Exklusiv-Interview mit Island-Trollen

»Primitiv nicht immer gut«

Eines ist sicher: Der Preis für den schrägsten Auftritt der Venedig Biennale geht an Island! Die für ihre eigenwilligen Kulturschaffenden bekannte Insel am Rande der bekannten Welt hat ihn von zwei riesigen Trollen namens Ūgh und Bõögâr gestalten lassen. Sie ließen sich von Künstler Egill Saebjörnsson und Kuratorin Stefanie Böttcher dazu überreden, einige Fragen zu beantworten. Dann verschwanden sie plötzlich.
»Primitiv nicht immer gut«

Künstler Egill Sæbjörnsson und die Trolle Ūgh und Bõögâr

art: Hallo, Ūgh und Bõögâr! Es war eine kleine Überraschung, ausgerechnet euch einzuladen, den isländischen Pavillon zu gestalten. Immerhin seid ihr isländische Trolle, 36 Meter groß,  esst am liebsten Menschen, versteckt euch hinter Gebäuden und als Formwandler verändert ihr euch auch noch ständig. Da keiner weiß, woher ihr kommt, wie alt ihr seid und wie ihr in das Leben des Künstlers Egill Saebjörnsson getreten seid, würden wir uns freuen, genau das zu erfahren. Also: Woher kommt ihr, wie alt seid ihr und wie seid ihr in das Leben des Künstlers Egill Saebjörnsson getreten?

Ūgh: Troll nicht gut zählen. Troll nicht existieren Zahlen. Menschen zählen ihren Tod wie Vulkan, Troll fürchten Vulkan aber nicht Tod.

Egill Saebjörnsson: Er will damit sagen, dass er sein Alter nicht in Jahren bemisst. Er weiß, dass er existiert und das bestimmt sein Leben. Ich denke, wir zählen unsere Lebensjahre ab, aber eigentlich hat das nichts mit Alter zu tun. Er sagt außerdem, dass das Abzählen von Jahren bedeutet, sich zu Tode zu zählen und dass der Tod wie ein Vulkan ist. Der Vulkan ist wahrscheinlich das einzige, was sie fürchten.

»Primitiv nicht immer gut«

Ūgh und Bõögâr, Illustration aus dem Buch “When Egill met the Trolls and took them to Venice” als Teil des isländischen Biennale-Beitrages "Out of Controll in Venice"

Bõögâr: Troll geboren in Garmalama. Mutter alle Kontinente. Jetzt Land nicht gibt. Große Trollhöhle in Island. Troll leben ganze Welt. Troll ist Welt. Welt ist Trollwelt.

Stefanie Böttcher: Bõögâr spricht von einem Land, das es gab, bevor es Afrika gab. Das würde bedeuten, dass sie älter sind als die uns gegenwärtig bekannten tektonischen Platten, also sehr, sehr alt. Sie haben keine Nationalitäten und sie reisen ohne Pässe.

Egill Saebjörnsson: Sie sagen auch, dass sie auf der ganzen Welt leben, Island ist nur eine zeitweilige Heimat - aber eine mit einer großen, gemütlichen Höhle.

Ūgh: Troll beobachten Egill lange Zeit. Egill reden mit Trollen. Troll finden Egill, nicht Egill finden Troll.

Stefanie Böttcher: Ūgh beschreibt, dass Egill denkt, er hätte sie getroffen, aber in Wirklichkeit haben sie ihn über lange Zeit verfolgt und ihn dazu verlockt, mir ihm zu arbeiten. So langsam versteht Egill das, aber es dauert ganz schön lange.

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Egill Saebjörnsson: Na ja, ich habe das etwas anders in Erinnerung. Ich traf diesen Troll, oder genauer gesagt sah ich diesen Troll aus Plastik in einem Laden in Oslo und da ist es passiert.

Nachdem ihr Egill kennengelernt hattet, ist euch aufgefallen, dass den Menschen viele Dinge vertraut sind, die Trollen bisher unbekannt waren - wie beispielsweise Kunst. Wenn man sich euer Heimatland Island ansieht, das in letzter Zeit einiges an politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen hinter sich gebracht hat, fragt man sich, ob es auch Dinge gibt, die die Menschheit von den Trollen lernen könnte, um das Leben besser auf die Reihe zu kriegen.

Bõögâr: Politik ist Mensch. Mensch erst lernen Mensch. Wenn Mensch besser Mensch, dann machen bessere Politik. Troll mögen Kunst. Kunst neu für Troll. Troll lernen neuen Formerwandel in Kunst. Troll sehr mögen. Troll gebrauchen auf Berg.

»Primitiv nicht immer gut«

Ūgh und Bõögâr im Atelier, Illustration aus dem Buch “When Egill met the Trolls and took them to Venice” als Teil des isländischen Biennale-Beitrages "Out of Controll in Venice"

Stefanie Böttcher: Um das mit der Politik etwas genauer zu erklären: Sie sagen, dass die Menschen lernen müssen, menschlicher zu sein und dann werden sie auch gute Politiker werden. Ich bin mir nicht ganz sicher, was genau sie damit meinen, aber vielleicht ist es die Schwäche des menschlichen Geistes, die die menschlichen Gesellschaften so eitel werden und Gier und Korruption in den Vordergrund treten lässt. Mit stärkeren Menschen, die mehr über sich selbst wissen, könnte auch die Politik stärker werden.

Egill Saebjörnsson: Er will damit sagen, dass ihrer Meinung nach Kunst nur eine Art dessen ist, was sie als Formwandel beschreiben. Andererseits weiß ich nicht, was Formwandel ist, aber es ist ein magisches Talent, dass sie besitzen und ich bin daran sehr interessiert. Ich denke, dass es sich bei dem, was sie als Formwandel oder Formwandler beschreiben, um einen grundsätzlichen Aspekt menschlichen Seins handelt.

Stefanie Böttcher: Sie sind neugierig auf zeitgenössische Kunst, da es sie an das erinnert, was sie als Formwandel beschreiben - was so ein Troll-Ding ist. Sie halten Egill ebenfalls für einen Formwandler, was bedeutet, das wir alle, die gesamte Menschheit, welche sind. Aber dass wir Anfänger sind. Und dass sie uns das beibringen wollen.

Egill Saebjörnsson: Und na ja, es ist nicht leicht, ihr Englisch ist nicht so toll und ich spreche null Trollisch. Aber sie haben etwas sehr, sehr Tiefes ans sich... sehr interessant.

»Primitiv nicht immer gut«

Der isländische Künstler Egill Saebjörnsson

Bõögâr: Egill reden gut. Primitiv gut. Gold prima. Gold alt. Gold verlangen primitiv gut Kunst. Mächtig. Egill lernen.

Egill Saebjörnsson: Ja Bõögâr, ich weiß, wovon Du redest. Du sagst, am Anfang war Verlangen. Dass das Gefühl, das unsere Handlungen treibt, wichtiger als unsere Gedanken ist... Auf eine gewisse Weise hat jedes Zeitalter eine bestimmte Denkweise, aber die stirbt normalerweise aus, wenn ein anderes beginnt. Er redet von den elementaren Kräften der Existenz, die durch die Zeiten schneiden.

Ūgh: Aber Bõögâr, primitiv nicht immer gut. Troll erinnern Vulkan explodieren. Bõögâr zu primitiv! Bõögâr pinkelt in Vulkan, Vulkan explodieren. Nicht gut. Danach kalt. Troll kalt lange Zeit.

Bõögâr: Troll pinkelt, Vulkan explodieren, viel viel Spaß.

Egill Saebjörnsson: Sie reden darüber, wie Bõögâr vor 110 000 Jahren in einen Vulkan gepinkelt und dadurch den größten Vulkanausbruch in der Geschichte der Erde ausgelöst hat, woraufhin es für die nächsten 100 000 Jahre sehr kalt wurde.

Stefanie Böttcher: Also für mich war es einfach unglaublich, so alte Lebewesen kennenzulernen. Ūgh und Bõögâr sind umwerfend - ihre Ideen und Gedanken kennen keine Grenzen.

»Primitiv nicht immer gut«

Kuratorin des isländischen Pavillons: Stefanie Böttcher

Ūgh: Egill und Stefanie Europa. Europa Gefängnis. Jetzt viele Menschen wollen Europa sein. Nicht gut.

Stefanie Böttcher: Ūgh meint, dass unsere Gesellschaft zu unlocker ist und dass wir an dem Drang leiden, alles zu organisiern und zu kategorisieren. Deswegen sind Menschen so klein. In den ersten Tagen der Menschheit waren die Menschen Riesen mit gigantischer Fantasie und wild. Über die Jahrhunderte haben sie dann gelernt zu organisieren und begonnen, alles um sich herum zu strukturieren. Was sicher hilfreich war, aber uns in vielfältiger Weise auch begrenzt. Deswegen sind die Menschen geschrumpft und geschrumpft.

Egill Sæbjörnsson: Sie sagen auch, dass die Vorherrschaft Europas oder der westlichen Lebensweise nicht so gut sind.

Ūgh: Menschen lernen. Troll lehren. Menschen lehren. Troll lernen.

Egill Sæbjörnsson: Tja, sie versuchen uns aufzufordern, entspannter und spielerischer zu sein, schätze ich. Aber ich finde, die Menschheit hat mit all der Wissenschaft und den Erfindungen viel erreicht. Aber, ja, ich stimme Stefanie zu, wir könnten ein wenig mehr spielen.

»Primitiv nicht immer gut«

Illustration aus dem Buch “When Egill met the Trolls and took them to Venice” als Teil des isländischen Biennale-Beitrages "Out of Controll in Venice"

Wie war es denn so, in Egills Atelier zu wohnen? Und wie hat es funktioniert, weitgehend unbemerkt von Berlin nach Venedig zu gelangen - verfügt ihr über geheime Transportechnologien?

Ūgh: Former Wandler leicht. Reise leicht. Menschen auch können Former Wandler reisen leicht.

Stefanie Böttcher: Sie versuchen uns beizubringen, wie sie zu sein. Anscheinend verfügen sie über eine Technologie, die es ihnen erlaubt, mit Lichtgeschwindigkeit reisen. Sie sagen uns, dass auch wir Formwandler sind! Und dass wir diese Fähigkeit verloren haben. Dass die Menschen durch ihren urbanen Lebensstil engstirning geworden sind.

Bõögâr: Troll mag trinken Kaffee. Troll mögen rülpsen Wasser. Machen Geräusch wie Vulkan, explodiert und noch mal!

Egill Sæbjörnsson: Sie trinken gern Kaffee. Ich schätze, das haben sie von mir. Und sie trinken gerne Espresso mit einer Menge Mineralwasser. Davon werden sie ziemlich high und dann rülpsen sie echt laut und lachen und wollen das ganze wiederholen. Sowas kennt man in der Troll-Welt eben nicht: Kaffee, Autos, Kunst - was die Zivilisation eben so hat. Gefällt ihnen sogar ziemlich gut.

Ūgh: Troll lehren neue Kunst Menschen.

»Primitiv nicht immer gut«

Kleiner Touri-Snack für Ügh, "Out of Controll in Venice", 2017

Bõögâr: Gold Troll Kunst.

Egill Sæbjörnsson: Sie sind ziemlich selbstbewusst. Sie glauben, eine neue Art von Kunst erfunden zu haben, die sie uns beibringen wollen. Mal sehen. Sie sind mitten dabei. Wobei, ich muss schon zugeben, dass Stefanie und ich viel gelernt haben, als wir erlebt haben, wie sie an Kunst herangegangen sind. Sie machen das sehr anders als wir Menschen.

Stefanie Böttcher: Es weniger wie sie reden, es ist mehr die Art, wie sie Sachen machen.

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Bõögâr: Troll machen Parfum. Troll hinein tun Gold, Menschensachen, Autos, Kaffee, Kunstwerke, Galerist.

Egill Sæbjörnsson: Ja, traurigerweise haben sie sich Larry Gagosian geschnappt und - schwupps! - weg war er, verschwunden im großen Kessel im Keller unseres Berliner Ateliers. Ich habe versucht, das zu verhindern, aber er kam ihnen zu nahe, ohne sie kennen gelernt zu haben. Es ist schrecklich.

Bõögâr: Geza verstehen Troll. Geza Freund troll. Geza Troll.

Egill Sæbjörnsson: Bõögâr sagt auch, dass es ihnen gefallen hat, mit Geza Schön zusammenzuarbeiten. Geza verfügt über die Fähigkeit, sowohl Menschen als auch Trolle sehr gut zu verstehen. Es war eine fruchtbare Zusammenarbeit. Aber sie basierte auch auf einem lustigen Mißverständnis: Geza spricht kein Englisch, nur Deutsch, also sagte er immer "toll, toll" und Ūgh und Bõögâr hielten es für "Troll, Troll” und aufgrund seines freundlichen Wesens begannen sie ihn deswegen zu mögen. Sie haben es kapiert, obwohl sie es falsch verstanden haben. Ich kann übrigens aus rechtlichen Gründen nicht veraten, was noch so alles im großen Troll-Parfum-Kochtopf gelandet ist - und es würde eh keiner glauben

»Primitiv nicht immer gut«

Ügh and Bõögâr beim Besuch der Ausstellung "Treasures from the Wreck of the Unbelievable" von Damien Hirst, "Out of Controll in Venice", 2017, Isländischer Pavilion auf der Venedig Biennale, 2017

Ihr sollt angeblich nicht nur bereits ein paar Touristen und ein paar Ortsansässige verspeist, sondern auch schon die Ausstellung von Damien Hirst besucht und obendrein noch ungefähr 100 000 Tassen Espresso getrunken haben. Es wäre also davon auszugehen, dass ihr in zwischen ganz schön grenzwertig unterwegs seid?

Egill Sæbjörnsson: Schade, dass die Trolle gerade verschwunden sind - aber sie haben einfach eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne. Das hier ist wahrschenlich ohnehin das längste Interview, das je mit Trollen geführt wurde.

Stefanie Böttcher: Aber um die Frage zu beantworten - ja, es ist sicher grenzwertig, mit Trollen zu leben. Daher haben wir uns auch für Giudecca entschieden, der Rand Venedigs erscheint uns passender.

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Gerüchteweise sollen sich die Trolle inzwischen auch für Musikproduktion, Mode und eben die eigenständige Herstellung von Kunst interessieren - was darf die Welt denn nun konkret an Kunstwerken, Klängen, Looks, Gerüchen und so weiter im isländischen Pavillon erwarten?

Egill Sæbjörnsson: Wir haben uns entschlossen, noch nicht preiszugeben, was endgültig im Pavillon zu sehen sein wird. Sie produzieren viele Dinge und Stefanie und ich versuchen, eines ihrer Projekte auszuwählen und daraus eine Ausstellung zu machen. Das ist nicht so einfach.

Stefanie Böttcher: Ja, es ist einfach noch nicht spruchreif. Außerdem sind die Arbeiten im Pavillon nur ein kleiner Teil dessen, was Egill und ich als das Hauptwerk betrachten, das mehr aus Interviews und Texten besteht, wie zum Beispiel Egills Buch in dem er erzählt, wie wie er die Trolle traf und nach Venedig brachte. Ein Teil der Kunst stammt von Ūgh und Bõögâr, aber Egill hat einen großen Teil der Musik beigesteuert. Und dann sind da andere Mitwirkende: Affeldo von den Puppetmastaz, Geza Schön, der berüchtigte Parfumeur und die isländische Mode-Designerin Eygló.

»Primitiv nicht immer gut«

Was endgültig im Pavillon zu sehen sein wird, ist noch nicht bekannt. Illustration aus dem Buch “When Egill met the Trolls and took them to Venice” als Teil des isländischen Biennale-Beitrages "Out of Controll in Venice"

Eine letzte Frage, was die berufliche Zukunft von Ūgh und Bõögâr betrifft, wenn die Venedig-Biennale vorbei ist: Machen sie sich Sorgen, dass sie eines Tages Handlanger-Jobs annahmen müssen und dann zum Beispiel in einer Troll-Fabrik Leute im Netz zu trollen - oder hoffen die beiden, weiter als Künstler Karriere zu machen?

Stefanie Böttcher: Sowas fragen aber auch echt nur Menschen. Ich schätze. Ūgh und Bõögâr haben kein Interesse daran, kontrolllierbar oder berechenbar zu sein. Menschen sind ganz groß im Schubladendenken - und Trolle lieben es, unsere Ordnung durcheinanderzubringen.

Egill Sæbjörnsson: Und warum sollte eine künstlerische Karriere zu Ende gehen, weil sie für Menschen unsichtbar ist? Die Trolle träumen von größeren und wilderen Abenteuern, als sie sich die meisten Menschen auch nur vorstellen können. Aber wer weiß, wenn sie versuchen, viel Zeit mit Trollen zu verbringen und sich von ihnen inspirieren zu lassen, dann könnte es den Menschen eines Tages wieder möglich sein, zu wachsen.

La Biennale di Venezia
»Viva Arte Viva« lautet der Titel der 57. internationalen Kunstausstellung, die von Christine Macel kuratiert wird und in den Giardini, im Arsenale und an weiteren Orten stattfindet
Giardini della Biennale und Arsenale ,  Venedig