Ausstellung von Bill Viola in Hamburg

Kreislauf des Lebens

Überwältigend, symbolgewaltig und poetisch: Der US-amerikanische Video-Meister Bill Viola verwandelt den Ausstellungssaal der Deichtorhallen in eine moderne Kathedrale.

Der gewaltige Plasmabildschirm zeigt waberndes dunkles Wasser, aus dem allmählich schemenhaft eine helle Gestalt auftaucht. Je weiter sie sich der Oberfläche nähert, umso größer und erkennbarer wird die Figur: Es ist ein nackter junger Mann, der in dem Moment, in dem sein Körper den Wasserspiegel durchbricht, die Augen aufschlägt. Plötzlich sind laut wummernd seine Atemzüge zu hören. Die Hautpartien, die nun aus dem Wasser ragen, färben sich rosig. Kurz schaut er mit wachem Blick ruhig umher. Dann schließt er die Augen wieder, sein Atem stoppt, und er sinkt zurück in die gurgelnde Tiefe, aus der er gekommen ist. 

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Poetisch schön, symbolgewaltig und technisch raffiniert erzählt Bill Violas Video- und Soundinstallation "The Messenger" (1996) vom stetigen Werden und Vergehen, vom Kreislauf des Lebens. Ein zentrales Thema im Werk des US-Amerikaners, der sich eingehend mit christlicher Mythologie,  Zen-Buddhismus und Sufismus aus­einandergesetzt hat. Denn Spiritualität, so predigt der 66-Jährige, sei das "Fundament menschlichen Seins". 

Mystik und Religiosität

Einen passenderen Künstler hätte Dirk Luckow, Intendant der Ham­­burger Deichtorhallen, für seine Ausstellung zum 500. Reformationsjahr kaum finden können: Dank des "übergreifenden Interesses für mystische Traditionen", so schwärmt Luckow, verkörpere das Werk des Video-Meisters zudem förmlich "den Grundgedanken der Ökumene", einen besonders wichtigen Aspekt dieses Jubiläums. Also wurde Bill Viola eingeladen, die 3800 Quadratmeter große Halle für aktuelle Kunst in eine "Kathe­drale des 21. Jahrhunderts" zu verwandeln. 13 bis zu zehn Meter hohe Installationen sind hier in dem abgedunkeltem Saal versammelt: Video-Arbeiten aus den Jahren 1992 bis 2014, die bevorzugt elementare Vorgänge wie Geburt, Schmerz, Sterben, aber auch die Auferstehung der Seele schildern – in überwältigenden Bildern, extrem verlangsamten Bewegungsabläufen, geschickt eingespielten akustischen Signalen und Klängen, weder Kitsch noch Pathos scheuend. 

Neben "The Messenger" und dem berühmten "Nantes Triptych" (1992), in dem der Künstler auf einem der drei Bildschirme seine im Sterben liegende Mutter zeigt, zählt "Martyrs" zu den imposantesten Werken der Hamburger Ausstellung: Die aufwendige, für die Londoner St. Pauls-Kathedrale gefertigte vierteilige Video-Installation führt das Martyrium von drei Männern und einer Frau vor Augen. Rund sieben Minuten lang sind sie der Folter mit Wasser, Feuer, Erde und Luft ausgesetzt. Das spektakuläre Zeitlupen-Leiden soll, so Viola, verstehen helfen, "wer wir auf diesem Planeten sind".

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