Venedig Biennale 2017: Erster Rundgang

Kunstkosmos Venedig

Mitmachen, Tanzen, Basteln, Heilen – auf dieser Biennale menschelt es. Unter den Pavillons beeindruckt besonders der deutsche Beitrag von Anne Imhof, dagegen fällt Großkünstler Damien Hirst im Rahmenprogramm ins bodenlos Banale und islandische Trolle fressen die Kunstwelt. Die art-Redaktion präsentiert mit den traditionellen »Tramezzini« erste Eindrücke und Highlights aus der Lagunenstadt.
Kunstkosmos Venedig

Alicja Kwade: "Pars pro Toto", 2017, Naturstein, Sound, auf der 57. Esposizione Internazionale d’Arte - La Biennale di Venezia

Italienischer Pavillon: Schwarz statt Tutti Frutti

Das Gastgeberland hat es in den letzten Jahren immer wieder geschafft, unter Aufbietung von jeweils mindestens einem Dutzend Künstler absolut scheußliche Tutti-Frutti-Pavillons zu fabrizieren. Diesmal setzt Kuratorin Cecilia Alemani bei ihrem "il mondo magico" auf Reduktion, drei Künstler nur und Schwarz als Leitfarbe. Die beste Arbeit liefert Giorgio Andreotta Calo: Man durchquert eine mächtige, düstere, fünfschiffige Basilika aus Gerüststangen, steigt eine Treppe empor, wendet den Blick und erlebt ein optisches Wunder. Ein riesiger Spiegel verdoppelt den Dachstuhl zum metaphysischen Raum, wirklich schön, dieses "la fine del mondo"! Als Journalist will man der Sache natürlich auf den Grund gehen. Anfassen ist nicht erlaubt, also bläst man auf die Spiegelfläche. Sie kräuselt sich, also Wasser. Aber wieviel? 5000 Tonnen, flüstert ehrfürchtig der Security-Mann. Da geht man schon ängstlicher zurück durch den Rüststangenwald. Skeptische Nachfrage bei der Pressefrau: Sie könne sich nicht erinnern, aber es sind ... entweder 500 oder 50 Tonnen. Il mondo magico! Tim Sommer

Deutscher Pavillon: Schleichweg ins Innere

Die Schlange vor dem deutschen Pavillon ist lang. Sehr lang. Im Inneren findet gerade die Performance von Anne Imhof statt. Und da sich herumgesprochen hat, dass sie ein Highlight auf der Biennale ist und die Künstlerin sich außerdem nicht so genau festlegen will, ob und wann heute noch eine zweite Performance stattfinden wird, bleiben die Leute, die schon drinnen sind, drinnen. Und die Leute, die in der Schlange stehen, bleiben stehen. Das heißt: Man kommt eigentlich nicht vorwärts und muss eisern warten. Anne Imhof schickt netterweise ein paar ihrer Performer nach draußen: Einer ist aufs Dach geklettert, ein anderer lässt sich in dem Zwinger, der diesmal vor dem Pavillon angebracht ist, von zwei Hunden das Gesicht abschlecken. Eine junge Frau in schwarzer Sportswear, die wie die anderen keine Miene verzieht, hat den hohen Drahtzaun erklommen.

Der Himmel schickt einen erfolgreichen Museumsdirektor, der den Tipp gibt, auf den benachbarten koreanischen Pavillon zuzusteuern, sich dann hinter dem Busch direkt an den Eingang zum deutschen Pavillon zu schleichen und sich dort neu einzureihen. Dank dieser Methode befindet man sich innerhalb kürzester Zeit im Inneren. Was natürlich wahnsinnig asozial ist. Aber man versteht, warum niemand rausgeht: Die Performance ist wirklich großartig. Und alle sind in fröhlicher Plauderlaune hier drinnen. Man klebt mit den anderen Besuchern an den in die Wände eingelassenen Scheiben, um Blicke auf die Performance zu erhaschen, die dahinter stattfindet. Wer zu weit hinten steht, kann auf den Displays der hochgehaltenen Smartphones verfolgen, was vor sich geht. Auch direkt unter einem sind plötzlich Performer, denn die Künstlerin hat eine Ebene aus Glas in den Pavillon eingezogen, weswegen man sich latent mulmig fühlt. Es ist bizarr: Die Performance ist düster, unglaublich konzentriert, und wäre wohl fast schmerzhaft eindringlich. Doch hier drinnen ist die Stimmung zwischen den Besuchern fast zu gut, um sich voll auf die Kunst einzulassen oder den immer noch draußen Wartenden endlich Platz zu machen. Wobei schon klar ist, dass das alles Teil dieses finsteren Kunstwerks ist: die stoisch agierenden Performer mit ihren Hunden, und das rücksichtslos plaudernde Vernissagepublikum mit seinen allzeit hoch und in alle möglichen Richtungen gehaltenen Handys. Mirja Rosenau

Hauptausstellung: Polonaise mit Olafur Eliasson

Auf dieser Biennale menschelt es wie verrückt. Überall wird Kontakt gesucht, wird eingeladen zum Mitmachen, Tanzen, Basteln, Heilen. Das gilt besonders für die Hauptausstellung "Viva Arte Viva" von Christine Macel. Schon vorab hatte die Kuratorin verkündet, Kunst sei für sie "ein Katalysator für zwischenmenschliche Beziehungen, der uns mit Natur und Kosmos verbindet und unserem Dasein eine spirituelle Dimension eröffnet". Konkret sieht das so aus, dass man vom Mondrian-Fanclub aufgefordert wird, mit Fingerfarben in Blau, Gelb oder Rot einem Abdruck auf einem weißen Stoffband zu hinterlassen.

Oder man lässt sich in Lee Mingweis liebevoller Nähwerkstatt Löcher in der Kleidung kunststopfen, während man mit dem Künstler plaudert. Oder man trifft unter Ernesto Netos netzartigem Zeltdach im Arsenale Huni-Kuin-Indianer aus dem Amazonas, die uns in die Feinheiten brasilianischer Schamanenrituale einweisen. Dazu sitzt man auf Rindenmulch und schaut den Indianern beim Schminken und Schnupfen von Bio-Drogen zu. Später veranstalten sie in den Giardini eine Mitmach-Performance, um "die Wunden unserer kranken Gesellschaft zu heilen". Dass das ausgerechnet vor dem griechischen Pavillon passiert, ist wohl eher Zufall. Jedenfalls fasst man sich an den Händen, formt einen großen Kreis, japst und hüpft mit den Indianern und rennt dann unter Hei-ho-Rufen kreuz und quer durchs Gelände, rein in den zentralen Pavillon und dann schnurstracks zu Olafur Eliassons Bastelwerkstatt, in der Migranten aus Holz und Plastik sogenannte "Green Lights" zusammenbauen. Die Huni-Kuhn-Polonaise umrundet die Lampenbastler. Und wer reiht sich plötzlich mit ein? Der Meister persönlich! Ganz vorn, hinter den federgeschmückten Schamanen hüpft Eliasson mit im Kreis und ruft: "Hei, he, hei, he, hei…" Da kann die Weltrettung doch wirklich nicht mehr fern sein. Ute Thon

Fondazione Prada: Draußen war gerade noch die Welt

Wer dieser Tage den eleganten Palazzo der Fondazione Prada in Venedig betritt, wird sich vielleicht über die Läufer in der Eingangshalle wundern, die mit ihrer geometrisch-spießigen Streifenoptik den schönen Marmorboden zerschneiden und die Steintreppen bedecken. Dass die Teppichmeterware ein Vorleben als Bühnenbild in einem Marthaler-Stück hatte, wird erst später klar, wenn man hinter das Prinzip der Ausstellung "The Boat is Leaking. The Captain Lied" gestiegen ist. Und dieses Prinzip ist ebenso abwegig wie genial: Man nehme zwei bekannte, eigenwillige Film- und Fotokünstler, Thomas Demand und Alexander Kluge, und zeige ihre Arbeiten in recycelten Bühnenbildern der preisgekrönten Theaterszenografin Anne Viebrock. Wie gut das funktioniert, wird spätestens im ersten Stock klar, wo man in einen Raum mit sechs Türen tritt, der aussieht wie ein Behördenflur in Deutschland anno 1965 – in Wirklichkeit stammen die Türen vom Bühnenbild zu Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung".

Kunstkosmos Venedig

Blick in die Ausstellung “The boat is Leaking. The Captain Lied.” in der Fondazione Prada in Venedig, mit Thomas Demand: "Konstellation (Constellation)", 2000, Anna Viebrock "Doors", 2017 und "Thomas Demand Archiv (Archive)", 1995 (von links nach rechts)

Jede Tür führt in ein anderes räumliches Universum: Gerichtssaal und Schulklasse, Kino, Theaterbühne, Biedermeierzimmer. Und in jeder dieser Kulissen sind wie selbstverständlich Foto- und Filmarbeiten von Demand und Kluge integriert, "Klause II", "Kontrollraum", "Pacific Sun", "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit", "Lernen & Lieben in einem Meer von Krieg". Im labyrinthischen Haus im Haus verliert man jede Orientierung und sich selbst um so mehr in den Bildern und Filmen. Ein bisschen erinnert das ganze an Gregor Schneiders "Totes Haus Ur", wenn Fassbinder es entworfen hätte, nicht so eng und klaustrophobisch, verspielter und mit mehr Drama. Den Vergleich lässt Prada-Gastkurator Udo Kittelmann, der einst Schneiders Haus nach Venedig holte, gern gelten: "Mir gefällt die Idee zu sagen, du machst die Tür auf und wenn sie hinter dir zufällt, vergisst du für einen ganz langen Moment das, was da draußen gerade noch die Welt war." Ute Thon

Palazzo Grassi: Jungsträume Mit Damien Hirst

Manchmal ist die Kunst auch gut dafür, Jungsträume auszuleben. Der englische Künstler Damien Hirst kennt in dieser Hinsicht keine Hemmungen. In den zwei venezianischen Privatmuseen des französischen Großsammlers François Pinault lässt er es richtig krachen. Die Idee seiner gigantomanischen Doppelausstellung könnte theoretisch sogar ganz charmant sein: Man stelle sich ein Schiffswrack vor, das im Jahr 2008 im Indischen Ozean gefunden wird und das, jetzt kommt der Jungstraum, seltsame Schätze enthält. Die Legende geht so, dass ein römischer Ex-Sklave namens Cif Amotan II vor 2000 Jahren eine Sammlung von Skulpturen und Schätzen, mit denen er einen Tempel ausschmücken wollte, auf ein Schiff laden ließ, das dann eben sank. Hirst malt seine Fantasie, diese Schätze habe man jetzt geborgen und ins Museum gebracht, genüsslich aus: Ermüdend lange Filme zeigen Taucher bei der Arbeit.

Ansonsten sind beide Museen gefüllt mit aufwendig hergestellten Trash-Skulpturen im typisch brachialen Hirst-Stil. Das Arbeitsmotto des Starkünstlers scheint mittlerweile zu lauten: "Weil ich's kann!". Weil er's kann, lässt er Skulpturen herstellen, die im Palazzo Grassi an der Decke kratzen; weil er's kann, lässt er eine Micky-Maus-Figur auf den Meeresgrund legen, und später bergen. Offenbar hat es dem Sammler Pinault gefallen, sich selbst als Ex-Sklave zu imaginieren, der Sammler, das Schiff, der Untergang! Jungsträume könnten so schön sein, wenn man sie nicht zur geistlosen Materialschlacht degradieren würde; und die Skulpturen von Damien Hirst sind längst herabgesunken ins bodenlos Banale. Vielleicht sieht man sie bald mal in einem Shopping-Center. Ralf Schlüter

Isländischer Pavillon: Hilfe! Menschenfresser!

Wer nach einem Pavillon auch gerne mal ein bisschen sucht, der ist in Giudecca richtig. Die Isländer haben sich hier regelrecht versteckt, ganz am Ende der Insel, in den Eingeweiden eines riesigen ehemaligen Fabrikgeländes. Hat man den "Spazio Punch" aber einmal gefunden, dann kann man hier eine gute Zeit haben. Es gibt eine kleine Cafebar, an der man sich mit Espresso versorgen kann; man nimmt dann auf einem Holzschmemel Platz und schaut durch eine kleine Öffnung in der Kulisse in den Ausstellungsraum hinein.

»Primitiv nicht immer gut«
Eines ist sicher: Der Preis für den schrägsten Auftritt der Venedig Biennale geht an Island! Die für ihre eigenwilligen Kulturschaffenden bekannte Insel am Rande der bekannten Welt hat ihn von zwei riesigen Trollen namens Ūgh und Bõögâr gestalten lassen. art sprach mit den beiden über Kunst und Espresso

Der isländische Künstler Egill Saebjörnsen lässt in einem 15-Minuten-Animationsfilm zwei isländische Trolle auftreten, die Menschen fressen. Das ist im Prinzip auch schon die Handlung, die Trolle kommen nach Venedig und fressen Kunstleute, unter anderem den MoMA-Kurator Klaus Biesenbach. Man muss das nicht rasend witzig finden, aber die Zeit geht schnell vorbei mit dem Espresso und den Trollen - ein selbstironischer Spaß aus dem Geist des Horror-Comics. Ralf Schlüter

War sonst noch was?

Gespräch zweier anonymer Kunstliebhaber in einem Pavillon, abends, kurz vor Schließung der Giardini: Der eine: "Was ist das schon wieder für ein Mist?" – Der andere: "In welchem Land sind wir eigentlich?"

Venedig Biennale
Alle wichtigen Informationen, aktuelle Berichte und Tipps für die Venedig Biennale 2017