Venedig Biennale 2017: Goldener Löwe für Franz Erhard Walther

Der heimliche Star aus Fulda

In der zeitgenössischen Kunst gilt er seit Jahrzehnten als eine feste Größe. Dem allgemeinen Publikum aber ist er eher unbekannt. Der Goldene Löwe für Franz Erhard Walther ist eine Überraschung - auch für ihn selbst.
Der heimliche Star aus Fulda

Erhielt den Goldenen Löwen für den besten Künstler der Hauptausstellung "Viva Arte Viva": Franz Erhard Walther rechts neben Anna Finocchiaro, der italienischen Ministerin für Beziehungen zum Parlament.

Mit seinem gelben Pullover und seinem roten Hemd passt er perfekt zu den gelben und roten Stoff-Kunstwerken, die er auf der Biennale in Venedig ausstellt. Franz Erhard Walther ist mit 77 Jahren zum ersten Mal zu der Kunstschau in Venedig eingeladen worden und gewann prompt den Goldenen Löwen als bester Künstler. "Das war wirklich eine Überraschung", sagte er sichtlich bewegt. Späte Genugtuung für den Künstler? "Vielleicht gibt es Leute, die lange Zeit skeptisch gegenüber meiner Arbeit waren, die das jetzt ernst nehmen. Das könnte passieren."

Der Bäckers-Sohn aus Fulda ist er seiner Heimat treu geblieben. Während sich die hippe Kunstszene in Berlin niedergelassen hat, arbeitet der Mann mit den grauen Haaren und dem kleinen Bäuchlein immer noch in Fulda.

Selbst Duchamp wollte ihn kennenlernen

Während seiner langen Karriere eckte er immer wieder an. So flog er beispielsweise wegen eines Streits mit dem Professor 1961 von der Städelschule in Frankfurt am Main. Später studierte er an der Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Otto Götz - zeitgleich mit heute weitaus bekannteren Künstlern wie Gerhard Richter und Sigmar Polke.

Mit seinen Werken, die sowohl seine eigene Arbeit als auch die Betrachter einschließt, sorgte er in den 60er Jahren für Furore. 1972 stellte er erstmals auf der Documenta aus, mehrere Teilnahmen bei der wichtigen Ausstellung für zeitgenössische Kunst in Kassel folgten. Selbst Marcel Duchamp wollte ihn kennenlernen, doch der französische Pate aller modernen Künstler starb, bevor es dazu kommen konnte.

»Kunst an sich ist hochpolitisch«
Der deutsche Künstler Franz Erhard Walther ist mit 77 Jahren zum ersten Mal bei der Kunst-Biennale in Venedig dabei - und fühlt sich unter den jungen Teilnehmern sehr geehrt

Obwohl Walther in der Kunstwelt seit Jahrzehnten eine feste Größe ist: Dem normalen Publikum galt er bisher als Geheimtipp. Seine Arbeiten zeichnen sich durch die Verwendung textiler Stoffe aus, in seinem Atelier wird viel genäht. Charakteristisch sind auch seine Stahl- oder Eisenplatten, die er auf den Boden legt, damit der Besucher darauf steigen kann und somit selbst zum Kunstwerk wird.

Für ihn steht im Zentrum, dass die eigene Arbeit von Anfang an Teil des Werkes ist und "die Handlung selbst Werkcharakter bekommt", sagte er. Während sein Konzept vom "Werk als Handlung" einst Kontroversen auslöst, ist es nun integraler Bestandteil zeitgenössischer Kunst.

Kippenberger und Meese waren seine Schüler

Als Lehrer wichtiger Künstler hat Walther spätere Generationen geprägt. Als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg waren unter anderen Martin Kippenberger, Jonathan Meese und Santiago Sierra seine Schüler.

Als Aachener Kunstpreisträger 2016 richtete Walther im Ludwig Forum im Juni eine Einzelausstellung aus. Zudem läuft derzeit eine große Schau im Madrider Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía.

Kunstkosmos Venedig
Mitmachen, Tanzen, Basteln, Heilen – auf dieser Biennale menschelt es. Unter den Pavillons beeindruckt besonders der deutsche Beitrag von Anne Imhof. Die art-Redaktion mit ersten Eindrücken und Highlights aus der Lagunenstadt
Venedig Biennale
Alle wichtigen Informationen, aktuelle Berichte und Tipps für die Venedig Biennale 2017