Wu Tsang in Münster

Knoten, Spiegel und ein Pas de deux

Der Countdown für die Skulptur Projekte in Münster läuft. Grund genug für die Kunsthäuser der Stadt, dem nahenden Dezennium-Event mit eigenen Ausstellungen Konkurrenz zu machen. Die Kunsthalle meistert die Herausforderung mit einer Einzelschau von Wu Tsang. Ein Glücksfall.
Knoten, Spiegel und ein Pas de deux

Wu Tsang: "We hold where study", 2017, 2-Channel Video (Production Still)

Wer jetzt schon aufmerksam durch Münster flaniert, kann die wundersame Vermehrung von Handwerkern, Technikern, Künstlern und Kuratoren nicht übersehen. Asia-Shops bekommen den letzten Kunstort-Schliff, in Parks tauchen aus dem Nichts Brunnen auf. Am Hafenbecken sind die Bagger und ein Kran bereits abgezogen. Zwei Männer stecken scheinbar an der Wasseroberfläche fest.

Sie schieben Einzelteile aus Gitterrost hin und her. Der Steg, den sie hier im Auftrag der Künstlerin Ayse Erkmen auf versenkten Containern montieren, ist kaum wahrzunehmen. Die Überquerung, das eigentliche Ziel der Intervention, dürfte eine nasse Angelegenheit werden.

Zum anderen Ufer strebt nebenan auch die inzwischen in Berlin lebende Wu Tsang. Bekannt geworden ist die Amerikanerin chinesischer Abstammung mit Filmen, die festgelegte Rollenbilder hinterfragen. Die eine Identität gibt es in ihrem künstlerischen Universum nicht. Die Kunsthalle richtet der 1982 geborenen Performerin, Bildhauerin, Filmemacherin und Transgender-Aktivistin ihre erste Solo-Ausstellung in Deutschland aus. Und die sollte man sich nach dem absolvierten Genezareth-Gang nicht entgehen lassen.

Das textile Labyrinth genießen

Einzelne filmische Werke ihres bisherigen Oeuvres waren bereits in der Julia Stoschek Collection oder auf der letzten Berlin Biennale zu sehen. Die biographisch geprägten Schauplätze der zwischen Dokumentation und Fiktion oszillierenden Narrationen konnten nicht unterschiedlicher sein: vom alten China in dem Video "Duilian" etwa bis zu "Wildness", das von einem lateinamerikanischen Transgender-Club in Los Angeles handelt.

Skulptur Projekte
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In Münster sind die Orte weit unspezifischer. "Devotional Document", so der Titel der kleinen aber feinen Schau, besteht aus fünf Arbeiten. Sie können auf einem Teppich erschritten, auf Kissen erlegen oder in Eigenregie betastet werden. Wu Tsang überrascht, neben partiturhaften Druckgrafiken, am meisten mit der raumgreifenden Skulptur "Gravitation Feel" von 2016. Einen inneren Bilderfluss muss hier jeder Betrachter selbst erzeugen. Oder schlicht das textile Labyrinth genießen. Die von der Decke hängenden, geflochtenen bunten Bänder sind als Einladung zu verstehen, haptisch den Code zu entschlüsseln, der hier entlang von Knoten eingebaut ist. Wu Tsang ließ sich für ihre Neuinterpretation von der Knotensprache "Quipu" der südamerikanischen Urbevölkerung inspirieren, die seit der Eroberung durch die Spanier verschwunden ist.

Einer der engsten Mitarbeiter von Wu Tsang ist Fred Morten. Der Dichter und Professor für Englisch an der University of California in Riverside ist spezialisiert auf die Entwicklung von emanzipatorischen Genderkonzepten. Seine Gedanken über das Recht auf Selbstbestimmung des Einzelnen sind in die meisten der in Münster gezeigten multimedialen Werke eingeflossen. In dem Video "Girl Talk" tritt er persönlich auf. Morten trägt ein vage feminines Priesterinnenkleid, ist extravagant geschmückt und schlüpft lippensynchron zu dem Jazzsong "Girl Talk" in die Rolle eines beseelt tanzenden Sängers, der seine Drag-Identität thematisiert.

Kunst, Politik und die Liebe

Das 2-Kanal-Video "Miss Communication and Mr:Re" versammelt wiederum Nachrichten, die sich Morten und Wu Tsang über eine Dauer von zwei Wochen auf dem Anrufbeantworter hinterlassen haben. Zwei rahmenlose Monitore zeigen die beinahe unbewegten Gesichter des Duos, ihre Monologe über Kunst, Politik und die Liebe hört man auf Kopfhörern. Leider eine etwas spröde Anordnung, die reichlich Konzentration für die umständliche Konversation erfordert.

Münster
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Am beeindruckendsten ist die neueste 2-Kanal-Projektion "We hold where study" von 2017. Sie erwischt den Betrachter mit einer visuellen und auditiven Wucht, der man sich kaum entziehen kann. Auf einer Großleinwand laufen simultan zwei Erzählstränge. Sie greifen immer wieder wie in einem langsam gleitenden Osmose-Vorgang ineinander. Ein perfekt choreografierter, emotionaler Pas de deux in einem leeren Tanzraum trifft auf eine lose Darstellergruppe auf einer grünen Wiese mitten in Los Angeles. Am Himmel wechselt das Farbkleid der vergehenden Zeit. Kniehohe Spiegel begrenzen vergeblich das weite Terrain. Die Spiegelungen multiplizieren das tänzerische Geschehen scheinbar in eine benachbarte Dimension. Diese Menschen, sogar die beteiligten Kinder, die direkt vor der Kamera unterschiedliche Stimmungslagen vorspielen, besitzen viele verschachtelte Ichs. Mittendrin triumphiert die Performerin Boychild dank ihrer umwerfend androgynen Präsenz. Auf ihrem Gesicht fließen geschminkte Tränen. Die Augen erzählen herzzerreißende Geschichten.   

Sämtliche Paarkonstellationen sind von Anziehung, Hoffnung, Zurückweichen, Dominanzstreben und letztlich enttäuschten Annäherungen bestimmt. Ein Kampf der eindeutigen und uneindeutigen Geschlechter, getragen von ausdrucksstarken Körpern und der soghaften Musik von Sound-Tüftler Bendik Giske. Und nach diesem zwischenmenschlichem Pulstraining ist der Rückweg übers Wasser ein Klacks.