Picasso von Eugenio Merino

Spanische Leichenschau

Der spanische Künstler Eugenio Merino ist bekannt für seine polemischen Silikon-Skulpturen. Jetzt stellt er in Málaga Pablo Picassos "Leiche" aus, um gegen den touristisch-kommerzielle Ausschlachtung des Universal-Genies in seiner Heimatstadt zu protestieren.
Spanische Leichenschau

Eugenio Merino: "Picasso died here", 2017

Ein kleiner Spalt im schwarzen Vorhang gewährt einen ersten, flüchtigen Blick in die "Leichenhalle". Ganz hinten an der Wand liegt er aufgebahrt auf einer weißen Marmor-Platte. Der große spanische Künstler und Maler, das Universal-Genie aus Málaga – Pablo Picasso! Seine Gesichtszüge sind weich, friedlich. Er trägt seinen berühmten weiß-blauen Matrosenstreifenpullover, eine weiße Baumwollhose und blaue Stoffschuhe. So kennt ihn die Welt. Eine Gruppe holländischer Touristen betritt andächtig den kleinen Raum im Erdgeschoss der Alliance Française. Skeptische Blick, ein Selfie, ein Griff zu den Erinnerungspostkarten. Und dann sind sie wieder weg.

Normalerweise verirren sich in Málagas Altstadt eher selten ausländische Touristen ins französische Kulturzentrum. Doch alles, was in Picassos Heimatstadt mit dem großen Künstler zu tun hat, wird auch besucht. Vom Geburtshaus bis hin zum Picasso Museum Málaga. Und jetzt auch das Kulturzentrum Alliance Française. Noch bis Ende Juli kann hier Picassos "Leiche" besichtigt werden.

Natürlich handelt es sich nicht um die wirklichen Überreste Picassos. Die wurden schließlich 1973 im französischen Mougins beerdigt. Es ist eine hyperrealistische Silikonpuppe des spanischen Künstlers Eugenio Merino. Zusammen mit der lokalen Künstlergruppe Los Interventores will er damit gegen "die touristisch-kommerzielle Ausschlachtung Picassos" protestieren.

Besucher können Postkarten mit dem "Leichnam"-Motiv erwerben

Málaga werde immer mehr zum "kulturellen Picasso-Disneyland", versichert auch Ausstellungs-Kurator Javier Hirschfeld vom Künstlerduo Los Interventores. Er spricht von einer Art künstlichen "Picassoisierung" Málagas. "In Málaga wird plötzlich jeder Winkel mit Picasso in Verbindung gebracht, um den Besuchern der Stadt möglichst viele Picasso-Erfahrungen zu verkaufen. Dabei wurde Picasso in Málaga nur geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre hier", gibt Hirschfeld zu bedenken.

Doch Picasso ist das Markenzeichen der Stadt, der touristische Magnet, so Hirschfeld. Um die teils absurde touristische Vermarktung bloßzustellen, wollten Eugenio Merino und Los Interventores nun eine weitere, absurde Picasso-Touristenattraktion schaffen.

Spanische Leichenschau

Künstler Eugenio Merino mit der Picasso-Skulptur: "Picasso died here", 2017

"Eine emotionelle Reise für die ganze Familie. Eine spektakuläre Erfahrung. Starten Sie das Abenteuer. Von Picassos Geburt bis hin zu seinem Tod in Frankreich. Reisen Sie dorthin, wo es geschah. Ohne Málaga zu verlassen", kündigt der Ausstellungs-Flyer, der in der ganzen Stadt verteilt ist, ironisch an. "Hier starb Picasso", steht vorne auf dem Flyer. Es klingt wie eine Frage: Tötet Málaga vielleicht gerade den "Künstler Picasso", um der "Marke Picasso" ewiges Leben zu schenken?

In der "Leichenhalle" können Besucher Postkarten mit dem "Leichnam"-Motiv erwerben. Es gibt sogar Kühlschrank-Magneten für 5 Euro, welche die Grabtafel Picassos darstellen! Die Kritik an der kommerziellen Ausschlachtung der Marke Picasso geht aber noch einen Schritt weiter. Es geht um die Gentrifizierung der Altstadt.

"Málaga gehört immer mehr den Touristen, den Picasso-Touristen", stimmen Eugenio Merino und Javier Hirschfeld überein. Gemüseläden und Supermärkte müssen Souvenirshops und Touristen-Restaurants weichen. "Die Mieten werden für normale Einwohner viel zu teuer. Immer mehr Leute müssen in Ausbezirke ausweichen, während nur noch Hotels und touristische Apartments sich die hohen Mieten in der Altstadt leisten können", versichert Fotokünstler Hirschfeld.

Foto von Picasso
Übersicht zu allen Artikeln und aktuellen Ausstellungen mit Pablo Picasso

Ob Merinos Picasso-Leiche das ändern wird, ist zu bezweifeln. Doch es ist eine künstlerisch humorvolle und provokative Art, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Dafür ist der Künstler aus Madrid bekannt. Mit seinen Silikon-Skulpturen sorgt er regelmäßig für Aufsehen, nicht selten auch für Polemiken. Provokation gehört immer zu seinen Werken. Osama bin Laden stellte er als "Saturday Night Fever"-Tänzer und Fidel Castro als "Zombie" dar.

Die Franco-Stiftung verklagte Merino wegen "Ehrverletzung"

Sein Werk "Always Franco" löste 2012 in Spanien sogar einen Rechtsstreit darüber aus, wo künstlerische Meinungsfreiheit endet und Ehrverletzung beginnt. Merino hatte eine lebensgroße Silikonfigur des ehemaligen Diktators Francisco Franco in einen Coca-Cola-Getränkekühlschrank gezwängt und das Werk 2012 auf der Internationalen Madrider Kunstmesse ARCO angeboten.

Spanische Leichenschau

Eugenio Merino: "Always Franco"

Damit brach er ein Tabu in einem Land, in dem eine Vergangenheitsbewältigung mit der Franco-Diktatur immer noch nicht stattgefunden hat. Die faschistische Franco-Stiftung verklagte ihn wegen "Ehrverletzung". Álvarez del Manzano, damals Direktor der Ifema-Messegesellschaft, welche ARCO ausrichtet, entschuldigte sich sofort, und wollte "Always Franco" nur deshalb nicht vom Stand der ADN-Galerie entfernen lassen, weil dies für noch mehr Aufmerksamkeit gesorgt hätte.

Merino gewann den Gerichtsprozess schließlich. Doch allein die Tasache, dass er angezeigt wurde und es zum Prozess kam, zeigte ihm: "Wie ein gekühltes Getränk hält sich auch Franco mit seinem politischen Erbe noch immer frisch in der heutigen spanischen Gesellschaft". Auch andere, aktuellere Diktatoren und Politiker sind vor ihm nicht sicher. So landeten auch Russlands Wladimir Putin, George W. Bush, Nord-Koreas Kim Jong-il und Venezuelas ehemaliger Präsident Hugo Chávez im Getränkekühlschrank .

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Schleppende Verkäufe und wenig spektakuläre Kunst: Die ARCO in Madrid liefert den Beweis, dass auch für die großen Kunstmessen jetzt harte Zeiten anbrechen

Jüngster Neuzugang: Der frisch gebackene US-Präsident Donald Trump. Nachdem Trump sich bei den Republikanern als Präsidentschafts-Kandidat durchsetzte, stellte Merino in seiner New Yorker Galerie Unix im Rahmen einer Ausstellung ein Packet auf den Boden. "Vorsicht, toxisch" stand darauf. Drinnen befand sich der hyperrealistische Silikon-Kopf von Donald Trump. "Ich wollte so einem Clown nicht auch noch mit einer kompletten Silikon-Figur die Ehre geben. Deshalb habe ich nur das reproduziert, was ihm fehlt – der Kopf".