Elfriede Lohse-Wächtler

Von der Kritik gefeiert, von Nazis umgebracht

Elfriede Lohse-Wächtlers Bilder sind leidenschaftliche Studien, in denen menschliche Abgründe, Motive psychischer Krankheit und die Gesellschaftskritik eines Otto Dix mitschwingen. Sie vermitteln auf eindringliche Weise Emotionen und Seelenzustände der Porträtierten und sind Spiegel einer tragischen Künstlerbiografie.
Von der Kritik gefeiert, von Nazis umgebracht

Elfriede Lohse-Wächtler: "Selbstbildnis", 1931, Öl auf Sperrholz, 28,7 × 32,4 cm

Frauen und kurzes Haar. Das passt 1918 noch nicht zusammen. In Frankreich trauen sich erste Coiffeure an den Bubikopf – in Dresden löst die junge Elfriede Wächtler einen Familienstreit aus, als sie sich die langen blonden Zöpfe abschneidet. Ein Befreiungsschlag für eine junge Frau, der, wie ihr Bruder Hubert es später beschreibt, "zwischen dem konventionell Bürgerlichen die Luft genommen wurde".

Elfriede verlässt mit 16 das Elternhaus, beginnt ihr Studium an der Dresdner Königlichen Kunstgewerbeschule im Fach "Mode und weibliche Hausarbeiten" und bezieht ein Zimmer in der Dresdener Innenstadt. Ihre Mitbewohnerin ist Londa Freiin von Berg, die ein paar Jahre später den Maler Felixmüller heiratet. Elfriede bewegt sich daraufhin in künstlerischen Kreisen und genießt ihr bohemehaftes Leben. Sie trägt Männerhüte, raucht Pfeife und nennt sich "Nikolaus". Das männliche Pseudonym, aus dem Freunde später "Laus" machen, soll die Verkaufschancen ihrer Bilder erhöhen. Dass sie malen möchte und nicht maßschneidern, provoziert weitere väterliche Wutausbrüche und Handgreiflichkeiten.

Elfriede und die Dresdner Avantgarde

Die junge Elfriede zeichnet expressionistische Bilder und schafft Holzschnitte im Stil der "Dresdner Sezession, Gruppe 1919". Zu ihren Freunden zählen Otto Dix, Peter August Böckstiegel und Otto Griebel. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit Batikarbeiten und bemalten Weihnachts- und Grußkarten.

Silvester 1923 feiert sie mit anderen Künstlern eine wilde Party bei Eugen Hoffmann. Sie ist große Anhängerin von Mary Wigman und fasziniert von den Ideen des "Neuen Künstlerischen Tanzes". Nach Mitternacht streift sie sich alle Kleider vom Leib und tanzt splitternackt mit einer Pfeife zwischen den Zähnen vor allen Gästen. Doch "Laus konnte sich so etwas unbeschadet leisten; sie war exzentrisch, ihr gefiel alles Außergewöhnliche, aber nicht das Gemeine, und dieser Nackttanz war großartig und gar nicht ordinär", erinnert sich Otto Griebel Jahre später. Bewegung interessiert Laus auch zeichnerisch. Tanzende sind zu diesem Zeitpunkt wiederkehrende Motive in ihren Studien.

Von der Kritik gefeiert, von Nazis umgebracht

Elfriede Lohse-Wächtler: "Lissy", 1931, Aquarell, 68 × 49 cm

Freunde können schon damals nicht nachvollziehen, warum Elfriede 1921 den Maler und Sänger Kurt Lohse heiratet. Die beiden sind charakterlich so verschieden, dass es 1923 zur Trennung kommt. 1925 folgt Elfriede Lohse-Wächtler ihrem Ehemann aber nach Hamburg. Der singt dort als zweiter Bass am Staatstheater. Seine Tuberkulose verlangt nach der Pflege seiner Frau und beendet die Sängerkarriere. Von nun an konzentriert er sich aufs Malen. Elfriedes Kunst nimmt er nie für voll. Er betrügt sie und zeugt drei Kinder, während Elfriede selbst mehrere Abtreibungen vornehmen lässt. Für Familienplanung fehlt die finanzielle Grundlage. Die emotionale Belastung der zerstörerischen Beziehung und schwere Existenzängste treiben Elfriede in den Verfolgungswahn. Sie zeigt nervöses auffälliges Verhalten, konnte "nicht mehr vernünftig sprechen, hatte keine vernünftigen Gedanken mehr", so ihr Bruder. Am 4. Februar 1929 schließt sich zum ersten Mal die Tür einer psychiatrischen Anstalt hinter Elfriede Lohse-Wächtler.

Friedrichsberger Köpfe entstehen in der Nervenheilanstalt

Während des zweimonatigen Aufenthalts in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg zeichnet Elfriede fast ununterbrochen. Sie porträtiert Mitpatientinnen und sich selbst, dokumentiert das Anstaltsleben und auch ihre eigene Heilung. In der Werkreihe "Friedrichsberger Köpfe" entstehen etwa 60 Zeichnungen und Pastelle wie "Schmerzhaft Ruhende" oder "Sitzende Frau im blauen Kittel". Leere Blicke ausgemergelter, teils vergreister Gesichter starren am Betrachter vorbei, Hände und Gestiken der Kranken beim Essen, Plaudern und Schlafen lassen in ihr Seeleninneres blicken, vereinzelte Landschaften vermitteln die düstere Stimmung im Anstaltsalltag. Die Serie wird ausgestellt – und bekommt ausgezeichnete Kritiken. Harry Reuss Löwenstein erkennt die Künstlerin als eine "wahrhafte Entdeckung" und nennt sie in einem Satz mit Dix, Kokoschka und Schiele. Elfriede ist jetzt berühmt. Arm bleibt sie trotzdem.

Von der Kritik gefeiert, von Nazis umgebracht

Elfriede Lohse-Wächtler: “Dirnenviertel St. Pauli”, 1929/30, Aquarell, 57,5 × 50,9 cm

Schizophrenie. Oder Psychose. So lautet 1929 die Diagnose des behandelnden Arztes. Was heute wohl als eine Art Burn Out mit nervösem Verhalten und depressiven Verstimmungen gelten würde, wird damals als schwerwiegende Geisteskrankheit gehandelt. Der Moment, indem die Diagnose in Elfriedes Krankenakte landet, besiegelt bereits ihr tragisches Schicksal. Als sie drei Jahre später erneut in eine Klinik muss, wird sie ihre letzten acht Lebensjahre dort verbringen.

Vorher erlebt Elfriede Lohse-Wächtler ihre intensivste Schaffenphase. Die Hamburger Jahre zwischen ihren Klinikaufenthalten bringen zahlreiche großformatige Pastelle hervor. Es sind Bilder, die Personen am Rande der Gesellschaft zeigen: soziale Außenseiter, Geächtete und Minderheiten. Auf anderen Werken sind Szenen der Großstadt zu sehen. Etwa Passanten am Hamburger Hafen oder Feiernde und Prostituerte im Vergnügungsviertel St.Pauli. Die energische Strichführung und kraftvolle Wirkung ihrer Bilder zeigen, wie Elfriede das Malen als Medium für das Offenbarmachen emotionaler Zustände nutzt. Besonders stark wird dies in ihren Selbstportraits deutlich, die über die Jahre auch ihre geistige Gesundheit dokumentieren.

Die Hamburger Jahre: zwischen Armut und Einsamkeit

So künstlerisch fruchtbar die Zeit in Hamburg, so materiell katastrophal ist sie auch. Elfriede Lohse-Wächtler lebt in Armut, vereinsamt und schläft zeitweise in Bahnhofshallen. Sie wird selbst zu einer ihrer Figuren. Kurt Lohse lebt bei der Mutter seiner drei Kinder. Gedemütigt und emotional ausgelaugt macht Elfriede sich 1932 auf den Weg zurück nach Dresden. Ihr Vater lässt sie umgehend in die Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf einweisen. Im selben Jahr findet im Hamburger Kunstsalon Maria Kunde die letzte Ausstellung zu Lebzeiten der Künstlerin statt.

Im ländlichen Arnsdorf entstehen Landschafts- und Arbeitermotive wie "Die Kartoffelbuddler" oder "Gespann am Abend". Neben anderen Kritikern überschlägt sich auch Reuss-Löwenstein wieder mit Lob und Anerkennung: "Es ist nicht gerade die heitere Seite des Lebens, der sie in einer rücksichtslosen Wahrheitsliebe, die sich auch bis zum Brutalen steigert, nachgeht.Typen aus Kneipen und Kaschemmen, Dirnen von Dixschem Kaliber werden mit ungestümer Eile auf das Papier geworfen. Das gibt eine wuchtige Handschrift, in der jeder Nerv des Erlebnisses nachzittert."

Von Arnsdorf in die Tötungsanstalt Pirna Sonnenstein

Von der Kritik gefeiert, von Nazis umgebracht

Elfriede Lohse-Wächtler: "Schmerzhaft Ruhende" (aus der Serie "Friedrichsberger Köpfe"), 1929, Pastell, 25 x 24 cm, Hamburger Kunsthalle

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergreifen, wird Elfriedes Kunst als entartet eingestuft. Die angebliche Schizophrenie macht sie vom "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" betroffen. 1935 folgen Entmündigung und Zwangssterilisation. Elfriede ist tief verletzt und von dem unmenschlichen Eingriff schwer traumatisiert. Als Reaktion entsteht 1936 die Zeichnung "Leben", die eine gebärende Frau zeigt. Unter dem Vorwand der "Umsiedelung" einiger Patienten wird auch Elfriede am 31. Juni 1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein in Pirna gebracht. Noch am selben Tag vergast man sie in den Räumen des Kellergeschosses. Der Verbleib der sterblichen Überreste ist unbekannt. Die offizielle Todesursache auf dem Papier lautet: Lungenentzündung.

Erst viele Jahre nach ihrem Tod wird die Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler einem breiteren Publikum bekannt. Bei zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen entdeckt die Kunstwelt das vergessene Werk neu. Ihr enger Freund Otto Dix schreibt 1958 in seinen Erinnerungen an sie: "Laus war ein ungewöhnlicher Mensch und eine echte Künstlerin. Wer sie nur oberflächlich kannte, verstand sie vielleicht schwer und begriff sie nicht, aber das ist wohl das Schicksal aller besonderen Persönlichkeiten. Liebe, arme, tapfere Laus."

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