Luther und die Avantgarde

Jesus-Casting im Knast

Die Reformation vor 500 Jahren machte Wort und Bild zu Instrumenten der Kulturrevolte. Nun wird gefragt, wie scharf die Waffen noch sind. Schauplätze von "Luther und die Avantgarde" sind das alte Gefängnis in Wittenberg, die Kasseler Karlskirche und die St. Matthäus-Kirche in Berlin.
Jesus-Casting im Knast

Christian Jankowski: "Casting Jesus", 2011, Two-channel video

Jörg Herold ist früh aufgestanden und hat sich warm angezogen. Die Wände seiner kalten Gefängniszelle hat er bereits mit einem moosigen Grün gestrichen. Er ist der erste Künstler einer imposanten Who’s-who-Liste von Kollegen, die seit Anfang März die Räume des Alten Gefängnisses in Wittenberg mit ihren Werken bespielen: Gegenwartskunst im einstigen Herzen der deutschen Reformation, dazu in der Karlskirche in Kassel und in der St. Matthäus-Kirche am Kulturforum in Berlin.

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Von dem um 1900 errichteten Zuchthaus in Wittenberg aus ist der Schauplatz von Martin Luthers Thesenanschlag, die Schlosskirche, nur Schritte entfernt. Die Schau umkreist die Rolle des Reformators als "Impulsgeber, Mahner und Neuerer" und fragt, ob und wie Künstler heute in dessen Fußstapfen treten, sich also in einem gesellschaftlichen Sinn als Avantgardisten betätigen wollen.

Damit niemand auf die Idee kommt, dass die Übergröße des Theologen Luther kaum auszufüllen sei, hat das Kuratorenteam um Walter Smerling fast 70 Kunstschaffende aus fünf Kontinenten eingeladen. Während Markus Lüpertz für einige Tage ein Dienstzimmer bezieht, um sich vor Ort bildnerischen Meditationen zum Thema hinzugeben, wird Ai Weiwei einen namenlosen Inhaftierten inszenieren, der nicht nur in einer Gitterkammer, sondern auch in einem Betonklotz eingeschlossen ist. Olaf Metzel entrollt ein Schriftband aus Metall, auf dem aktuelle Zeitungsmeldungen zu Luther und zum Reformationsjubiläum reproduziert werden.

Mit Luther kamen die Fragen zur Wahrheit des Bildes und Repräsentation in die Diskussion.

Der Chinese Xu Bing arbeitet an einer Bibelübersetzung in digitalen Piktogrammen, die Tschechin Eva Kot’átková deutet eine alte Druckerpresse als Folterinstrument und beschwört die Schattenseiten der Religionskämpfe des 16. Jahrhunderts. Derweil hat Jörg Herold in seine Arrestzelle die 99 Namen Allahs gekratzt, deren Auswendiglernen für Muslime als Fahrkarte ins Paradies gilt. Für Berlin ist ein Werk von Gilbert & George aus London angekündigt, in Kassel will Thomas Kilpper mit einem Leuchtturm auf die Flüchtlingskrise auf Lampedusa aufmerksam machen.

Mit Luther kamen die Fragen zur Wahrheit des Bildes und Repräsentation in die Diskussion. Die meisten Künstler heben aber auch auf Wort und Schrift ab, durch die mit Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche und mit dem damals noch jungen Buchdruck der Glaubenskampf zu einer Medienrevolte wurde.

Das einstige Wittenberger Zuchthaus liefert mit seiner Raumstruktur die architektonische Matrix für einen konzentrierten Themenparcours. Dabei bringt das Gebäude seine Ikonografie mit ein, die dem Motto "Avantgarde und Reform" zum Teil im Weg steht. Ein leer stehendes Kloster aber, das für eine passendere inhaltliche Anbindung hätte sorgen können, fand sich nicht. Damit keine Klaustrophobie aufkommt, pflanzt Antje Majewski einen mittelalterlichen Kräutergarten, Ayse Erkmen vergoldet das Metallgerüst am Gefängnisschornstein. Die Leipziger Medienkünstlerin Luise Schröder ruft dazu auf, die vergessenen Frauen der Reformation in den Erinnerungsdiskurs einzuspeisen, und wird einer davon eine Namenstafel widmen.

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