Künstlerporträt Anita Rée

Zwischen Glück und Verzweiflung

Mit ihren Darstellungen einer ins Magische übersteigerten Realität gilt Anita Rée in den zwanziger Jahren als gefragte Malerin. Nachdem ihr Leben ein dramatisches Ende nimmt, gerät ihr Werk lange in Vergessenheit. Erst spät entdeckt man sie als wichtige Pionierin der Moderne wieder.
Zwischen Glück und Verzweiflung

Anita Rée: "Halbakt vor Feigenkaktus (Selbstbildnis)", 1922-1925, Öl auf Leinwand, 66 x 53,3 cm, Hamburger Kunsthalle

Versunken, mit halb geschlossenen Augen umfasst eine Frau ihre Brüste, die saftig grünen Blätter der Kakteenpflanze hinter ihr beugen sich unter schweren, roten Früchten. Alles in diesem Bild scheint satt zu sein: die warmen Farben und runden Formen, die Natur, die Lust, das Leben. Die Frau auf dem Bild ist Anita Rée, die mit ihrem erotischen Selbstporträt “Halbakt vor Feigenkaktus“ eine Momentaufnahme der wohl unbeschwertesten Zeit ihres Lebens schafft.

Ganze drei Jahre, von 1922 bis 1925, verbringt die Künstlerin in Positano, einem verschlafenen Fischerdorf an der italienischen Amalfiküste, genießt das mediterrane Klima und das südländische Treiben. Sie lebt sehr bescheiden mit Wasser aus dem Brunnen, einfachen Mahlzeiten und ohne elektrisches Licht. Doch die Bilder, die in dieser Zeit entstehen, sind im Gegensatz zu ihrer Lebensweise alles andere als dürftig. Vielmehr markieren sie den künstlerischen Höhepunkt der damals fast 40-jährigen Malerin, hier findet sie vollends zu ihrer eigenen, unverwechselbaren Bildsprache.

Glückliche Jahre in Positano

Inspiriert durch etliche Reisen in die Kulturhochburgen Italiens greift Anita Rée von nun an Bildprogramme der Renaissancemalerei auf. Mit einer altmeisterlichen Präzision malt sie geometrisch aufgebaute Schluchten und Bergdörfer, von weißen Bäumen durchwachsene Landschaften, geheimnisvolle Gärten, rätselhafte Mädchenporträts – wie das der kleinen “Teresina“, das Gustav Pauli, Direktor der Hamburger Kunsthalle und ein beherzter Förderer von junger Kunst, für seine Sammlung erwirbt. Ihren eigentlich realistischen Bildern wohnt jetzt eine Magie inne, eine fast unheimliche Stille. Nichts lässt auf die Befindlichkeit ihrer Schöpferin schließen. Die größte Inspiration in Italien findet die hochgewachsene, dunkelhaarige Frau schließlich in ihrer kurzen und intensiven Liaison zu dem Maler und Buchhändler Christian Selle, der für einige Zeit bei ihr lebt. Dies soll die einzige, wirklich glückliche Beziehung ihres Liebeslebens bleiben.

Zwischen Glück und Verzweiflung

Anita Rées "Teresina", 1925, Öl auf Leinwand, 80,5 x 60 cm, Hamburger Kunsthalle

Die Hamburgerin Anita Rée

Anita Rée wird 1885 als Tochter eines wohlhabenden jüdischen Kaufmannes und seiner aus Venezuela stammenden Frau geboren. Als Sprössling aus gutbürgerlichem Hause genießt sie eine vorbildliche Erziehung und lernt alle Fähigkeiten, die sich für Töchter des gehobenen Bürgertums gehören – vom Klavier spielen und Französisch sprechen bis hin zum Sticken und Aquarellieren. Das begabte Mädchen merkt bald, dass die Malerei mehr für sie ist, als reine Freizeitbeschäftigung und hegt den Wunsch, Künstlerin zu werden. Ihre Eltern sind alles andere als begeistert und hoffen, das sich Anitas künstlerische Ambitionen mit der Zeit wieder legen werden – allerspätestens wenn ein Mann in ihr Leben tritt. Frauen gehören, so die damals gängige Meinung, schließlich an den Herd und nicht vor die Staffelei. Noch bis in die zwanziger Jahre wird es allein Männern vorbehalten sein, an Kunstakademien zu studieren.

Anita, die Eigensinnige, setzt jedoch ihren Willen durch und nimmt zunächst Malunterricht bei Arthur Siebelist, der seine Schüler ganz in impressionistischer Manier im Freien unterrichtet. Als dann auch noch der große Max Liebermann aus Berlin der nun 21-Jährigen ihre außergewöhnliche Begabung bestätigt, sind auch die anfänglichen Bedenken ihrer Familie zerstreut. Sie richtet sich unter dem elterlichen Dach ein Atelier ein und malt zunächst lieber im Verborgenen. Denn obwohl Anita so früh erkennt, welchen Stellenwert die Kunst in ihrem Leben einnimmt, ist sie im Gegensatz zu ihren Freunden und Kritikern zeitlebens von starken Zweifeln hinsichtlich ihres Könnens, ihrer Berufswahl, ihrer Person und ihres Platzes in der Welt geplagt – Selbstzweifel, die sie später das Leben kosten werden.

Von gebrochenem Herzen zum künstlerischen Durchbruch

Die zwei Malerfreunde Friedrich Ahlers-Hestermann und Franz Nölken, die gerade von einem Studienaufenthalt aus Paris wiedergekehrt sind, gründen 1910 eine Ateliergemeinschaft mit Anita und holen sie mit ihrem freigeistigen, von der französischen Kulturmetropole inspirierten Elan aus ihrer künstlerischen Isolation. Vor allem die enge Zusammenarbeit mit Nölken macht der jungen Malerin große Freude. Sie verliebt sich in den stets heiteren, immer etwas unnahbar wirkenden Freund und träumt davon, ein gesellschaftlich angesehenes Leben mit ihm zu führen. Ihre Liebe kann und will der freiheitsliebende Nölken nicht erwidern, zu sehr fühlt er sich von ihrer bedingungslosen Hingabe in die Enge getrieben. Die Ateliergemeinschaft zerbricht daran – wie auch Anitas Seele, die sich nur schwer von dieser herben Enttäuschung erholt. Sie verliert nie wieder ein Wort über ihn.

Berufswunsch Malerin
Eine kurze Biografie erzählt das unstete Leben der erfolgreichen Hamburger Avantgarde-Künstlerin Anita Rée (1885 bis 1933), die zu Unrecht in Vergessenheit geriet

Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris, wo sie die Kunst von Cézanne, Matisse und Derain kennenlernt und mit der kubistischen Malerei in Berührung kommt, arbeitet sie zurück in Hamburg wieder allein in ihrem Atelier. Mit wachsendem künstlerischen Selbstbewusstsein setzt sie ihre neuen Eindrücke eifrig um: Ihre kubistisch aufgebauten Porträts wirken streng kalkuliert und kompromisslos reduziert. Längst ist die exotische Norddeutsche mit den venezolanischen Wurzeln zu einer gefragten Porträtistin der Hamburger Gesellschaft aufgestiegen, verkehrt als gern gesehener Gast und Teil der Elite in den Salons der Warburgs, Dehmels und Melchiors. 1919 gehört sie neben Friedrich Ahlers-Hestermann zu den 33 Gründungsmitgliedern der Hamburgischen Sezession, stellt ihre Arbeiten bei namhaften Galerien und Kunsthäusern aus. Sie ist beliebt und erfolgreich in jenen Jahren, das heißt erfolgreich für die politisch und materiell schwierige Lage, in der sich die deutsche Bevölkerung nach dem Krieg noch immer befindet.

Im Inneren der Wankelmütigen spielt sich jedoch ein anderes Szenario ab. Sie leidet unter existenziellen Ängsten, fürchtet, dass ihre finanziellen Rücklagen nicht ausreichen, wird zunehmend geiziger. Zudem bleibt sie alleinstehend und klagt über Einsamkeit, ist aber gleichzeitig überaus anspruchsvoll was Männer, Freunde und Familie angeht. Immer größer wird die Ambivalenz zwischen maßlosen Selbstzweifeln und den übergroßen Ansprüchen an ihre Mitmenschen. Eine nicht zu stillende Rastlosigkeit und Unzufriedenheit treiben die Künstlerin schließlich weg aus Hamburg ins schon erwähnte italienische Positano, wo sie, wenigstens für einige Jahre, zu innerem Frieden und zu ihrem markanten künstlerischen Ausdruck findet.

Zwischen Glück und Verzweiflung

Anita Rée: "Bildnis Gustav Pauli", undatiert, Öl auf Leinwand, 71 x 60 cm, Kunsthalle Bremen

Das Leben einer Nomadin

Der drohende Verkauf ihres Elternhauses bewegt Anita 1925 schließlich dazu, Italien zu verlassen und in ihre Heimat zurückzukehren. Sie will verhindern, dass der einzige konstante Anker in ihrem Leben verloren geht. Sie scheitert jedoch in ihrem Bemühen und lebt von nun an nomadisch und ohne eigenes Atelier, zieht für die Dauer ihrer Aufträge bei den jeweiligen Auftraggebern ein.

Mit ihren aus dem Ausland mitgebrachten Gemälden stößt sie auf uneingeschränkte Begeisterung an der Elbe, überzeugt durch ihre präzise, neusachliche Malweise und ihre Anlehnung an die Meister der Renaissance. “Weitum im Lande sind die Kenner darin einig, daß in Anita Rée vielleicht die bedeutendste lebende Malerin zu ehren ist – jedenfalls nenne man erst die bedeutendere“, schreibt ein zeitgenössischer Kritiker. Etliche Leute aus gehobenen Kreisen lassen sich von der so talentierten, aber etwas ungewöhnlichen und kapriziösen Dame porträtieren, wenngleich ihr sezierender Blick schonungslos ist. So schonungslos, dass Gustav Paulis Frau Magdalena ihr wohl nicht gerade schmeichelhaftes Porträt vor lauter Entsetzen in der Alster versenkt.

Isolation auf Sylt

Zu Beginn der dreißiger Jahre fühlt sich Anita zunehmend fehl am Platz. Das politische und gesellschaftliche Klima in Deutschland wird ihr immer unerträglicher. Nationalsozialistische Diffamierungen häufen sich, die Künstlerin muss erfahren, was es jetzt bedeutet, jüdisch zu sein. Sie ist zwar noch nicht unmittelbar von Verfolgung bedroht, doch hetzt die Presse gegen Künstlerkollegen. Darüber hinaus sind zwei große Aufträge für Wandgemälde in Hamburger Schulen und einer für ein Triptychon in einer Kirche mit immenser Anstrengung und etlichen Streitereien verbunden.

Zwischen Glück und Verzweiflung

Anita Rées "Selbstbildnis", um 1930, Öl auf Leinwand, Kunsthalle Hamburg

All das raubt der ohnehin schon physisch und psychisch Labilen die letzten Kräfte. In einem Zustand der Entfremdung und Leere verlässt sie abermals die Stadt und zieht sich nach Sylt zurück, wo sie eine kleine, unbeheizte Dachkammer einer Pension bewohnt und sich mit kunstgewerblichen Aufträgen über Wasser hält.

Nachdenklich, mit verlorenem, hoffnungslosem Blick fasst sich eine Frau mit ihrer rechten Hand an die fahle Wange. Mit dem linken Arm verdeckt sie ihren nackten, hageren Oberkörper, die Schultern hängen mutlos nach unten. Alles in diesem Bild scheint leer zu sein, freudlos und blass. Die Frau auf dem Bild ist Anita Rée, die sich am 12. Dezember 1933 das Leben nimmt.

Kurzbiographie

  • geboren am 9. Februar 1885 in Hamburg
  • ab 1905: Malunterricht beim Hamburger Künstler Arthur Siebelist
  • 1910: Ateliergemeinschaft mit Friedrich Ahlers-Hestermann und Franz Nölken
  • 1912: Studienreise nach Paris
  • 1919: Mitbegründerin der Hamburger Sezession
  • 1922 - 1925: Aufenthalt in Positano, wo Werke wie "Teresina" und "Weiße Bäume" entstehen
  • 1925: Rückkehr nach Hamburg
  • 1929 - 1931: Wandbild "Die Klugen und die Törichten Jungfrauen" und "Orpheus und die Tiere", Triptychon für St. Ansgar Kirche in Hamburg-Langenhorn
  • 1932: Rückzug nach Sylt
  • gestorben am 12. Dezember 1933 in Kampen/Sylt
  • Ein Grabstein auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf erinnert an die Künstlerin

Anita Rée in der Hamburger Kunsthalle

Die erste umfassende Museumsausstellung zum Werk der Hamburger Malerin wird vom 6.10.2017 bis 4.2.2018 in der Hamburger Kunsthalle stattfinden. Mit rund 150 Arbeiten aus allen Schaffensphasen – Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und kunsthandwerklichen Arbeiten – wirft die Retrospektive Licht auf ihr facettenreiches Œuvre.
 

Publikationen:

  • Annegret Erhard: "Anita Rée: Der Zeit voraus. Eine Hamburger Künstlerin der 20er Jahre"
  • Maike Bruhns: "Anita Ree. Leben und Werk einer Hamburger Malerin 1885 - 1933"