Künstler der Venedig Biennale 2017

Rumänien: Geta Brătescu

Im Rumänien Ceausescus war sie eine Szenegröße. Erst jetzt, wo sie über 90 Jahre Jahre alt ist, erkennt auch der Rest der Welt die Qualität von Geta Brătescu. Im rumänischen Pavillon zeigt die Grande Dame der Ost-Avantgarde Retrospektives und Aktuelles.
Rumänien: Geta Brătescu

Geta Brătescu: "Doamna Oliver în costum de călătorie (Lady Oliver in her traveling costume)", 1980 – 2012, Schwarzweiß-Fotografie

"C’est ça! C’est une danse." – "So ist es, es ist ein Tanz", erklärt Geta Brătescu, während sie ausgeschnittene Formen aus farbigen Papieren mit dem Klebestift zu einer rhythmischen Komposition fügt. Großartige Blätter entstehen unter den Händen der 90-Jährigen. Sie erinnern ein wenig an Grafiken der Sowjet-Avantgarde, aber mehr noch an das heitere und ja tänzerische Spätwerk von Henri Matisse.

Wie einst dem Franzosen, so gehen auch der Grande Dame der rumänischen Avantgarde weder Schaffensdrang noch Ideen aus. Ihr Bukarester Atelier gleicht einem Kunstwerk, das ständig seine Form ändert.

Rumänien: Geta Brătescu

Blick in den rumänischen Pavillon auf der Venedig Biennale mit den Arbeiten von Geta Brătescu

Tatsächlich ist das Studio selbst eines ihrer beiden großen Lebensthemen. Das andere sind ihre Hände. Immer wieder hat sie diese beim Schaffen gezeichnet, fotografieren oder filmen lassen – so als müsste sie sich stets aufs Neue dieser unglaublichen Werkzeuge vergewissern.

Im rumänischen Pavillon ist ein derartiges Dokument zu sehen: "The Line" heißt der Film von 2014, in dem nur Brătescus zarte, vom Alter gezeichnete Hände zu sehen sind, die mit kraftvoller Entschiedenheit schwarze Linien auf Skizzenblätter zeichnen. Angeregt und festgehalten hat diese minimalistische Performance Stefan Sava. Der Fotokünstler, Jahrgang 1982, ist wie viele Kollegen in Rumänien ein grenzenloser Bewunderer von Brătescu: "Selbst in den Momenten, wo sie mit dem Resultat unzufrieden war, und trotz ihrer Zerbrechlichkeit spürte ich ihre unglaubliche Kreativität."

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Die abstrakten, sparsamen Figuren, aus einem dicken Filzstift fließend, erinnern an fremde Schriftzeichen oder Buchstaben. Auch das ist kein Zufall, denn die Künstlerin hat nach 1945 sowohl Kunst als auch Literatur studiert. Die Präsentation in Venedig will daher – retrospektiv und aktuell – zeigen, wie sich Schreiben und Zeichnen in Geta Brătescus Werk verschränken.