Kunstsommer startet im Ruhrgebiet

Kassel? Münster? Marl!

Der große Kunstsommer in Deutschland beginnt, und zwar nicht in Kassel oder Münster, sondern in Marl. Noch vor dem Start der documenta und der Skulptur Projekte wird ein "heißer Draht" ins Ruhrgebiet gelegt. Ein Kontrapunkt zur schönen Kunstwelt.
Kassel? Münster? Marl!

Marler Rathaus mit Ludger Gerdes, Angst, 1987

Nur alle zehn Jahre gibt es diesen "Supersommer" in der Kunst - dann treffen in Deutschland die documenta und die Skulptur Projekte Münster aufeinander, während zeitgleich die Biennale in Venedig läuft. Was Deutschland betrifft, so steht am Anfang des Kunstparcours in diesem Jahr allerdings Marl. Die etwas heruntergekommene Stadt im nördlichen Ruhrgebiet mit ihrer 60er-Jahre-Betonarchitektur, den geschlossenen Zechen und hoher Arbeitslosigkeit ist erstmals Kooperationspartner der international renommierten Skulptur Projekte.

Während die im Zehn-Jahres-Turnus laufenden Skulptur Projekte selbstbewusst am 10. Juni zeitgleich mit der documenta Kassel eröffnen, setzt der kleine Ableger in Marl bereits von Sonntag an einen deutlichen Kontrapunkt zu den großen Kunst-Events.

Schon architektonisch ist Marl mit seinen auf Betonklötzen stehenden angegrauten Rathaustürmen der Gegensatz zum nach dem Krieg liebevoll wiederaufgebauten Butzenscheiben-Münster. Das einst reiche Marl aber war in den 70er Jahren ein Hot Spot der internationalen Bildhauer-Kunst. Mehr als 100 Skulpturen berühmter Künstler von Rodin bis Richard Serra wurden angekauft und beleben bis heute die verwahrlosten Plätze. "Marl war zu dem Zeitpunkt deutlich weiter als Münster", sagt der Leiter des Skulpturenmuseum Glaskasten, Georg Elben.

Während die große Freiluftausstellung in Münster experimentelle Performances und Installationen im großen Stil umfasst, besinnt sich Marl mit "The Hot Wire" auf die Geschichte. So tauschen Skulpturen aus Münster und Marl zeitweise den Platz. Thomas Schütte hat für Marl ein Zwillingsobjekt zu seiner Münsteraner Kirschensäule von 1987 geschaffen: Die "Melonensäule" steht nun wie einst geplant auf einem Parkplatz. Das Skulpturenmuseum zeigt Modelle aus dem Archiv der Skulptur Projekte.

Reiner Ruthenbecks 1997 in Münster gezeigte Pferde-Performance mit einem Schimmel und einem Rappen erlebt in Marl eine reale Wiederaufführung. Jeden Morgen um 10 Uhr wird außerdem eine Kreidelinie vom Glaskasten zu einem verlassenen Schulgebäude gezogen, in dem Videoarbeiten zu sehen sind.

Bürgermeister Werner Arndt hofft, dass "ein wenig Glanz von Münster auch auf unser beschauliches Marl fallen wird". Münster kann mit einem Budget von 7,7 Millionen Euro mehr klotzen. Die von Kasper König initiierten Skulptur Projekte sind zwar mit 35 Künstlern viel kleiner als die documenta, aber das Kunstmagazin "art" rechnet damit, dass sie die "Überraschung des Kunstsommers" werden. 

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Performance wird in Münster allerorts boomen. Die Istanbuler Künstlerin Ayse Erkmen lässt Besucher im Binnenhafen wie Jesus über Wasser laufen. Dafür hat sie einen Steg aus versenkten Schiffscontainern knapp unter die Wasseroberfläche gebaut. Michael Smith wird ein Tattoo-Studio für Senioren einrichten.

Die rumänische Künstlerin Alexandra Pirici lässt im Saal des Westfälischen Friedens im Rathaus sechs Performer einen Kollektivkörper formen. Spektakulär dürfte Christian Odzucks Projekt auf der Brachfläche der abgerissenen Oberfinanzdirektion werden. Das Material des abgerissenen Gebäudes hat Odzuck recycelt. Die Argentinierin Mika Rottenberg verwebt Realität und Fiktion, indem sie in einem Asia-Laden einen Filminstallation über den Welthandel mit Billigartikeln aus China zeigt. Der Bremer Künstler Aram Bartholl lädt Besucher ein, ihre Handys am offenen Feuer aufzuladen.

Eines der größten Geheimnisse der Skulptur Projekte birgt der ehemalige Eispalast, in dem der französische Starkünstler Pierre Huyghes seit Wochen am Werk ist. Huyghes arrangiert komplexe Systeme aus verschiedenen Lebensformen. Die ehemalige Schlittschuhbahn will er in eine Hügellandschaft verwandeln und das Gelände von Ameisen, Algen, Bakterien, Bienen und sogar Pfauen bewohnen lassen. Ein Sprecher sagt: "Es wird einfach ganz groß."

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