Fotografien von Ana Hell

Neue Spezies entdeckt

Ihre skurrilen Kreaturen bereisen die Welt, posieren vor Fotoautomaten und Berliner Technoclubs, fahren U-Bahn oder Skateboard. Die spanische Fotografin Ana Hell bemalt für ihre Fotoserie "Secret Friends" nach vorne gebeugte Rücken mit Gesichtern, setzt ihnen eine Perücke auf und inszeniert die verrenkten Körper dann auf fantasievollste Weisen. Manchmal macht es Spaß, seinen Blickwinkel zu verändern!
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Ana Hell: "Langstraße"

Der menschliche Körper in drei Worten?

Lebendig, Fleisch, Form

Muss man Yoga-Meister sein, um für Sie als Model in Frage zu kommen?

Nein. So lange man sich ohne Schwierigkeiten nach vorne beugen kann, braucht man keine Yoga-Erfahrung.

Wie kamen Sie auf die Idee für Ihre Serie "Secret Friends"?

Den Einfall hatte ich, als ich gerade dabei war, ein Model für ein anderes Shooting zu fotografieren. Als sie sich nach vorne beugte, um sich kurz auszuruhen, schaute ich auf ihren Rücken und sah sofort das Potenzial, daraus eine neue Kreatur zu erschaffen. Ich sagte ihr, sie solle still halten, während ich davon rannte, einen Eyeliner holte und dann zwei Kreise auf ihren Rücken malte. Die ersten Fotos habe ich ohne Perücke gemacht, die Serie aber später mit Kleidung, Perücken und Accessoires weiterentwickelt. Das mit den Eyeliner-Augen habe ich beibehalten – das hat so etwas rohes, cartoonhaftes.

Wer ist auf Ihren Fotos zu sehen?

Ich habe viele verschiedene Menschen als “Secret Friends“ fotografiert. Wenn es schnell gehen soll oder die Posen etwas anspruchsvoller sind, mache ich das Shooting mit mir vertrauten Models. Wenn ich aber in einer neuen Stadt bin, versuche ich immer die Menschen vor Ort zu fotografieren. Die tragen dann meist ihre eigene Kleidung, führen mich in ihrer Heimatstadt herum oder lassen mich die Fotos bei ihnen Zuhause aufnehmen. So entdecke ich Orte, an die ich ohne Insider-Tipps nie gekommen wäre.

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Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Wenn ich “Secret Friends“ in einer neuen Stadt aufnehme, packe ich meine Ausrüstung zusammen, laufe durch die Stadt und suche nach geeigneten Locations. Dann lasse ich mich von dem Ort inspirieren und kreiere einen neuen Charakter. Normalerweise geht das Shooting ziemlich schnell und manchmal kommen währenddessen Leute auf mich zu, die auch für mich posieren wollen. Wenn das passiert, gehen wir mit dem neuen Model zur nächsten Location und machen noch ein Shooting. Die Aufnahmen können innerhalb von wenigen Stunden entstehen oder auch den ganzen Tag lang dauern, je nach Wetter, Model, Umgebung, usw.

Was befindet sich in Ihrem Equipment-Koffer?

Für dieses Projekt habe ich immer meine Kamera mit 35mm-Objektiv, ein Blitzgerät, Ersatzbatterien, Perücken, Eyeliner, Lippenstift, feuchte Tücher und zusätzliche Kleidung, Schuhe und Accessoires dabei.

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Ana Hell: "Langstraße"

Bedeutet Ihre Kunst eher Arbeit oder Spaß?

Das Wort “Arbeit“ hat für mich keine negative Konnotation, da ich selbst dazu neige, ein Workaholic zu sein und eine große Leidenschaft für das Fotografieren habe. Der Spaß-Faktor ist bei “Secret Friends“ sehr hoch, da es mich jedes Mal wieder amüsiert, wie die einzelnen Charaktere ein Eigenleben entwickeln – als ob man ständig dabei zusieht, wie eine neue Kreatur geboren wird. Andere Projekte an denen ich arbeite sind vielleicht nicht ganz so lustig, aber so lange sie eine Herausforderung darstellen und kreativ sind, macht mir meine Arbeit Spaß.

Was gefällt Ihnen am besten an Ihrer Arbeit zu "Secret Friends"? Und was am wenigsten?

Es ist interessant zu sehen wie einfach es ist, Models für meine Fotos zu finden. Da die Leute ihre eigenen Gesichter und damit ihre Identität nicht preisgeben müssen, sind sie eher dazu bereit, sich fotografieren zu lassen. Ich mache die Aufnahmen meist sehr spontan und spreche die Models an Ort und Stelle an – was großartig ist, um eine Stadt und neue Leute kennenzulernen. Da sich meine Arbeit viel in der Öffentlichkeit abspielt, schwirren meist etliche Leute um mich herum und machen Handyfotos – das mag ich wohl am wenigsten.

Und wie reagieren die Menschen sonst auf Ihre Arbeit?

 

Die Menschen reagieren normalerweise mit einem Lächeln, wenn sie mich bei meiner Arbeit sehen. Einige versammeln sich dann um das Shooting herum und denken es sei eine Performance, andere sind wiederum überrascht, wenn sie sehen, dass sich ein “Secret Friend“ bewegt. Die meisten sind aber einfach nur sehr neugierig und stellen mir viele Fragen.

 

Sind die Kreaturen nach den Models benannt? Oder sind sie eigenständige Charaktere?

Nein, ich mag die Idee, dass die Menschen auf den Fotos anonym bleiben. Man muss sich schon genau ansehen, was die abgebildete Person trägt und wo sie sich befindet, um eine genauere Vorstellung davon zu kriegen, wer sie eigentlich ist. Kleidung und Ort spielen eine große Rolle für die Persönlichkeit der Figuren. Aber auch die unterschiedliche Körpersprache eines jeden Menschen verleiht den Kreaturen ihren ganz eigenen Charakter.

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Auch die Fotografin selbst bleibt lieber anonym: Ana Hell inszeniert sich als Puppe mit verdecktem Gesicht

Ihre Spezies ist schon viel herum gekommen. Sind Sie für das Projekt um die Welt gereist oder entstehen die Bilder spontan auf Reisen?

Beides. Manchmal habe ich ganz spontan Fotos für die Serie gemacht, wenn ich gerade für andere Shootings auf Reisen war. Oft bin ich aber auch gezielt in eine Stadt gereist, um einen Dialog zwischen “Secret Friends“ und der jeweiligen Stadt herzustellen.

Hat es “lustige“ Kunst schwerer als Kunst ernst genommen zu werden?

Ja, auf jeden Fall. Mit dieser Serie wurde ich das erste Mal mit diesem Thema konfrontiert, da ich normalerweise keine “lustigen“ Bilder mache. Als ich mein Konzept einigen Galerien vorstellte, bekam ich oftmals die Rückmeldung, dass es nicht ernsthaft genug sei. Seitdem das Projekt sich aber immer weiterentwickelt und jetzt schon in 12 Städten verwirklicht wurde, fangen die Menschen an, es ernst zu nehmen. Ich kriege inzwischen viel positives Feedback.

Ihre Figuren sind hauptsächlich weiblich. Gibt es vielleicht eine zukünftige Serie mit Männern? Haben Sie schon ein nächstes Projekt im Kopf?

Ich würde die meisten meiner Figuren eher als androgyn bezeichnen. Sie tragen vielleicht einen Rock oder eine Jeans, aber ich sehe sie nicht als männlich oder weiblich. Geschlecht spielt da eigentlich keine Rolle. Es geht vielmehr darum, eine eigene Spezies zu erschaffen. Im Moment arbeite ich an einigen neuen Projekten und ich will noch nicht zu viel darüber sagen, aber sie sind auch ein bisschen surreal und beinhalten Städte und Körper.

Sie sind gebürtige Spanierin, haben aber lange in Berlin gewohnt. Chorizo oder Currywurst?

Gerade bin ich in Berlin, meine Wahl fällt aber trotzdem auf Chorizo.

Ana Hell: "Secret Friends"

Website: www.anahell.com

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