Interview mit Ariel Adkins

Heute trage ich Kandinsky

Auf Ariel Adkins selbst kreierten Outfits tümmeln sich van Goghs Sonnenblumen, Kandinskys geometrische Formen oder Action Painting Motive im Stil von Jackson Pollock. Sind ihre Stücke fertig, macht sie sich auf den Weg zu den Originalen. Den Moment, wenn Klamotte und Kunstwerk aufeinandertreffen, können ihre Follower dann auf dem Instagram-Account @artfullyawear miterleben. Ein Interview über Motivsuche, Museumsreisen und Kunst in sozialen Netzwerken.
Heute trage ich Kandinsky

Ariel vor einem Werk von Gerhard Richter im MOMA in New York

Wählen Sie Ihre Reiseziele grundsätzlich nach Museen aus?

Egal wo ich mich auf der Welt befinde – ich mache mich immer auf die Suche nach Kunst. Viele meiner Reisen stehen in direkter Verbindung zu den Museen, die ich dort besuchen möchte. Umso aufregender ist es, wenn ich inspirierenden Kunstwerken an unerwarteten Orten begegne.

Wann entstand das erste Kleidungsstück für Artfully Awear?

Irgendwann habe ich einen Rock in einem Second Hand Laden gefunden, der mich an Monets Heu-Serie erinnerte. Das war der Moment, in dem ich das erste Mal über die Möglichkeit nachdachte, Kunst zum Leben zu erwecken, indem ich sie trage. Ich fing an, nach Kleidung und Accessoires zu suchen, die sich dafür anbot. Die Ausbeute war allerdings eher frustrierend – also habe ich angefangen meine eigenen Stücke zu entwerfen. Mein erstes DIY Kleidungsstück habe ich 2014 fertiggestellt. Es war inspiriert von Christopher Wools Retrospektive im New Yorker Guggenheim Museum.

Haben Sie schon immer kreativ gearbeitet?

Meine Eltern waren beide Künstler. Ich bin also in einem sehr kreativen Umfeld groß geworden. Später habe ich dann selber Malerei studiert. Ich bringe deshalb ein grundliegendes Verständnis für künstlerische Techniken mit und liebe es, mit unterschiedlichen Medien zu experimentieren.

 

Welcher ist Ihr Lieblingslook?

Mein Favorit ist ein Fransenkleid, zu dem mich Francis Kérés "Colorscape" im Philadelphia Museum of Art inspiriert hat. Als ich den Künstler getroffen habe, fragte er mich, ob ich ihm eine Jacke im selben Stil anfertigen würde.

Tragen Sie die Outfits nur fürs Foto oder auch im Alltag?

In jedem Stück steckt sehr viel Arbeit. Ich trage sie also nicht im Alltag. Ich verwahre sie in einem Archiv, nachdem sie getragen und fotografiert wurden. Allerdigs liebe ich es, meine Kunstwerke zu besonderen Anlässen herauszuholen und sie auszuführen.

Heute trage ich Kandinsky

Ariels Lieblingslook: ein Kleid inspiriert von Francis Kérés "Colorscape" im Philadelphia Museum of Art

Wie sieht Ihr kreativer Arbeitsprozess aus?

Ich versuche, mir so viel Kunst wie möglich anzusehen, damit ich mich immer inspiriert fühle. Wenn ich etwas sehe, das mich herausfordert oder mein Interesse weckt, überlege ich, wie man es in etwas Tragbares übersetzen könnte. Manchmal mache ich vorher Skizzen und an anderen Tagen lege ich einfach los. Meistens arbeite ich mit Kleidungsstücken, die ich in Vintage Läden finde und später bemale, umnähe und verziere. Wenn das Stück fertig ist, ziehe ich es an und mache mich auf den Weg in das Museum, die Galerie oder das Studio, um Fotos zu machen und sie auf auf meinem Instagram Account zu posten.

Wer macht die Fotos? Haben Sie immer jemanden dabei, der dafür zuständig ist?

Die Fotos werden von vielen verschiedenen Menschen gemacht. Mein Freund, Freundinnen die mich begleiten oder völlig Fremde, die ich im Museum treffe fotografieren mich. Ich reise aber oft allein, deshalb muss ich meistens jemanden fragen.

Haben Sie einen Lieblingskünstler?

Ich liebe Yinka Shonibare MBE. Ich habe seine Arbeit vor zehn Jahren entdeckt und mich sofort in seinen Stil und die Art wie er Kunst, Textilien und kulturelle Bedeutungen miteinander verbindet, verliebt. Außerdem liebe ich Henri Matisse! Ich fühle mich seit Jahren sehr inspiriert von seiner Malerei, der Art wie er Farben einsetzt und seiner Darstellung von Mustern. Ich interessiere mich aber auch sehr für die Arbeit von Cindy Sherman. Ich bewundere Ihre Fähigkeit, sich auf fast jedem ihrer Fotos in eine vollkommen andere Person zu verwandeln. Sie ist die Königen der Verkleidung – ich würde zu gern ihren Kleiderschrank ausrauben!

Wenn Sie die Möglichkeit hätten einen Künstler zu treffen – tot oder lebendig – wer wäre das?

Meine Antwort auf diese Frage ändert sich ständig, aber momentan würde ich sagen Sonia Delaunay. Sie war eine der ersten Künstlerinnen, die Mode und Kunst kreativ miteinander kombiniert haben.

 

Sie veröffentlichen Ihre Kunst bei Instagram. Welche Vor- und Nachteile bieten soziale Netzwerke Künstlern heute?

Instagram, oder generell digitale Medien machen Kunst so viel erreichbarer und leichter zugänglich. Ich finde es wunderbar, dass ich online so viel Kunst aus der ganzen Welt finden kann. Der Nachteil ist, dass Menschen möglicherweise weniger motiviert sind, sich die Werke im echten Leben anzuschauen, weil fast alles auch im Internet abrufbar ist. Allerdings steht dies in keinem Vergleich dazu, einem Kunstwerk direkt zu begegnen und es live zu erleben.

Sie haben viel positives Feedback und mediale Aufmerksamkeit bekommen. Mussten Sie auch Erfahrungen mit Hatern machen?

Zum Glück gibt es bis jetzt nur sehr wenige negative Reaktionen auf meine Arbeiten. Ich versuche aus jedem Feedback, egal ob gut oder schlecht, etwas positives zu ziehen. Wer seine Arbeit veröffentlicht, muss auch darauf vorbereitet sein, dass sie von anderen bewertet wird. Nicht jedem wird gefallen oder überhaupt interessieren, was ich tue. Wenn es aber auch nur ein paar Menschen inspiriert, macht es das wert, es zu teilen.

Heute trage ich Kandinsky

Ariel bei der Enstehung des Jackson Pollock Kleids

Was sind die gößten Herausforderungen, vor die Sie Ihre Arbeit stellt?

Der schwierigste Part ist immer der, indem es darum geht, meine Stücke mit der Kunst in Verbindung zu bringen und zu fotografieren. Ich muss meist in einem bestimmten Zeitraum an den Orten sein. Es kam schon vor, dass die Kunstwerke nicht mehr da waren, wenn ich im Museum ankam. Ich muss viele Reisen und lange Fahrten auf mich nehmen. Das kann manchmal sehr anstrengend sein.

Gibt es ein bestimmtes Kunstwerk oder einen Ort, den Sie gern sehen würden und bis jetzt noch nicht besucht haben?

Ich würde sehr gerne den Kunst- und Architekturpark Benesse Art Site auf der Insel Naoshima in Japan besuchen.

Sie geben auch Workshops im Namen von Artfully Awear. Was reizt Sie am Unterrichten und an der Arbeit mit Ihren Schülern?

Ich liebe es zu beobachten, wie meine Schüler Ihren eigenen Weg finden, Artfully Awear Kleider herzustellen. Es gibt so viel Wege ein Kunstwerk zu interpretieren – jeder Teilnehmer zeigt unterschiedliche Reaktionen. Es macht großen Spaß zu erfahren, wie Andere Kunst wahrnehmen und im Anschluss zu beobachten, wie sie selbst kreativ werden. Ich glaube auch, dass meine Schüler die Kunst intensiver erleben, nachdem wir uns ihr gemeinsam genähert und sie etwas eigenes daraus geschaffen haben.

Wie geht es weiter mit Artfully Awear? Haben Sie schon über eine eigene Ausstellung nachgedacht?

Ich würde sehr gerne eine Ausstellung machen! Es gibt noch so viele Medien und Genres in der Kunst, die ich noch entdecken und in Kleidung übersetzen möchte. Außerdem liegt es mir am Herzen, den didaktischen Aspekt von Artfully Awear weiter ausbauen. Ich arbeite an einem Online Workshop, um das Programm noch leichter zugänglich zu machen. Mein größtes Ziel ist es, dass mehr Menschen Artfully Awear Kleider tragen und sie anzutreiben selbst kreativ zu werden und Neues zu schaffen.