schon wieder zehn Jahre um?! Die Skulptur-Projekte finden seit 1977 bereits zum fünften Mal statt – und sie werden immer besser. Hier finden Sie die Künstlerliste mit allen Spielorten plus ein paar Tipps für einen rundum gelungenen Münster-Besuch.