Ausstellung von Louise Lawler in New York

Kunst in ihrer natürlichen Umgebung

Während andere der »Pictures Generation« wie Richard Prince oder Cindy Sherman zu Superstars der Kunst aufstiegen, blieb Louise Lawler lange in der zweiten Reihe. Jetzt widmet ihr das New Yorker MoMA eine große Retrospektive. Wir erklären, was es mit ihrer eigenwilligen Fotokunst auf sich hat.
Kunst in ihrer natürlichen Umgebung

Kunst hinter den Kulissen. Louise Lawler: "Big (adjusted to fit), 2002/2003/2016

Cindy Sherman mit ihren Frauen-Bildern und Richard Prince mit seinen Cowboys sind die Rockstars der Kunstwelt. Louise Lawler, die wie die beiden New Yorker Künstler der Gruppe der "Pictures Generation" angehört, hat im Vergleich dazu eher den Kultstatus einer Indie-Band. Was schon daran liegt, dass die bald 70-jährige gerne mit der Kunstwelt spielt.

Lawler fotografiert Kunstwerke in ihrem Lebensraum. Das mag unschuldig klingen, kommt aber dem Akt des Kaperns gleich. Anders als ihre Pictures-Generation-Kollegen Barbara Kruger, die aggressiv mit Sprache und Werbung arbeitet, oder Robert Longo mit seinen großformatigen, auf Nachrichten-Fotos basierenden Kohlezeichnungen, eignet sich Lawler keine Bilder an. Sie bildet ab.

Dabei geht die 1947 in Bronxville geborene Künstlerin subversiv ans Werk. Seit den frühen achtziger Jahren fotografiert sie Kunstwerke in Museen, Galerien, Privathäusern und Lagerhallen, um hinter die Kulissen des Kunstbetriebss und seiner Institutionen zu blicken. Ein Bild von Gerhard Richter wartet an eine Wand gelehnt, darauf gehängt und in Szene gesetzt zu werden. Maurizio Cattelans gigantischer Picasso-Kopf sitzt in Plastik gewickelt neben dem auf dem Boden ausgestreckten Körper des Meisters. Jasper Johns cremeweiße US-Flagge hängt über dem Bett eines Sammlers, der seine  Bettwäsche farblich auf das Bild abgestimmt hat. Vor einem Pollock steht eine geblümte Suppenschale auf der Anrichte. Andy Warhols ”Round Marilyn” hängt bei dem Auktionshaus Christie's an der Wand, das Preisschild gleich daneben.

Wie verändert sich ein Kunstwerk, wenn sich der Rahmen, in dem es steht und gezeigt wird, ändert?, fragt Lawler, der unter dem Titel ”Why Pictures Now” eine gelungene Retrospektive im Museum of Modern Art in ihrer Heimatstadt New York gewidmet wird. Verändert es sich, sobald es von einer anderen Person betrachtet wird? Und was ist der künstlerische Wert einer Arbeit, nachdem sie das Atelier verlassen hat?

Bilder so verzerrt wie die Realität unter Amerikas neuem Präsidenten

Ein gigantischer Ballon von Takashi Murakami neben ein paar Warhols bedeckt eine komplette Museumswand, wie eine Fototapete. Das Bild ist so verzerrt wie die Realität unter Amerikas neuem Präsidenten. Ein Liebespaar des Schweizer Malers Ferdinand Hodler sieht in dem alles andere als sinnlichen Salon eines Sammlers, das den Charme eines Ärzte-Wartezimmers hat, verloren aus. Und mit der Arbeit “War is Terror”, mit der Lawler sich bei den Phrasen der Bush-Regierung bediente, führt die Künstlerin elegant vor, wie man subtil feministisch sein kann und zugleich ein Statement gegen den Krieg abgibt. Lawlers Foto zeigt eine Porträtaufnahme von Julia Jackson. Die Mutter von der Malerin Vanessa Bell und der Schriftstellerin Virginia Woolf, eine entschiedene Kriegsgegnerin. Das Original-Foto, das über dem Bett eines Gästezimmers in Frankreich hängt, wurde von der englischen Fotografin Julia Margaret Cameron aufgenommen, eine Pionierin der Fotokunst und eine der ersten Frauen, die sich in der Fotografie durchsetzte.

Beim bloßen Abbilden und Reproduzieren belässt es Lawler nicht. Sie lässt die Besucher der Ausstellung einige ihrer Fotos durch Glaskugeln betrachten. Sie präsentiert ihre eigenen Bilder auf immer wieder neue Weise und ließ sie vom Kinderbuchautoren und Illustratoren Jon Buller mit schwarzer Farbe in ihren Umrissen nachzeichnen, so dass die wertvollen Kunstwerke wie gewaltige Seiten aus Malbüchern aussehen. Ist der Pollock mit der Suppenterrine jetzt mehr oder weniger wert, nachdem er durch mehrere künstlerische Hände gegangen ist?

Louise Lawler: Why pictures now
Überblicksschau der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin (*1947), die in ihrem Werk die Regeln des musealen Sammelns, Ordnens und Repräsentierens hinterfragt
MoMA – Museum of Modern Art ,  New York