Trafalgar Square

London



EIN SOCKEL FÜRS VOLK

Ursprünglich sollte eine Reiterstatue den 1841 erichteten Sockel auf dem Trafalgar Square schmücken. Weil seinerzeit allerdings das Geld dafür fehlte, blieb der "Fourth Plinth", der vierte Sockel, leer. Seit 1999 bespielten ihn zeitgenössische Künstler wie Mark Wallinger oder Thomas Schütte. Für 100 Tage hievt der englische Bildhauer Antony Gromley die Menschen nun selbst aufs Podest.
// HANS PIETSCH

Schlag neun Uhr morgens sollte Rachel Wardell mit einem Kran auf den vierten Sockel gehievt werden, die erste von 2400 Auserwählten, die die nächsten 100 Tage rund um die Uhr jeweils eine Stunde lang auf dem Sockel verbringen werden, Tag und Nacht, bei jedem Wetter. Doch dann kam es anders: Ein weißhaariger Mann in blauem T-Shirt begann plötzlich, vor versammelten Journalisten und Würdenträgern aus Politik und Kultur, auf den Sockel zu klettern. In Windeseile überwand er das aufgespannte Sicherheitsnetz und stand oben!

Auf seinem mitgeführten Plakat stand zu lesen: "Rettet unsere Kinder! Ein Verbot für Tabak und rauchende Schauspieler! Eine Milliarde Tote in diesem Jahrhundert!" Londons Bürgermeister Boris Johnson und Bildhauer Antony Gormley machten gute Miene zum bösen Spiel: Die unerwartete Einlage sei durchaus im Sinne des Unternehmens, denn der Sockel sei ja "ein Sockel fürs Volk", der weder des Kriegs noch der Toten gedenke, sondern die Lebenden feiern wolle, das Leben an sich.Glücklicherweise erklärte sich der Kletterer bereit, mit Hausfrau Rachel aus Sleaford in Lincolnshire den Platz zu tauschen. Folgsam bestieg er den Förderkorb, und Rachel machte es sich als erstes wirkliches Kunstwerk auf dem Sockel bequem. Sie entrollte eine Matte, auf der sie die nächste Stunde stehen und sitzen würde, ständig beobachtet von einer auf einem Mast befestigten Videokamera. Sie hatte ein Plakat mitgebracht, das auf den Wohltätigkeitsverein "Child Line" aufmerksam macht, der sich um gefährdete Kinder kümmert. Zwei Stunden später würde die Londonerin Jill Garcum jede Minute einen grünen Luftballon loslassen, jeder für einen anderen wohltätigen Verein. Der einsetzende Regen hielt sie nicht davon ab.

Nicht alle für Gormleys Projekt "One and Other" ausgewählten Freiwilligen wollen auf wohltätige Zwecke aufmerksam machen. Eine Mutter aus Newcastle will stricken, umgeben von aus Wolle gefertigten Blumen; ein Steuerberater aus Blackburn möchte aus der Bibel vorlesen; ein Kunststudent wird sich ein Pandakostüm anziehen, mit seiner Handynummer auf dem Bauch, damit Zuschauer ihn anrufen können; ein Londoner will sich als Mischung aus dem multikulturellen Großbritannien und einem präraffaelitischen Gemälde verkleiden. Und weil Gormley gesagt hat, wie enttäuscht er wäre, wenn sich niemand auf dem Sockel auszieht, wollen einige nackt posieren. Etwa die Glaskünstlerin Rachel Elliott aus Edinburgh, die dazu noch vorhat, Glasperlen zu blasen und sie an die Zuschauer zu verteilen.

Antony Gormley will mit seinem Projekt, für das sich bisher mehr als 15 000 Bürger beworben haben, dem Land einen Spiegel vorhalten. "Ich hoffe", so sagt er, "dass wir lernen, was wir lieben, was uns Furcht einflößt, worauf wir Wert legen und auch, worüber wir lachen." Es ist das erste Mal, dass der Künstler bei der Bespielung des "Fourth Plinth" die Kontrolle abgegeben und auf die Öffentlichkeit übertragen hat. Was sie daraus macht, wird sich in den nächsten 100 Tagen erweisen.

Antony Gormley, "One & Other"

Termin: noch bis zum 14. Oktober 2009; Informationen und ein Live Stream unter:

http://www.oneandother.co.uk

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1 Leserkommentar vorhanden

Jacques' London Blog

17:06

31 / 08 / 09 // 

Living Art am Trafalgar Square

Als ich gestern mit dem Bus am Trafalgar Square in London vorbeigefahren bin stand zufällig gerade ein nackter Kerl auf dem Sockel vor der National Gallery :D So kalt wie es war hätte ich da nicht tauschen wollen...seht selbst http://jacquesinlondon.wordpress.com/2009/08/31/one-other-living-art/

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